Afrika liegt nahe

Ausgabe 100 – Herbst 2023

Ökonom Matthias Lücke verortet zu hohe Integrationshürden für internationale Fachkräfte – und richtet den Blick auf Afrika als Partner.

Fachkräfte_Lücke-Porträt
Matthias Lücke, IfW Kiel
Wie können wir das Themenfeld der Fachkräftemigration besser bespielen?

Lücke: Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie offen sind wir in Deutschland oder Österreich eigentlich für qualifizierte Zuwandernde, die hier im Alltagsleben ankommen müssen und dabei Unterstützung brauchen? Können sie sich auf Englisch bei Behörden anmelden, ihre Steuererklärung einreichen und andere notwendige Dinge erledigen, wie das beispielsweise in Dänemark problemlos der Fall ist? Das noch größere Problem ist aber die Frage, woher genau diese Arbeitskräfte kommen sollen. Ohne deutsche Sprachkenntnisse gestaltet sich die Integration in den Arbeitsmarkt schwierig. Die gewünschten Qualifikationen, selbst für Berufe ohne akademische Anforderungen, sind bei uns relativ hoch. Wer soll diese Arbeitskräfte ausbilden? Das ist eine Frage von mühsamen Investitionen in Humankapital. Und es ist auch nicht so, dass viele Menschen weltweit darauf warten, in Deutschland oder Österreich zu arbeiten; diejenigen, die dies könnten, haben Alternativen.

Aus welchen Ländern kommen denn unsere Fachkräfte von morgen?

Lücke: Da reicht ein Blick auf die demographischen Entwicklungen: Es gibt wenige Weltregionen, in denen die Arbeitsbevölkerung zukünftig zunimmt und die somit für eine skalierbare Fachkräftemigration in Frage kommen. Letztlich fällt der Blick immer wieder auf Afrika, dessen Bevölkerung sich bis 2050 verdoppeln wird – und die berufliche Perspektiven, auch jenseits des eigenen Kontinents, brauchen wird. In der Pflege bieten standardisierte Ausbildungen Möglichkeiten. In Sektoren wie der Landwirtschaft oder im Bauwesen gibt es Ansatzpunkte, hier geht es zumeist aber um Hilfsarbeit. In Zukunftsbranchen wie den grünen Technologien sind die Anforderungen jedoch so hoch, dass es unrealistisch erscheint, viele Fachkräfte aus Entwicklungsländern zu gewinnen. Entscheidend für eine Eignung als Partnerland im Bereich der Fachkräftemigration ist jedenfalls ein gut strukturiertes Schulsystem. Darüber hinaus hilft es, wenn es regulierte Berufe mit staatlichen Prüfungen gibt. Dann kann die Berufsausbildung leichter ausgeweitet werden, sowohl mit Blick auf den einheimischen Arbeitsmarkt als auch auf mögliche Zielländer.

Vielen Dank für das Gespräch!

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