Der Anruf vonseiten der Vereinten Nationen im Jänner dieses Jahres kam überraschend: Äthiopien wolle in die Kompostierung biogener Abfälle investieren und sei auf der Suche nach Modellen und Geschäftspartnern. Die Vereinten Nationen hätten den Äthiopiern die österreichische Expertise empfohlen, und bitten darum, dass einer hochrangigen Delegation äthiopischer Minister und Bürgermeister bereits im Februar Best Practice in Oberösterreich gezeigt werde. Am anderen Ende der Leitung war der Cleantech-Cluster in Linz, eine Plattform für oberösterreichische Energie- und Umwelttechnikunternehmen mit rund 250 Mitgliedern, 85 Prozent davon KMU ihr Exportanteil beträgt 90 Prozent. Der Großteil der Ausfuhren geht in die Nachbarländer – auch dank der Arbeit des Clusters erscheinen neue Schwellen- und Entwicklungsland- märkte aber verstärkt am Radar. Bei der Markterschließung unterstützt der Cluster die KMU von Anfang an, vor allem der Austausch mit anderen Clustermitgliedern ist für viele Unternehmen Gold wert.

Christian Maurer, Cleantech-Cluster
Christian Maurer, Cleantech-Cluster

Christian Maurer managt den Bereich Umwelttechnik des Clusters und hat den Besuch aus Äthiopien koordiniert: „Die Aufgabe war klar: Im Zuge des schnellen Wachstums fallen in Äthiopien sehr viele Abfälle an, aktuell ist es vor allem biogener Abfall und noch nicht so sehr Verpackungsmaterial. Nun brauchen sie dort Kompostiertechnologien, die rasch umsetzbar sind.“ Maurer musste daher heimische Hersteller finden, die der äthiopischen Delegation moderne Kompostiertechnik vorführen konnten. „Wir haben natürlich die Chance genutzt, die oberösterreichische Wirtschaft zu präsentieren, woraufhin aber auch die Ansage kam: Es ist schon klar, dass ihr ein toller Wirtschaftsstandort seid, aber wir sind wegen des Komposts da“, erzählt Maurer. In der Woche, in der die Delegation im Land war – neben Oberösterreich besuchte sie auch Firmen in Salzburg und in der Steiermark –, wurden zukünftige Geschäftsbeziehungen auf den Weg gebracht und ein Austausch im Ausbildungsbereich initiiert. „Unser Cluster bahnt Projekte an, den Rest machen dann natürlich die Firmen selbst“, sagt Maurer. In Österreich gibt es bereits 80 Cluster dieser Art, die durch Informationsaustausch und den Aufbau von Kooperationen zwischen Unternehmen, Politik und Wissenschaft KMU helfen, neue Märkte aufzubauen und zu entwickeln.

Per Huckepack zum Ziel

Viele heimische mittelständische Unternehmen bieten weltweit konkurrenzfähige Produkte an, währenddessen wächst in Schwellen- und Entwicklungsländern die Nachfrage nach Know-how, Anlagen und Technologien vor allem in den Sektoren Erneuerbare Energie, Umwelttechnologie und Holztechnik rasant. Der Schritt in die Zukunftsmärkte Afrikas oder Lateinamerikas stellt aufgrund der komplexen Rahmenbedingungen vor Ort dennoch häufig eine große Hürde dar. Branchencluster und Sektorpartnerschaften reagieren auf diese Herausforderungen, indem sie Expertise bündeln, auf den Bedarf in Schwellen- und Entwicklungsländern anpassen und so als Türöffner in spannende neue Märkte fungieren.

„Ein Unternehmen bringt ein Thema auf – wie zuletzt etwa die Verwertung von Klärschlamm – und das Clustermanagement koor- diniert dann den Austausch mit anderen Unternehmen und Experten“, erklärt Maurer den üblichen Startschuss für ein neues Projekt und fährt fort: „Für die Internationalisierung nutzen wir häufig unsere Kontakte zu oberösterreichischen Firmen, die vor Ort bereits über Vertrieb und Infrastruktur verfügen. Dort können andere Betriebe andocken – das nennen wir Huckepack-Missionen.“ Auch gemeinsame Messeauftritte sind ein geeigneter Weg, um das Potenzial heimischer Unternehmenskooperationen zu zeigen. „Innovativ wird‘s dann, wenn man gemeinsam ein ganzheitliches Produkt oder eine ganzheitliche Wertschöpfungskette abbilden kann“, sagt Maurer.

Internationale Expertise

Weltrekord: 5.388 als LED-Lampe angeordnete Eierkartons als Symbol für mehr als 5.000 Ideen, die unter dem Dach des steirischen Green Technologie Clusters bereits entwickelt wurden
Weltrekord: 5.388 als LED-Lampe angeordnete Eierkartons als Symbol für mehr als 5.000 Ideen, die unter dem Dach des steirischen Green Technologie Clusters bereits entwickelt wurden.

In Deutschland gibt es sehr starke Sektorpartnerschaften und Branchencluster. Als Leuchtturmcluster gilt dabei das Kunststoff-Institut Lüdenscheid aus Nordrhein-Westfalen, der das Gold-Label für „Cluster Management Excellence“ trägt und vom deutschen Wirtschaftsministerium als bestes Netzwerk Deutschlands für nachhaltiges Wachstum ausgezeichnet wurde. Das Institut hat den eigenen Service „Strategische Marktentwicklung für KMU“ entworfen. Die am Cluster beteiligten 350 Unternehmen können sich dort bei der Internationalisierung gezielt beraten lassen, um wettbewerbssteigernde Maßnahmen unter anderem in den Bereichen internationale Geschäftsfelder, Finanzierungsquellen und exogenes Unternehmenswachstum zu entwickeln. Zudem begleitet der Cluster die Unternehmen, wenn gewünscht, über den gesamten Produktzyklus, berichtet Geschäftsführer Thomas Eulenstein, und verweist auf aktuelle Aktivitäten in Nordafrika, der Elfenbeinküste, Mexiko und Brasilien.

Interview mit Dieter Ernst, German Water Partnership

Dieter Ernst, GWP

KMU brauchen Hilfe

Dieter Ernst, einer der Mitbegründer der German Water Partnership, baut darauf, dass heimische KMU im ureigenen Interesse zusammenarbeiten. Seine Organisation ist weltweit aktiv – und schraubt bereits an der Wasserversorgung von morgen.

Eine weitere sehr aktive deutsche Plattform ist die German Water Partnership – ein Netzwerk des Wassersektors, dem Unternehmen, politische und wissenschaftliche Institutionen angehören. Dieter Ernst hat dieses vor elf Jahren mit ins Leben gerufen (siehe Interview Seite). „Die deutsche Mentalität macht es uns da nicht immer leicht: Viele Unternehmen schrecken davor zurück, mit einem Konkurrenten zu kooperieren. Jeder möchte sein eigenes Band durchschneiden. Diese Abschottung ist aber überhaupt kein Zukunftsmodell“, sagt er. Ernst hielt die Keynote beim corporAID Multilogue, der Ende Mai österreichische, deutsche und Schweizer Clustermanager zu einem Austausch nach Wien einlud.

Neid nützt nichts

Auch in Österreich sind die Unternehmen laut Maurer anfänglich immer ein wenig reserviert, wenn sie Seite an Seite mit den Mitbewerbern sitzen. „Als kleines Land wie Österreich oder als noch kleineres Bundesland wie Oberösterreich kann man nur bestehen, wenn man kooperiert. Das Vertrauen muss aber aufgebaut werden“, sagt er. Für Neid gibt es bei der Internationalisierung auch keinen Grund. Maurer: „Wenn in einem Bereich schon gute österreichische Produkte am Markt sind, dann hilft das auch den anderen. Wenn man im Ausland beispielsweise sieht: Die Wasseraufbereitungsanlage aus Österreich funktioniert, dann profitieren davon letztlich auch die Mitbewerber.“

Erhard Pretterhofer, Holzcluster Steiermark
Erhard Pretterhofer, Holzcluster Steiermark

Vor allem bei Delegationsreisen werde deutlich, wie trotz des Wettbewerbs Vertrauen zwischen den Unternehmen entstehe. Eine Hilfe sei bei derlei Reisen die Anwesenheit politischer Entscheidungsträger. „Sobald die Politik mit dabei ist, bekomme ich auch die Unternehmen“, sagt Erhard Pretterhofer, Geschäftsführer des Holzclusters Steiermark, dem 150 Unternehmen der Forst- und Holzwirtschaft sowie verwandter Branchen angehören.

Branchenübergreifend

Pretterhofer betont darüber hinaus, dass eine verstärkte Kooperation innerhalb eines Sektors und auch innerhalb eines Bundeslandes oder Nationalstaates zukünftig nicht ausreichen wird. „Wir sehen immer mehr Potenzial in den intersektoralen Kooperationen“, sagt er – sein Holzcluster Steiermark ist darauf spezialisiert, Akteure aus verschiedenen Sparten zusammenzubringen, und arbeitet aktiv mit dem steirischen Autocluster ACstyria, dem Kreativcluster Creative Industries Styria und auch dem Internationalisierungscenter Steiermark zusammen. Der Blick richtet sich zudem regelmäßig nach Südost: So war der Holzcluster etwa auf Einladung der Europäischen Union bei der Planung für den Bau des ersten Biomasseheizkraftwerks im Kosovo beteiligt.

Die Steiermark gilt neben Oberösterreich als Cluster-Vorzeigeland. Vor allem der steirische Green Tech Cluster, unter dessen Dach rund 200 Unternehmen und Forschungseinrichtungen an grünen Technologien tüfteln, findet international Beachtung – in den beiden bisherigen globalen Cluster-Rankings wurde er jeweils zum weltbesten Umwelttechnikcluster gekürt. Von Konzernen wie Anlagenbauer Andritz bis hin zu Kleinstunternehmen wie Suntap, das solarbetriebene Heißwassergeräte in Entwicklungsländern vertreibt, ist eine große Bandbreite an innovativen Unternehmen aus dem Bereich Energie- und Umwelttechnik mit von der Partie und kann sich über Internationalisierungsziele austauschen. Und weil der Weltmeistertitel anscheinend nicht genug ist, ist der Green Tech Cluster seit vergangenem Jahr auch noch Weltrekordhalter: Die 200 Cluster-Partner haben in Graz das weltgrößte Mosaik aus Recyclingmaterial gebaut und es damit ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.

Soraya Kohler, Swiss Water Partnership
Soraya Kohler, Swiss Water Partnership

Dass Sektorpartnerschaften und Branchencluster zudem aus entwicklungspolitischer Perspektive spannend sind, wird etwa beim Schweizer Pendant zur German Water Partnership deutlich: Auch bei der Swiss Water Partnership stellen Unternehmen die größte Gruppe, aber etwa ein Drittel der rund 70 Mitglieder sind Schweizer NGO, die sich im Wasserbereich engagieren. Entsprechend reichen die Beteiligten von Nestlé bis zur Mini-NGO. „Eine solche Plattform ist eine Riesenchance, um die Kräfte der verschiedenen Akteure zu bündeln. Diese Einbindung fördert das verantwortungsvolle Denken und Handeln von allen Seiten“, sagt Soraya Kohler, Koordinatorin des Clusters.

Auch das Kunststoff-Institut Lüdenscheid treibt Entwicklung gezielt voran. In Marokko und Tunesien sollen mit seiner Hilfe eigene Cluster entstehen. „Wir schaffen wichtige Strukturen und damit Jobs“, sagt Eulenstein.

Besuch vom Balkan

Indes wird auch in Oberösterreich weiter an der Erschließung neuer Märkte gewerkelt. Anfang Juli ist wiederum eine internationale Delegation beim Cleantech-Cluster zu Gast, diesmal kommen Firmenvertreter aus sechs Balkanländern, um sich über Technologien und Innovationen im Bereich der Ressourceneffizenz und des Abfallmanagements zu informieren – die vertretenen Branchen reichen von der Metall- über die Schuhindustrie bis hin zur Fleischverarbeitung. Christian Maurer bringt die ausländischen Firmen wieder mit heimischen Unternehmen an einen Tisch. Das Ausloten beidseitiger Geschäftsinteressen ist wie immer das Ziel.

Fotos: O.Ö Lava AG, Cleantech-Cluster, Ernst, Holzcluster Steiermark, Helvetas, Kunststoffinstitut Lüdenscheid