Wo liegen die großen Herausforderungen beim Klimaschutz?

Gehmacher: Angesichts der aktuellen COVID-19-Pandemie mag das Thema Klimaschutz vielleicht in den Hintergrund rücken, langfristig ist die Klimakrise aber die große globale Herausforderung. Um diese zu bewältigen, braucht es zum einen das Zusammenwirken von Regierungen und Unternehmen, aber auch von Communities und jedem Einzelnen. Es gibt bereits einige, die sich hier engagieren. Aber es müssen alle ins Boot geholt werden. Das zweite Thema ist die Transformation, vor der wir stehen. Für diesen größten Wandel der Geschichte sind Investitionen nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Regierungen notwendig. Eine zentrale Herausforderung dabei ist die Geschwindigkeit, mit der wir reagieren müssen, um negative Auswirkungen des Klimawandels zu minimieren – das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, ist mehr als ambitioniert. Um das zu erreichen, müssen Unternehmen Klimaschutz auf das eigene Wirken herunterbrechen und sich entsprechende kurz-, mittel- und langfristige Ziele setzen.

Heneis: Für mich liegt eine große Herausforderung darin, die Balance zu finden zwischen dem, was ich sofort und gesellschaftlich akzeptiert machen kann, und der Frage, wie viel ich unter welchen Rahmenbedingungen in die Zukunft investieren soll. Wir sehen als global tätiges Unternehmen, dass die gesellschaftlichen Erwartungen in Asien und in Afrika anders sind als in Österreich und dass der Beitrag des Unternehmens daher entsprechend unterschiedlich ausgeprägt sein muss. Wichtig für die Akzeptanz ist sicherlich, auch kurzfristig wirksame Klimaschutzmaßnahmen zu setzen. Im Energiebereich ist das der Fokus auf Gas statt Kohle, weil man so in Europa sehr schnell den CO2-Ausstoß in der Größenordnung jenes von Spanien einsparen kann. Das geht mit bestehenden Technologien. Wichtig ist für uns, dass jeder Euro so CO2-effizient wie möglich investiert wird, um in den verschiedenen Regionen der Welt sowohl schnellen als auch langfristig maximalen Impact zu generieren.

Gaber: Ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz ist neben der Technologisierung in Richtung grüne Energie auch die Reduktion des Ressourcenverbrauchs. Denn die Vereinten Nationen rechnen bis 2100 mit einer Weltbevölkerung von 9,3 bis 13,5 Milliarden Menschen. Das ist ein ganz wesentlicher Umweltfaktor, wenn der Pro-Kopf-Energieverbrauch nicht reduziert wird. Wenn wir nicht umgehend aus der fossilen Energie aussteigen, die derzeit rund achtzig Prozent des Verbrauchs deckt, wird die Zeit knapp. Das Weltwirtschaftsforum hat heuer erstmalig als fünf größte globale Risiken ausschließlich Umweltrisiken genannt und von einem planetarischen Notstand gesprochen. Dazu kommt in Schwellen- und Entwicklungsländern die klimawandelbedingte Migration: Bis 2050 rechnet man mit rund 200 Millionen Menschen, die sich auf den Weg machen werden.

Bernhard Heneis, OMV

Wir sehen als globales Unternehmen, dass die Erwartungen in Asien und in Afrika anders sind als in Österreich.

Wie stellt sich das Thema Klimaschutzmaßnahmen konkret für Ihr Unternehmen dar?

Gehmacher: Wir haben die Dringlichkeit erkannt. RHI Magnesita hat 2018 den gesamten Nachhaltigkeitsbereich neu aufgestellt, wir berichten jetzt direkt an den Vorstand. Wir hatten uns 2018 konkrete Emissionsreduktionsziele gesetzt, die wir vergangenes Jahr überarbeitet und dabei verdoppelt haben. Internationale Konzerne haben auch eine Vorbildfunktion für die vielen kleinen und mittleren Betriebe, damit auch diese ihre Emissionen systematisch reduzieren. Wir schauen zudem nicht nur auf unsere eigenen Emissionen, sondern beziehen auch die Wertschöpfungskette mit ein. Unsere Kunden stammen zu achtzig Prozent aus der Stahl- und Zementindustrie, die zusammen für 13 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist. Wir arbeiten mit diesen Kunden eng zusammen, um deren Klimaaktionspläne zu unterstützen. Wir arbeiten auch weltweit, von Leoben über Brasilien bis China, mit Universitäten zusammen, um neue Technologien zu identifizieren und zu implementieren.

Heneis: Die OMV verfolgt seit mehr als zehn Jahren eine ambitionierte CO2-Strategie, dank der wir in unserer Produktion insgesamt 1,7 Millionen Tonnen CO2 eingespart haben. Ein mindestens ebenso wichtiges Thema sind aber unsere Produkte. Und hier stellen sich weitere Fragen: Wie kann man das Produktportfolio weiterentwickeln? Muss man den Rohstoff womöglich ganz neu denken? Beim Öl geht das weg von Verbrennung hin zu dauerhaften Produkten, die ich am Ende ihrer Nutzung in einer Kreislaufwirtschaft wieder zum Rohstoff zurückführe. Gas ist unserer Meinung nach der Energieträger der Zukunft, mit Erdgas als Transition Fuel und langfristige Ergänzung von erneuerbaren Energien sowie zukünftig dekarbonisiert mit Wasserstoff. Die Infrastruktur ist in vielen Ländern ja schon vorhanden. Wir stehen außerdem vor der Frage, wie wir auch unseren Kunden helfen können, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Wir bieten etwa an vielen Tankstellen Erdgas und E-Mobility an oder setzen für Kunden, die noch nicht auf nachhaltige Mobilitätslösungen umstellen, auf Offsetting-Angebote, die CO2-Emissionen kompensieren. Hinzu kommt unser soziales Engagement, bei dem wir seit vergangenem Jahr eine Leistungskennzahl für CO2-Einsparungen etabliert haben. Das heißt, alle Community-Aktivitäten sollen künftig auch einen Umweltschutzaspekt beinhalten.

Gaber: Auch die Oesterreichische Entwicklungsbank richtet ihren Fokus auf Klimaschutzprojekte. Unser strategisches Ziel sind langfristig vierzig Prozent des Portfolios mit einem solchen Schwerpunkt – im Neugeschäft 2019 waren es bereits mehr als 50 Prozent. Wir finanzieren allem voran strategische Projekte im Bereich erneuerbare Energie, beispielsweise den größten Solarpark Afrikas oder den größten Windpark Zentralamerikas – kurz gesagt: Projekte, die einen sehr großen Impact haben. Auch unterstützen wir mit unserer Afrika-Fazilität österreichische KMU bei der Internationalisierung in Schwellen- und Entwicklungsländer und möchten hier verstärkt nachhaltige Energielösungen in die afrikanischen Märkte bringen – nicht zuletzt, weil Österreich hier über viel Know-how verfügt. Es bringt nichts, wenn Europa bis 2050 klimaneutral wird, indem es emissionsintensive Produktionen auslagert. Auf dem Weg zur Klimaneutralität braucht es Unterstützung von Regierungen, eine pragmatische Vorgehensweise, passende Finanzierungsinstrumente und nicht zuletzt rasch umsetzbare Projekte.

Sabine Gaber, OeEB

Wenn wir nicht umgehend aus der fossilen Energie aussteigen, dann wird die Zeit knapp."

Woher kommt der Druck auf Unternehmen?

Gehmacher: Investoren, Regulierungen, aber auch extreme Wetterverhältnisse oder soziale Bewegungen können Treiber sein. Treiber können zudem Mitarbeiter sein, wenn sie meinen, die CO2-Strategie ihres Unternehmens sei nicht ambitioniert genug. Darüber hinaus spielt die Wissenschaft eine Rolle, wenn wir an Simulationen denken, die verschiedene Erderwärmungsszenarien auf das einzelne Unternehmen herunterbrechen. Klar ist: Business as usual wird nicht mehr möglich sein.

Heneis: Der Druck kommt aus vielen Bereichen und von unterschiedlichen Stakeholdergruppen. Die mitunter am besten informierte Stakeholdergruppe ist der Kapitalmarkt, auf dem jedes Unternehmen wettbewerbsfähig sein muss. Hier gibt es Investoreninitiativen mit Fokus auf Klimaschutz wie beispielsweise Climate Action 100+, die bei Hauptversammlungen ein wachsendes Gewicht bekommen. Für ein börsennotiertes Unternehmen ist das natürlich ein wesentlicher Treiber.

Gaber: Auch der Versicherungsbranche kommt hier eine wichtige Rolle zu: Wir sehen das jetzt schon bei einzelnen Finanzierungen in Schwellen- und Entwicklungsländern, dass keine Versicherung bereit ist, Umweltrisiken zu decken.

Ulrike Gehmacher, RHI Magnesita

Klar ist: Business as usual wird nicht mehr möglich sein.

Ulrike Gehmacher, RHI Magnesita Tweet
Wo liegen die wichtigsten nächsten Schritte?

Gehmacher: Die österreichische Regierung hat sich für unser Land das ambitionierte Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Österreich nimmt damit innerhalb der EU eine Vorreiterrolle ein. Ich sehe die Herausforderung eher auf internationaler Ebene. Der vergangene Weltklimagipfel in Madrid ist leider gescheitert. Ich hoffe, dass man Ende des Jahres beim COP26 in Glasgow endlich den Zusammenschluss schafft und damit eine Richtung vorgibt, an der sich auch die Unternehmen orientieren können.

Gaber: Entscheidend ist, den Ressourcenverbrauch pro Kopf zu reduzieren, und zwar nicht nur in Europa, sondern weltweit. Wir haben jetzt noch die Chance, die großen Klimaschäden abzuwenden. Das Problem ist, dass viele Staaten erst umdenken, wenn sie selbst von klimawandelbedingten Naturkatastrophen betroffen sind. Dank der Initiative von multilateralen und nationalen Entwicklungsbanken wird viel Geld mobilisiert, damit ein grüner Technologietransfer in Richtung Schwellen- und Entwicklungsländern stattfinden kann und diese von vornherein einen nachhaltigeren Entwicklungspfad einschlagen. Letztlich liegt es aber am politischen Willen und an der Zusammenarbeit zwischen öffentlichem Sektor, Unternehmen und Wissenschaft.

Heneis: Wir müssen stärker in neue Technologien investieren, gerade wenn es um den Weg in Richtung Kreislaufwirtschaft geht. Das ist auch für die OMV ein Zukunftsthema, beispielsweise arbeiten wir in unserem ReOil-Projekt an der Nutzung von Kunststoffabfall. Der Umgang mit Kohlenstoff ist quasi die Kernkompetenz der OMV. Wir legen daher schon heute Lösungen auf den Tisch, auch wenn diese noch nicht wirtschaftlich sind oder die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht passen. Letzteres ist beispielsweise bei Wasserstoff der Fall oder bei der Speicherung von CO2, die vom Weltklimarat seit Jahren als wesentlicher Bestandteil einer klimaneutralen Zukunft anerkannt ist, in Österreich aber mit Ausnahme von kleinen Anlagen verboten ist. Darin kann man entweder eine Barriere sehen, oder man nimmt als Unternehmen eine aktive Position ein und geht in den Dialog mit der Politik. Natürlich kann man kritisieren, dass wir schnellere Fortschritte machen müssten, aber Unternehmen brauchen Geschäftsmodelle, damit entsprechend Geld in neue Technologien fließen kann. Und dazu braucht es politischen Willen.

Vielen Dank für das Gespräch!


DIE GESPRÄCHSTEILNEHMER

Im Gespräch: Ulrike Gehmacher, Bernhard Heneis und Sabine Gaber (v.l.n.r.)

Ulrike Gehmacher leitet seit Ende 2017 die Nachhaltigkeitsagenden des Feuerfestkonzerns RHI Magnesita.

Bernhard Heneis ist seit Anfang 2017 Head of Sustainability & Reporting der OMV.

Sabine Gaber ist seit 2018 Mitglied des Vorstands der Oesterreichischen Entwicklungsbank OeEB.

Fotos: Mihai M. Mitrea