Brasilien
Hochauflösende Satellitenbilder helfen beim Tracking der globalen Entwaldung, Aufforstung und des Waldschutzes – hier: die zwei Seiten des Amazonasgebiets.

Österreich ist ein Land der Wälder: Auf vier Millionen Hektar, also fast der Hälfte des Staatsgebiets, wachsen Bäume. Sie tun dies überwiegend im Privatbesitz: Rund 145.000 Eigentümern gehören 82 Prozent der heimischen Waldflächen. Und: Ein erheblicher Teil von ihnen besitzt Wälder, die nur einige Hektar groß sind.

Wer auch nur über etwas Garten oder Feld verfügt, könnte sich der großen Gruppe der kleinen Waldbesitzer anschließen – schon ab hundert Quadratmetern ist man dabei. Denn diese Fläche reicht für einen so genannten Miyawaki-Wald. Dahinter steckt eine vom japanischen Botaniker Akira Miyawaki (1928-2021) entwickelte Anpflanzmethode, mit der sich innerhalb weniger Jahre kompakte Miniwälder hochziehen lassen. Wie das funktioniert? Möglichst viele und unterschiedliche heimische Baum- und Straucharten werden so dicht in aufbereitete, lockere Erde gesetzt, dass jede Pflanze um einen Platz an der Sonne kämpft. „Wenn man es richtig macht, schießt der Wald ziemlich rasch in die Höhe. Ein hundertjähriger Wald ist auf diese Weise in nur zehn Jahren realisierbar“, erklärt Shubhendu Sharma.

Miyawaki-Wälder
Miyawaki-Wälder wachsen so dicht, dass man sie kaum durchqueren kann. Im Bild: Shubhendu Sharma mit seinem ersten Kompaktwald – sieben Monate nach der Anpflanzung.

Wäldchen für die Stadt

Sharma ist Wirtschaftsingenieur und lebt in der indischen Metropole Bangalore. Seit elf Jahren berät er mit seinem Unternehmen Afforestt Einzelpersonen, Gemeinden und Unternehmen auf der ganzen Welt, wie sie grüne Vielfalt auf kleiner Fläche schaffen können. Dreitausend dieser Minidschungel gibt es bereits, Sharma war persönlich in 170 Projekte involviert. Tiny Forests werden heute auf Fabriksarealen und Schulgeländen, in Parks und Innenhöfen, in Gärten und neben Polizeistationen errichtet – und sie gedeihen in klimatisch unterschiedlichen Ländern wie in den Niederlanden, in Singapur, in Jordanien oder Tansania. Übrigens gibt es auch Pläne für einen Miyawaki-Wald im 22. Bezirk in Wien.

Interview mit Shubhendu Sharma, Afforestt

Miyawaki-Methode: In nur zehn Jahren ein kleiner Wald

Shubhendu Sharma aus Indien pflanzt Miyawaki-Wälder. Im corporAID-Interview erklärt er, worauf es dabei ankommt – und warum jeder Bürgermeister die Idee aufgreifen sollte.

Für Städte eignen sie sich besonders, sagt Sharma: „Miniwälder verringern den Hitzeinseleffekt, von dem zubetonierte Städte zunehmend betroffen sind. Die vielen Pflanzen filtern die Luft und bringen Vögel, Schmetterlinge und Bienen zurück. Und da die Wälder nach zwei bis drei Jahren keine Pflege mehr brauchen, sind sie in der Erhaltung billiger als jede andere Grünanlage.“

Zukunftsfähige Renaturierung

Für graue Städte hat die Idee der grünen Oase durchaus Charme. Geht es um die globale Aufforstung (siehe auch corporAID Artikel: Wälder für die Welt), so sind Tiny Forests vor allem aber das: ein eher kleiner Teil der Lösung. Doch so wie Sharma tüfteln Menschen auf der ganzen Welt an Methoden, um triste Gegenden zu begrünen und diese Vorhaben zukunftsfähig zu machen.

Ein Experte für die Begrünung großer karger Flächen ist Tony Rinaudo. Der 65-jährige australische Agrarökonom hat Jahrzehnte in Westafrika verbracht und sich dort den Beinamen des „Waldmachers“ erarbeitet – unter diesem Titel wird im September auch eine Filmdokumentation über ihn von Oscarpreisträger Volker Schlöndorff ins Kino kommen. 

Rinaudo blickt auf ein beachtliches Lebenswerk zurück: Er hat eine Methode entwickelt, mit der seit den 1980er Jahren mehr als 20 Millionen Hektar Land in 26 Ländern, von Äthiopien über den Tschad bis Indonesien, wieder begrünt wurden. Allein in Niger, wo er hauptsächlich tätig war, sollen dank ihm heute 200 Millionen Bäume wachsen.

Interview mit Tony Rinaudo

Tony Rinaudo, Agrarökonom

Milliarden Bäume durch Millionen Bauern

Der australische Agrarökonom Tony Rinaudo lässt mit der FMNR-Methode karge Landschaften ergrünen, ohne einen einzigen Baum zu pflanzen.

Neues aus Altem

Das Besondere: Für seine Art der Aufforstung muss kein Baum gepflanzt werden. Rinaudo fand nämlich heraus, dass auf scheinbar baumlosem Acker- und Weideland oft noch zahlreiche Baumstümpfe mit intaktem Wurzelwerk vorhanden sind, aus denen sich Bäume ziehen lassen. Mit seiner FMNR-Methode – das Kürzel steht für „Farmer Managed Natural Regeneration“ – setzt er, gemeinsam mit der Entwicklungsorganisation World Vision, auf die Zusammenarbeit mit Kleinbauern. Diese werden geschult, wie sie die richtigen Baumstümpfe auswählen, wie sie den Großteil der Triebe zurückschneiden und aus den restlichen kräftige Stämme hochziehen können. 

FMNR
FMNR-Methode: Aus Wurzeln und Baumstümpfen lassen sich neue Bäume ziehen.

Die Bauern lernen außerdem, dass sie ihre Ernten steigern können, wenn sie Nahrungspflanzen und Bäume auf einer Fläche kombinieren. 

Das Zusammenspiel von Land- und Forstwirtschaft, Agroforstwirtschaft genannt, wird vom Weltklimarat IPCC seit Jahren als wichtige Maßnahme empfohlen, um biologische Vielfalt und eine höhere Kohlenstoffbindung im Boden zu erreichen. Mit FMNR lassen sich aber nicht nur Bäume auf Felder bringen. So wurde beispielsweise in der äthiopischen Bergregion Humbu ein 2.700 Hektar großes Waldgebiet reaktiviert. Da die neuen alten Bäume CO2 aus der Luft holen, konnte sich Humbu auch als Klimaschutzprojekt qualifizieren. Das bedeutet zusätzliche Einnahmen für die lokale Bevölkerung durch den Verkauf von CO2-Zertifikaten über einen Zeitraum von 30 Jahren. Und weil Humbu neben der Treibhausgasreduktion zur nachhaltigen Entwicklung in der Region beiträgt, ist es zudem als „Goldstandard“-Projekt zertifiziert. Abnehmer der Zertifikate sind unter anderem der Moderiese Zalando und der Senat der Wirtschaft in Österreich.

Josef Ertl, Awaken Trees
Josef Ertl, Awaken Trees

Mit Josef Ertl gibt es übrigens einen erst 20-jährigen Österreicher, der bei Tony Rinaudo die FMNR-Methode erlernte, 2021 in Österreich den Verein Awaken Trees gründete und nun erste Projekte in Tansania und Ghana umsetzt. 

Bessere Daten

Ein weiterer Pluspunkt der FMNR-Methode, die auf die Regeneration von vorhandenen Baumresten setzt: Sie soll mit Kosten von etwa 40 Dollar pro Hektar um ein Vielfaches günstiger sein als die Renaturierung durch Neupflanzungen. Dennoch ist damit nicht alles zu lösen, weshalb weltweit auch unzählige kleinere und größere Neupflanzaktionen stattfinden. 

Der Trend wird auch von Unternehmen befeuert, die damit werben, für jedes gekaufte Paar Schuhe, Smartphone oder Flugticket neue Bäume zu setzen. Nachhaltiger Erfolg ist aber nicht immer garantiert. Wenn sich beispielsweise Projektbetreiber mit „Plant and go“ zufriedengeben, also Bäume pflanzen, sich aber nicht ausreichend um die Setzlinge kümmern, kann die sympathische Idee noch im Keim ersticken. Und so kommt es, dass manche Aktionen zwar vielleicht gut gemeint, aber schlecht ausgeführt werden, andere sogar Schaden anrichten – weil sie beispielsweise am falschen Ort stattfinden oder ungeeignete Baumarten gewählt werden. Insgesamt, so sind sich Aufforstungsexperten einig, kann der Trend zum neuen Baum von mehr Know-how, Austausch und Überwachung nur profitieren. 

Genau hier setzt das Non-​Profit-Unternehmen Restor aus Zürich an. Das Start-up veröffentlichte 2021, zum Beginn der „Dekade für Ökosystemrestaurierung“ des UN-​Umweltprogramms eine gleichnamige, innovative Lösung zur Unterstützung ebendieser Bewegung.

Restor ist ein Online-Netzwerk, das einen unkomplizierten Zugang zu Satellitenbildern und wissenschaftlich fundierten Umweltdaten bietet. Nutzer können in Regionen weltweit hineinzoomen und erhalten kostenfrei Informationen zu lokaler Artenvielfalt, CO2– und pH-​Wert im Boden, Temperatur oder Niederschlagsmenge. Das soll vor allem Projektleitern helfen, die für einen bestimmten Standort ökologisch richtigen Entscheidungen zu treffen – etwa, welche Arten gesetzt werden sollen oder ob es nicht besser wäre, einem Gebiet für eine natürliche Regeneration einfach Ruhe zu gönnen. 

Interview mit Clara Rowe, Restor

Clara Rowe

Sichtbar machen, was funktioniert

Das Züricher Start-up Restor will mit einer Datenplattform die Renaturierung der Welt unterstützen. CEO Clara Rowe im Interview.

Mehr Transparenz

Nicht zuletzt will Restor sowohl erfolgreiche als auch gescheiterte Initiativen sichtbar machen – um von beiderlei lernen zu können. Und Lernbedarf ist da: So müssen manche Waldgebiete für die Zukunft klimafit gemacht werden, damit sie Trockenheit, Starkregen oder Schädlingsbefall besser trotzen können. Andere müssen nach verheerenden Bränden, wie sie auch diesen Sommer etwa in Europa stattfinden, wieder aufgebaut werden. Und auch der Einsatz moderner Technologie lässt sich am besten durch moderne Technologie überwachen – etwa ob eine Drohne, die Baumsamen aus der Luft in die Erde schießt, wirklich die bessere Alternative zum Menschen ist, der mit Spaten und Händen pflanzt. 

Restor
Restor gibt Auskunft darüber, wie viel Kohlenstoff im Boden gespeichert ist – und wie viel mehr es durch Aufforstung sein könnte.

Inzwischen hat Restor 109.000 Wiederherstellungs-​ und Naturschutzinitiativen auf der Plattform registriert, davon sind mehr als 11.400 öffentlich einsehbar. Costa Rica ist das erste Land, das künftig alle Waldprojekte mit Restor kartieren will. Schon seit Jahrzehnten bezahlt Costa Rica Waldbesitzer und Einheimische für den Schutz und Erhalt der Wälder. Mit den neuen Überwachungsdaten und -instrumenten sollen die Zahlungen für Ökosystemleistungen transparenter, nachvollziehbarer und rechenschaftspflichtiger werden. „Wir hoffen, dass weitere Länder dem Beispiel Costa Ricas folgen“, so CEO Clara Rowe. Auch Finanzierungsmöglichkeiten durch internationale Geldgeber oder Stiftungen könnten in das System integriert werden. Mit der Zeit sollen auch Unternehmen ihre Kaffee-, Baumwoll- und Holzlieferanten auf Restor auflisten, so dass Kunden mehr über die Herkunft ihrer Lebensmittel, Kleidungsstücke oder Möbel erfahren. 

Gegen illegalen Holzeinschlag

Für mehr Transparenz im Waldgebiet will auch ein junges Start-up aus Österreich sorgen: Beetle ForTech aus Tulln wurde im Sommer 2021 von Koimé Kouacou, Anh Nguyen, Matthias Sammer und Sebastian Vogler gegründet, um dem illegalen Holzeinschlag den Kampf anzusagen. „Interpol geht davon aus, dass 15 bis 30 Prozent des weltweit gehandelten Holzes illegal geerntet wurde. Am stärksten betroffen sind tropische Regionen sowie die sibirischen Wälder. Beachtliche Mengen dieses Holzes gelangen auch nach Europa und Österreich“, so Kouacou. Noch sei der internationale Holzhandel einer Blackbox ähnlich: Vom Wuchsort eines Baumes bis zur ersten Weiterverarbeitung sei er durch viele Zwischenschritte geprägt und schwer nachverfolgbar. 

Beetle ForTech
Sebastian Vogler (links) und Koimé Kouacou haben 2021 das Start-up Beetle ForTech mitgegründet, um die illegale Abholzung zu unterbinden.

Beetle ForTechs Lösung: Jeder Holzstamm erhält direkt bei der Ernte einen smarten Code, der mit einem Markierungsgerät fremdstofffrei angebracht wird. Dazu liefert ein satellitengestütztes Beobachtungssystem hochauflösende Bilder, mit denen die Fällung jedes Baums nachkontrolliert werden kann. „Mit unseren Technologien ist eine lückenlose und fälschungssichere Rückverfolgung jedes einzelnen Baumstammes bis hin zum exakten Wuchsort im globalen Maßstab erstmalig möglich. Unternehmen der Forst- und Holzwirtschaft werden so bei der Erbringung des Legalitätsnachweises unterstützt und entlastet“, erklärt Kouacou. Der Bedarf dafür werde wachsen, ist er sicher. „Der Wandel in Richtung eines nachhaltigen Konsums führt zu einem erhöhten Holzbedarf, der kaum mit heimischen Ressourcen gedeckt werden kann. Holz aus eindeutig nachvollziehbaren Herkünften ist unerlässlich – nicht zuletzt, weil auch die EU kurz vor der Einführung einer umfassenden Entwaldungsverordnung steht.“ Das Start-up rechnet damit, noch Ende 2022 eine erste Software-Lösung auf den Markt zu bringen. 

Fotos: Restor, Stills&(e)motions-RudyDellinger, Afforestt, Awaken Trees, Tony Rinaudo, European Union_Copernicus Sentinel