Kommentar

Jenseits der Empörung

Frederik Schäfer, corporAID

Ausgabe 103 – Sommer 2024

Bei den europäischen Debatten über die Trophäenjagd in Afrika paaren sich Paternalismus und fehlendes Wissen um die lokalen Gegebenheiten.

Frederik Schäfer, corporAID Team
Frederik Schäfer, Chef vom Dienst

Mein erster Kontakt mit der Trophäenjagd war Cecil der Löwe. Cecil wurde 2015 von einem amerikanischen Jäger illegal aus einem Reservat in Simbabwe gelockt, dann per Armbrust getroffen und einen qualvollen Tag später getötet, geköpft und gehäutet. Der internationale Aufschrei war groß, eine Petition zum Verbot der Trophäenjagd folgte auf die nächste – und ich persönlich fand sie alle unterstützenswert. Was mir entging, war, dass das Land infolge der medialen Aufmerksamkeit und damit einhergehend des ausbleibenden Jagdtourismus erhebliche finanzielle Verluste erlitt und es zu einer Überpopulation von Löwen kam.

Und sooft ich die teils makabren Fotos von Jägern in Afrika sah, hätte ich reflexartig dem neuesten Vorstoß der deutschen Umweltministerin, die Einfuhr von Jagdtrophäen zu verbieten, wohl zugestimmt. Doch nun, nach diversen Gesprächen mit Verantwortlichen etwa in Namibia und Simbabwe, die Sie im Artikel ab Seite 32 nachvollziehen können, zeigt sich mir ein anderes Bild: Die mit Abstand größten Gefahren für die Wildtiere sind der Verlust von Lebensräumen durch die Ausbreitung des Menschen sowie die Wilderei. Und wenn durch die Einnahmen aus der Trophäenjagd beides aufgehalten, teils sogar rückgängig gemacht werden kann, dann sollte diese nicht ohne eine seriöse Beurteilung der lokalen Gegebenheiten verteufelt werden – und dass Großwildjäger für viele keine Sympathieträger sind, darf bei einer differenzierten Bestandsaufnahme keine Rolle spielen.

Klar ist doch: Die Experten für das Thema sitzen nicht in Berliner oder Brüsseler Büros, sondern sind rund zehn Flugstunden oder nur einen Zoom-Call entfernt in Windhoek oder Gaborone anzutreffen. Dass diese in den politischen Debatten in Europa wenig Gehör finden, macht das Ganze symptomatisch über die Jagd hinaus: Hier paaren sich Paternalismus und fehlendes Wissen um die lokalen Gegebenheiten. Und gemeinsam mit einem gehörigen Schuss Inkohärenz in der Afrikapolitik – wo bleibt eigentlich die viel beschworene Partnerschaft auf Augenhöhe? – müssen wir uns am Ende des Tages nicht wundern, dass in vielen afrikanischen Staaten der Blick seit Jahren eher nach Peking als nach Europa geht.

Aus China stammt übrigens auch die Hauptnachfrage für die Produkte der Wilderei – Elfenbein und Nashorn. Wirklich wichtig wäre eine international viel beherztere Bekämpfung der Wilderei. Europa und europäische Tierschutzverbände sollten mehr Druck auf Abnahmeländer wie China machen, statt sich in undifferenzierten Debatten über die Trophäenjagd zu verzetteln.

Foto: Mihai M. Mitrea