Ein konstantes Surren und Rattern herrscht in der Produktionshalle im niederösterreichischen Münchendorf, riesige Rollen Klebefolie laufen durch meterlange Maschinen und werden im 24-Stunden-Betrieb bedruckt, beschichtet, mit NFC-Tags, Hologrammen oder anderen Sicherheitsmerkmalen versehen und anschließend zugeschnitten. „Nächste Woche kommt unsere neueste Maschine, dann ist die Halle voll“, sagt Geschäftsführerin Marietta Ulrich-Horn nicht ohne Stolz. Was auf den ersten Blick klar ist: In dieser Halle werden keine herkömmlichen Drucksorten, sondern technisch anspruchsvolle Druckerzeugnisse hergestellt, nämlich Sicherheitsetiketten und -siegel für den physischen Produkt- und Manipulationsschutz – das Kernprodukt der Firma Securikett. 

Nischenplayer mit breiter Basis

Gegründet wurde Securikett von Marietta Ulrich-Horn gemeinsam mit ihrem Ehemann Werner Horn im Jahr 2001. Das Unternehmer-Gen brachten die beiden bereits mit: Marietta Ulrich-Horn führte das von ihrem Urgroßvater gegründete Familienunternehmen Ulrich Etiketten, und Werner Horn war zu diesem Zeitpunkt noch Geschäftsführer des Textilunternehmens seiner Eltern in Deutschland. „Ich hatte bereits großes Fachwissen in Sachen Etikettendruck und begann mich dann anlässlich der Einführung der österreichischen Autobahnvignette Ende der 1990er eingehend mit Sicherheitsetiketten zu beschäftigen. So entstand die Idee, eine Nischenfirma zu gründen, die nicht das breite Etikettenportfolio führt, sondern sich bewusst auf Sicherheitsetiketten spezialisiert“, erzählt Ulrich-Horn. In der Folge wurde das entsprechende Know-how aufgebaut. „Es war eine längere Phase von Investitionen, Entwicklungsarbeit, Erfindungen und Patentierungen nötig, bevor wir diesen Markt überhaupt bedienen konnten“, so die Unternehmerin.

Erstöffnungshinweis: Beim Abziehen verändern Sicherheitsetiketten ihr Druckbild und hinterlassen einen Effekt auf der Verpackung.
Erstöffnungshinweis: Beim Abziehen verändern Sicherheitsetiketten ihr Druckbild und hinterlassen einen Effekt auf der Verpackung.

Das erste Produkt zum Manipulationsschutz kam schließlich 2004 auf den Markt, 2006 erhielt Securikett von einem britischen Pharmariesen den ersten Großauftrag für Verschlusssiegel. Denn bei Securikett hatte man schnell erkannt: Ohne einen Hinweis auf Erstöffnung ist jegliches Sicherheitsmerkmal sinnlos. Denn es könnte ohne weiteres auf ein gefälschtes Produkt übertragen werden. 

Ein zweites wichtiges Standbein in den Anfangsjahren waren Sicherheitsetiketten für Kleidung und Lederwaren italienischer Luxusmarken. „Dieses Geschäft ist durch die Finanzkrise 2008 mit einem Schlag weggefallen. Wir haben überlebt, weil wir unser Business stets breit aufgestellt und uns nie von einer einzelnen Branche abhängig gemacht haben“, betont Werner Horn. Dank dieser Risikostreuung gehört Securikett auch nicht zu den Verlierern der Coronakrise. „Klar, den großen Einbruch in der weltweiten Luxusgüterbranche und im Automobilsektor spüren auch wir. Aber dafür bestellen drei der größten Pharmakonzerne – unabhängig voneinander – die Sicherheitssiegel für ihre Therapien und Impfstoffe gegen Covid-19 bei uns“, so Ulrich-Horn. Gerade neue und teure Medikamente seien nämlich ganz besonders von Fälschungen betroffen: „Je teurer und seltener ein Produkt, umso stärker der Sog auf die Fälschungsindustrie.“

Feierliche Eröffnung: Geschäftsführer Werner Horn präsentiert eine Sicherheitsdruckmaschine bei der Eröffnung des neuen Firmenstandorts in Münchendorf im Jahr 2017.
Feierliche Eröffnung: Geschäftsführer Werner Horn präsentiert eine Sicherheitsdruckmaschine bei der Eröffnung des neuen Firmenstandorts in Münchendorf im Jahr 2017.

Die ganze Welt als Markt

Warum der Produktschutz immer mehr an Bedeutung gewinnt, unterstreichen aktuelle Zahlen: Laut OECD machen gefälschte Waren 3,3 Prozent des Welthandels aus, der Schwarzmarkt für Fälschungen von Handtaschen über Medikamente bis zu Autositzen wird auf mehrere tausend Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Das verursacht nicht nur enorme wirtschaftliche Schäden, sondern birgt auch Risiken für die Gesundheit und Sicherheit der Konsumenten. Im Kampf gegen gefälschte Waren sind Unternehmen daher verstärkt auf durchgehende Authentifizierungssysteme angewiesen.

Ein globales Problem also, für dessen Lösung es einen ebensolchen Markt gibt – aktuell liegt die Exportquote von Securikett bei 90 Prozent (siehe Interview). Kunden sind vorwiegend Konzerne mit Märkten in aller Welt, vor allem in China, Vietnam und im gesamten asiatischen Raum. Vorreiter im Produktschutz und auch heute noch wichtigste Kundengruppe von Securikett sind internationale Pharmakonzerne, die schon seit geraumer Zeit bei Produkteinführungen teurer, verschreibungspflichtiger Medikamente in neuen Märkten – insbesondere in Entwicklungsregionen – auf speziellen Erstöffnungs- und Produktschutz setzen. „Zu kleineren Firmen, die nur für Schwellen- und Entwicklungslandmärkte produzieren, haben wir weniger Zugang, da liefern wir meist erst dann, wenn eine Regierung tätig wird“, erklärt Werner Horn. So stellt Securikett etwa Rubbeletiketten für Medikamente in Nigeria her. Über Messen entstehen zudem immer wieder Kontakte in Ländern wie Oman, Ägypten, Jordanien oder Irak. „Trotzdem: Der Markt wäre sicher viel größer, als es unsere Reichweite erlaubt“, so Horn.

Die zentrale Herausforderung bei der Erschließung neuer Märkte liegt darin, dass Securikett keine standardisierten, sondern ausschließlich kundenspezifische Produkte anbietet, für deren Entwicklung ein enger Kontakt essenziell ist. „Unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung produziert auch Prototypen für Kunden, um die Oberflächen zu prüfen und zu testen, welcher Klebstoff am besten hält. Da müssen wir oft mit Kleinserien starten, bis wir produkt- und designtechnisch das Endprodukt gefunden haben. Das kann ein Vertriebspartner in Indien nicht in dieser Form und in diesem Umfang machen“, erklärt Ulrich-Horn.

Interview mit Werner Horn, Securikett

Das Gründerpaar Marietta Ulrich-Horn und Werner Horn

Mehr als sicher

Warum Produktschutz über Fälschungssicherheit hinausgeht und wo Etiketten noch Potenzial hätten, erklärt Securikett-Geschäftsführer Werner Horn.

Sicherheit und Innovation

Medikamentenschachteln, auf denen eine individuelle Seriennummer und ein manipulationssicheres Verschlusssiegel sichtbar sind.
Manipulationsschutz und eine individuelle Seriennummer sind für viele Medikamente bereits gesetzlich vorgeschrieben und sollen Fälschungen einfacher erkennbar machen.

Neben einem verstärkten Bewusstsein für die globalen Folgen von Produktbetrug ist der gesetzliche Rahmen ein wichtiger Treiber für das Geschäft mit Sicherheitsetiketten. Seit Anfang 2019 muss etwa in der EU jedes verschreibungspflichtige Arzneimittel mit einer individuellen Seriennummer sowie einem Manipulationsschutz versehen werden, und auch Tabakprodukte müssen seit dem Vorjahr eine einmalige Nummer erhalten, um dem Handel mit gefälschten und geschmuggelten Zigaretten Einhalt zu gebieten. Auch hier ist Securikett gut vertreten. „Im Geschäft mit solchen amtlichen Verschlusszeichen spielen sich die ganz großen Projekte ab. Die richtigen Innovationsschübe gibt es aber anderswo“, so Ulrich-Horn.

Innovation und Einfallsreichtum verlange beispielsweise der Lebensmittelbereich, der besonders in Asien boomt. „In Europa spielt die fälschungssichere Kennzeichnung von Lebensmitteln und Getränken kaum eine Rolle, in China hingegen können Produzenten ihre hochwertigen Spirituosen kaum verkaufen ohne eine Sicherheitsapplikation auf dem Flaschenverschluss, die sicherstellt, dass das Produkt echt und unversehrt ist“, weiß Werner Horn und zeigt auf eine Mappe voller Cognac-, Scotch- und Whisky-Labels. Verschlussetiketten für die Lebensmittelindustrie seien besonders anspruchsvoll und erfordern eine enge Zusammenarbeit mit dem Hersteller, weil die Applikation auf unterschiedlichste Flaschenverschlüsse deutlich schwieriger ist als auf eine Kartonschachtel.

Digitales Standbein und mehr

Dass man jedoch „mit Kleben allein“ im Zeitalter der Digitalisierung nicht weit kommt, war den Unternehmern schon früh klar. 2010 beschlossen sie, eine digitale Produktschiene aufzubauen, zwei Jahre später kam die eigens entwickelte Softwarelösung Codikett auf den Markt. Die Cloud-Plattform zur Rückverfolgung von Produkten ermöglicht zum einen Unternehmen eine lückenlose Kontrolle und Analyse der Lieferkette, zum anderen können auch Verbraucher eindeutig feststellen, ob sie ein Originalprodukt in Händen halten. Dafür sorgt ein einzigartiger verschlüsselter Code, der als QR-Code, als RFID- oder NFC-Tag aufgedruckt wird. Wird das Produkt manipuliert, reißt ein Indikator und das System zeigt beim Scannen des Codes an, dass die Flasche oder der Karton bereits geöffnet wurde. „Unser Wettbewerbsvorteil ist, dass wir physischen Produktschutz und digitale Produktauthentifizierung aus einer Hand anbieten. Denn die sichere Serialisierung und Codierung muss ja irgendwie auf das Produkt aufgebracht werden“, so Ulrich-Horn.

Damit geben sich die beiden Gründer jedoch nicht zufrieden, und strecken stets die Fühler nach potenziellen neuen Geschäftsbereichen aus. Schon bald möchte Securikett den Internetversandhandel ein Stück sicherer machen. Das Unternehmen investiert daher beträchtliche Ressourcen in die Perfektionierung von manipulationssicheren Klebebändern, sogenannten Void-Tapes. „Wir sehen großes Potenzial im Versandgeschäft. Denn der Internethandel wird seine Produkte besser schützen müssen. Zum einen erwartet der Konsument, dass er ein Originalprodukt bekommt, zum anderen wächst das Problem mit Betrugsfällen durch falsche Retouren. Gerade der personalisierte Internethandel mit vielen kleinen Paketen schreit nach Lösungen“, sagt Ulrich-Horn.

Wohin die Reise in den kommenden Jahren gehen soll und welche Marktchancen man konkret nutzen will, lässt das Geschäftsführerehepaar noch offen. Nicht nachlassen will Securikett jedenfalls in puncto Forschung und Entwicklung: „Der Innovationsgedanke soll stets im Vordergrund bleiben. Die Fälscher sind schnell, auch wir müssen uns also konstant weiterentwickeln und anpassungsfähig bleiben“, betont Ulrich-Horn. Für weiteres Wachstum ist in jedem Fall gesorgt: Mitten in der Coronakrise sicherte sich das Unternehmen das Nachbargrundstück für eine zweite Produktionshalle.


MEISTER DER PRODUKTSICHERHEIT

Die Produktschutzlösungen des Familienunternehmens Securikett machen Originalprodukte verlässlich von Fälschungen unterscheidbar. Insbesondere im asiatischen Raum sind Sicherheitsetiketten und Verschlusssiegel gefragt wie nie.

Das Gründerpaar Marietta Ulrich-Horn und Werner Horn
Gründerpaar Marietta Ulrich-Horn und Werner Horn

Das 2001 von Marietta Ulrich-Horn und Werner Horn gegründete Sicherheitsdruckunternehmen Securikett bietet kundenindividuelle Sicherheitsetiketten mit Manipulationsschutz u. a. für Produkte der Luxusgüter-, Getränke-, pharmazeutischen und Fahrzeugindustrie. Die Produkte zeichnen sich durch ihren kundenindividuellen Void-Effekt aus: Wird das Etikett manipuliert, ändern sich Farben und Druckbild. Und der Bedarf ist groß: Aktuell exportiert Securikett in mehr als 45 Länder, mehr als 50 Prozent davon nach Asien. Das Unternehmen beschäftigt aktuell 80 Mitarbeiter und wächst jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich. 2019 betrug der Umsatz knapp 13 Mio. Euro. Im Oktober 2017 wurde die neue Firmenzentrale in Münchendorf bei Wien bezogen. 

Fotos: Securikett, Melanie Pölzinger