Interview

Voneinander lernen

Ausgabe 80 – März | April 2019

Eva Dick forscht am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn zum Thema „Stadt in der Entwicklungszusammenarbeit“ und berichtet über kommunale Entwicklungszusammenarbeit vor allem aus deutscher Perspektive.

Eva Dick, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik
Eva Dick, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik
Warum betreiben Städte Entwicklungszusammenarbeit? 

Dick: Viele kommunale Partnerschaften in Europa bestehen schon seit Jahrzehnten und wurden von engagierten Einzelpersonen ins Leben gerufen. Häufig stand am Beginn ein Kulturaustausch, etwa der gegenseitige Besuch von Musikvereinen. Dabei lernten die Teilnehmer die Lebensrealität ihrer Partnerstädte kennen, und das führte oft zu kleineren Hilfsprojekten. Heute gibt es in Deutschland zahlreiche Kommunen, die entwicklungspolitisch tätig sind. Ein wichtiger Schub dazu kam vor rund zehn Jahren, als Bund und Länder beschlossen, Entwicklungszusammenarbeit auf kommunaler Ebene zu fördern. Später haben auch die Diskussion und neue Förderrichtlinien rund um die Ziele für nachhaltige Entwicklung SDG dazu beigetragen, Kommunen für globale Themen zu sensibilisieren. Kommunen können Entwicklungs- und Klimapartnerschaften beantragen, die durch das Entwicklungsministerium gefördert werden. Dafür gibt es sogar eine eigene Institution, die beratend und koordinierend unterstützt.

Wie sieht dieses Engagement aus? 

Dick: Deutsche Städte machen vor allem Projekte im Klimaschutz und für klimagerechte kommunale Entwicklung, hier gibt es auch viele Förderprogramme. Auch die Daseinsvorsorge ist ein wichtiges Thema, mit Projekten im Bereich Wasser, Abwasser, der Ausbau von Freiwilliger Feuerwehr, Energieversorgung oder Katastrophenschutz.

Worin sind Städte stark?

Dick: Meines Erachtens ist die Stärke der kommunalen Ebene, dass – im Vergleich zur nationalen Ebene – eher ein Dialog auf Augenhöhe stattfindet, es geht um gegenseitige Beratung und Austausch. Schließlich sind Verwaltungsangestellte weltweit mit ähnlich gelagerten Problemen konfrontiert, darunter Mangel an günstigem Wohnraum, Umweltbelastungen, zu viel Verkehr und vieles mehr. Damit dieser Austausch gelingt, braucht es aber etwas mehr. Mir erscheint wichtig, dass Partnerkommunen Gemein-samkeiten aufweisen. Das muss nicht unbedingt die gleiche Einwohnerzahl sein. Wenn sich zwei Orte beispielsweise als Tourismusdestinationen definieren, kann das eine gute Basis sein. Auch historische Gemeinsamkeiten wie der politische Transfor-mationsprozess postsozialistischer Länder können ein Anlass für kommunalen Austausch sein. Ein anderer Erfolgsfaktor sind einzelne Menschen, die engagiert vorangehen – nicht nur auf Verwaltungsebene, sondern auch in der Zivilgesellschaft. Und natürlich geht es um kommunale Handlungsfähigkeit. Auch Städte in reicheren Ländern haben nicht immer die Mittel, in einem Entwicklungsland tätig zu werden. Ein solches Engagement ist ja Kür, nicht Pflicht. Fördermittel sind daher meines Erachtens elementar.

Profitieren auch Städte in reichen Ländern von einer Entwicklungspartnerschaft?

Dick: Know-how und Gelder fließen oftmals vor allem von den reicheren in die ärmeren Länder. Doch der Lernprozess ist trotzdem nicht einseitig. Allgemein, weil städtische Gesellschaften in wohlhabenderen Ländern für globale Themen sensibilisiert werden. Vor allem aber, weil wertvolle Reflexionsprozesse in Gang gesetzt werden. Verwaltungsbeamte aus einer hessischen Kleinstadt haben beispielsweise in einer ukrainischen Partnerstadt Brandschutz implementiert, den es dort nicht gab. Vor Ort ist ihnen dann der Sinn und Unsinn des eigenen formalisierten Verwaltungs-handelns bewusst geworden, ein höheres Maß an Flexibilität war plötzlich nötig. Auch bedingen in Europa bestehende Infra-strukturen technologische und organisatorische Pfadabhängig-keiten. In einem Entwicklungsland gibt es das oft nicht, dort überspringt man Technologien und setzt beispielsweise gleich auf Elektromobilität. Dieses Leapfrogging kann inspirierend und für Mitarbeiter in Verwaltungen motivierend sein, auch einmal an internationalen Projekten mitzuarbeiten!

Vielen Dank für das Gespräch!
Foto: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik

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