Warum ignorieren Menschen offensichtliche Probleme? Kann ein schwarzes Loch zerstört werden? Lässt sich das eigene Hirn durch künstliche Intelligenz erweitern? Wer Antworten auf Fragen wie diese sucht, der ist auf der Webseite von TED Talks bestens aufgehoben. Diese ist ein Sammelsurium von mehr als 3.000 Präsentationen, in denen Vortragende ihre Ansichten und Expertise zu Themen aus allen Lebensbereichen zum Besten geben. Im Idealfall gelingt ihnen ein informativer und mitreißender Vortrag, den sie in maximal 18 Minuten Redezeit absolvieren müssen. Die Talks – TED steht übrigens für Technology, Entertainment, Design – finden stets live vor Publikum in vielen Städten der Welt statt, wobei die jährliche, mehrtägige Konferenz in Vancouver als Hauptevent der 1984 gegründeten TED-Organisation gilt.

Mehr für mehr

Auch Menschen, die Beiträge zur Lösung für große, globale Herausforderungen wie Armutsminderung oder Krankheitsbekämpfung entwickeln, erhalten durch TED Talks eine Plattform, mit der sie ein potenziell riesiges Publikum erreichen können: Die Präsentationen werden insgesamt weit mehr als eine Milliarde Mal pro Jahr abgerufen.

Der Arzt Raj Panjabi gehört zu jenen Vortragenden, die via TED den Weg in die Öffentlichkeit gesucht haben. Vor zwei Jahren erklärte er auf der Konferenz in Vancouver seine Vision, dass „niemand sterben sollte, weil er zu weit von einem Arzt entfernt lebt.“ Panjabi ist Mitgründer der NGO Last Mile Health, die in den entlegensten Winkeln Liberias eine medizinische Grundversorgung anbietet. Um auch Patienten in anderen Ländern behandeln zu können, kündigte er damals den Aufbau einer Community Health Academy für die Ausbildung von Gesundheits-helfern an. Für sein Vorhaben erhielt Panjabi 2017 den TED-Preis: Eine Auszeichnung, die alljährlich an Personen verliehen wurde, die laut TED mit „kreativen, mutigen Ideen globalen Wandel anregen wollen“. Zur Unterstützung ihrer Arbeit bekamen die Preisträger Schecks über eine Million Dollar überreicht.

Mittlerweile hat der TED-Preis selbst einen Wandel erlebt: Mit „The Audacious Project“ erblickte 2018 ein neues, größer dimensioniertes Förderprogramm das Rampenlicht. Statt einer Sozialorganisation eine Million Dollar zur Verfügung zu stellen, erhalten nun mehrere Organisationen viele Millionen Dollar – damit sie, so TED-Chef Chris Anderson, „ihre kühnsten Ideen verwirklichen und das Leben von Millionen Menschen positiv beeinflussen können“. Nötig sei die Steigerung der Förderungen, weil „man angesichts der Größe der globalen Herausforderungen nicht länger klein denken kann.“

750 Millionen Dollar

Groß denken lautet also die Devise des neuen TED-Programms. Und groß denken sollen nicht nur die Teilnehmer. Die TED-Macher setzen mit The Audacious Project auf einen neueren Trend: die kollaborative Philanthropie. Anders als beim traditionellen Spenden, bei dem eine Idee oder ein Projekt individuell gefördert wird, geht es um die Bündelung von Spenden. „Changemaker verbringen oft zuviel Zeit damit, eine Unzahl von Gebern einzeln anzusprechen“, erklärt Anna Verghese, Geschäftsführerin bei The Audacious Projects, die Idee. „Das ist ein sehr ineffizienter Prozess, der oftmals ihre eigentliche Arbeit beeinträchtigt.“ The Audacious Project versteht sich daher als „Börse für Non-Profit-Organisationen“, die den Zugang zu großen Summen ermöglichen soll und zudem mediale Aufmerksamkeit bringt. Die Aufgaben von TED, das selbst eine Non-Profit-Organisation ist, liegen dabei in der Auswahl der Teilnehmer und im Ansprechen potenzieller Großspender. 

Im Vorjahr wählte TED sieben Projekte – darunter erneut Panjabis Last Mile Health – aus, heuer im April folgten weitere acht – beworben haben sich rund 1.500 Organisationen. Die Projekte sind inhaltlich breit gestreut: So gibt es eines zur Entwicklung klimaschützender Pflanzen, die Kohlenstoff verstärkt speichern, ein anderes zur Eindämmung von Kinderpornografie im Internet und ein weiteres, das Schulden von Inselstaaten aufkaufen möchte, wenn diese im Gegenzug Meeresschutzgebiete errichten. Einige Projekte fokussieren auf bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Menschen in Entwicklungs-regionen, dabei ist als geografischer Schwerpunkt vor allem Subsahara-Afrika auszu-machen. Was alle 15 Projekte eint? „Es sind zeitgemäße Ideen, die Visionen und Tatkraft kombinieren“, so Verghese, denn „einerseits sollen sie die Perspektive auf ein Problem verändern, andererseits braucht es einen realisierbaren Plan, um diese Visionen zum Leben zu erwecken.“

Best Practice Beispiele

The Audacious Projects Präsentation 2019

The Audacious Project

Im Vorjahr wählte TED sieben Projekte – darunter erneut Panjabis Last Mile Health – aus, heuer im April folgten weitere acht – beworben haben sich rund 1.500 Organisationen.

Reifeprüfung

Bei der Auswahl der Projekte wird TED von der Bridgespan Group unterstützt, einer Bostoner Beratungsorganisation für NGO, Philanthropen und Investoren. In die engere Auswahl kommende Bewerber werden einer Due-Diligence-Prüfung unterzogen, müssen Erfolgsbilanzen vorweisen, mehrjährige Fahrpläne mit Zielen und Budgets erarbeiten – und vermitteln, dass sie in der Lage sind, mit den angestrebten Millionenbeträgen zu arbeiten. Neu gegründete Social Start-ups sind bei The Audacious Project somit keine am Start. Gesucht werden vielmehr Organisationen, die – teils sogar mit tausenden Mitarbeitern – mitunter schon Jahrzehnte aktiv sind. Im Idealfall stehen ihnen charismatische Personen vor, die ihre Konzepte zur Weltverbesserung den potenziellen Spendern überzeugend näher bringen. Letztere zeigten sich bereits durchaus großzügig: Die Geber – es sind vor allem Stiftungen wie Skoll, Virgin Unite, ELMA Philanthropies, Children‘s Investment Fund oder UBS Optimus – haben laut TED seit 2018 bereits 750 Mio. Dollar Finanzierungen bereitgestellt. 

Sehr zufrieden mit der Teilnahme an The Audacious Project ist Carolin Harper. Sie leitet die britische NGO Sightsavers, die sich der Ausrottung des Trachoms, einer zu Erblindung führenden bakteriellen Augenentzündung, widmet.

Sightsavers: 105 Mio. Dollar für den Kampf gegen Trachoma
Sightsavers: 105 Mio. Dollar für den Kampf gegen Trachoma

Seit sie ihr Projekt im Vorjahr auf großer Bühne vorgestellt hat, ist dieses Ziel deutlich näher gerückt: Mehrere Geber, darunter Virgin Unite und die Gates Stiftung, haben einen eigenen Fonds initiiert und mit 105 Mio. Dollar dotiert. „Wir und unsere Partner sind nun in der Lage, die Krankheit in zehn afrikanischen Ländern auszurotten und bis 2023 in einigen weiteren Ländern Verbesserungen zu erzielen“, freut sich Harper. 

Spenden im Rahmen des TED-Programms können auch an Bedingungen geknüpft sein. „Die Geber stimmten zu, ein Drittel der Projektkosten zu übernehmen, wenn wir den Rest aus anderen Quellen aufstellen können“, sagt Andrew Youn, CEO der im afrikanischen Agrarsektors tätigen NGO One Acre Fund. Youns Organisation, die 2018 an The Audacious Project teilnahm, dürfte diese Hürde überwinden und damit ihre Aktivitäten deutlich ausweiten können. The End Fund, der 2019 ausgewählt wurde, steht hingegen noch vor einer finanziellen Herausforderung: Die Organisation widmet sich der Bekämpfung tropischer Erkrankungen, die durch Parasiten verursacht werden. Im Spendentopf liegen dafür nun 50 Mio. Dollar bereit – allerdings, so James Porter von The End Fund, „fordern mehrere Geber, dass wir im Laufe des Projekts zusätzliche Mittel aufbringen.“ Er ist optimistisch, dass die Mobilisierung weiterer Gelder gelingen wird, weil die Teilnahme an The Audacious Projects das Bewusstsein für die bedrohlichen Erkrankungen deutlich gesteigert habe.

Das Rad, an dem TED dreht, ist groß: Allein für die Verwirklichung der acht heuer ausgewählten Projekte sind 567 Mio. Dollar notwendig, für rund die Hälfte konnte The Audacious Project Großspender gewinnen. Weitere Gelder sind willkommen: Trotz kollaborativer Philanthropie setzt TED neuerdings auch ganz klassisch auf Online-Spenden.


Förderklasse 2019

The Nature Conservancy will Staatsschulden kaufen, um vier Millionen Quadratkilometer Meer zu schützen. 

Educate Girls möchte in Indien mehr als eine Million Mädchen in Schulen bringen.

Das Institute for Protein Design erforscht Medikamente und Impfstoffe aus Proteinen.

Das Salk Institute for Biological Studies will die Kohlenstoff-Speicherung in Pflanzen optimieren. 

Das Centre for Policing Equity kämpft gegen rassistische Verhaltensweisen der amerikanischen Polizei.

The End Fund will hundert Millionen Menschen in Afrika vor parasitären Würmern schützen.

Thorn kämpft gegen Kinderpornografie im Internet.

Waterford Upstart will 250.000 Kindern in den USA eine frühzeitige Schulbildung ermöglichen.

Mehr dazu: The Audacious Project


Fotos: Dian Lofton/TED, Bret Hartmann/TED, One Acre Fund, The End Fund, Educate Girls, Peter Nicholls/Sight Savers