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Ausgabe 95 – Sommer 2022

Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds, rechnet hierzulande mit einem Aufbau regionaler Wasserstoffcluster.

Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds
Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds
Was macht den grünen Wasserstoff wichtig für die Energiewende?

Vogel: Er ist aus erneuerbaren Energien erzeugbar, dabei im Gegensatz zu Strom leicht speicherbar. Er ist für den Inselbetrieb geeignet und zugleich gut transportierbar. Und es wird eine drastische Kostenreduktion erwartet. Laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wird grüner Wasserstoff im Jahr 2030 etwa 1,80 Euro das Kilo kosten – aktuell stehen wir bei neun Euro am Weltmarkt, die Herstellungskosten betragen noch zehn bis zwölf. Diese enorme Preisverringerung ist realistisch, weil die Kapazitäten jetzt überall unter Hochdruck aufgebaut werden.

Wo werden wir in Österreich grünen Wasserstoff im Einsatz sehen?

Vogel: Wie die kürzlich veröffentlichte Wasserstoffstrategie der Bundesregierung zeigt: nicht universell, sondern dort, wo große Industrien sind, die ihre Prozesse auf grünen Wasserstoff umstellen können. Etwa rund um die Stahlindustrie in Oberösterreich und in der Steiermark entwickeln sich Symbiosen, also regionale Wasserstoffcluster.

Wie sieht es im Verkehr aus?

Vogel: Für LKW- oder kommunale Busflotten ist der grüne Wasserstoff bedingt von Interesse. Im PKW-Bereich geht der Trend jedoch klar in Richtung E-Autos. Es gibt in Österreich insgesamt 50 Fahrzeuge, die Wasserstoff nutzen, und aktuell gibt es sechs Wasserstofftankstellen, die frei zugänglich sind. Letztlich geht es immer um Energieeffizienz, und beim Prozess der Wasserstoffaufbereitung gibt es sehr viele Prozessschritte, von denen jeder mit zehn bis 25 Prozent Verlusten einhergeht. Strom, Elektrolyse, Wasserstoff, Brennstoffzelle: Nach all diesen Schritten bleibt relativ wenig vom ursprünglichen Input übrig.

Bietet sich nicht genau deswegen der Import von Wasserstoff aus Ländern wie Chile oder Namibia an, wo ein Solarmodul wegen der hohen Sonneneinstrahlung viel mehr Energie erzeugt als hierzulande?

Vogel: Ja, aber vor allem für die Länder selbst, die häufig nicht wie Österreich ein übergeordnetes Übertragungsnetz haben, ist Wasserstoff natürlich insoweit praktisch, als er durch lokale Zellen und Zentren rund um die Uhr Energie zur Verfügung stellen kann. Das ist Leapfrogging, also das Überspringen einzelner Entwicklungsschritte, wie es auch beim Mobilfunk geschehen ist.

Vielen Dank für das Gespräch! 
Foto: Johannes Hloch

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