Post-Paris-Navigator

Klima-Actionhelden

06/2018 - Das Pariser Klimaschutzabkommen wurde als Meilenstein im Kampf gegen die Erderwärmung gefeiert. Und auch die ökonomischen Potenziale, die daraus erwachsen, sind groß, wenngleich einigermaßen undurchsichtig. Der Post-Paris-Navigator soll nun österreichische Unternehmer auf Kurs und Licht ins Dunkel bringen. Arnold Schwarzenegger mischt mit und versprüht Optimismus.

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Von Sopran bis Bass
Klimaschutz ist etwas für jede Stimmlage.

Der Festsaal der Wiener Hofburg am 15. Mai: Auf einer Großleinwand laufen Aufnahmen von weltweiten Zerstörungen durch den Klimawandel, lautes Donnergrollen tönt aus den Boxen, kontrastiert wird das Schauspiel vom Sopran und Alt der Wiener Sängerknaben auf der Bühne. Die Eröffnung der Klimakonferenz „R20 Austrian World Summit“ ließ es an Pathos nicht fehlen, um auf die Dringlichkeit des Klimaschutzes hinzuweisen – und auf die unternehmerischen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Aus dem Klimaschutz ein Gewinnerthema zu machen, war dann auch das Hauptanliegen des Gastgebers und Klima-Actionhelden Arnold Schwarzenegger, das er in seiner Begrüßungsrede mit einem herzhaften „Make Our Planet Great Again“ unterlegte. Die Vorträge und Panels der hochkarätig besetzten Konferenz drehten sich daraufhin vor allem um das Matching von ökologischen Innovationen und ökonomischen Interessen.

Potenziale und Chancen des Klimaschutzes stehen auch im Fokus des Post-Paris-Navigators, der auf der Konferenz mehrfach thematisiert wurde. Das Wiener Beratungsunternehmen Brainbows hat dieses Tool gemeinsam mit der Außenwirtschaft Austria und der Austrian Development Agency ADA im vergangenen Jahr ins Leben gerufen. Der Hintergrund: Das Ende 2015 verabschiedete Pariser Klimaschutzabkommen hat neue unternehmerische Möglichkeiten geschaffen. So ziehen etwa große Finanzdienstleister vermehrt Geld aus fossilen Brennstoffen ab, investieren es in grüne Infrastrukturprojekte – und beklagen sich darüber, dass es nicht genügend Projekte gebe, um die finanziellen Möglichkeiten auszuschöpfen. Zudem wurde im Kontext des Pariser Gipfels mit den Nationally Determined Contributions ein neues Konzept entwickelt, das die einzelnen Vertragsstaaten verpflichtet, nationale Klimaschutzziele auszuarbeiten und regelmäßig zu aktualisieren.

Vernetzungsplattform Für österreichische Unternehmen ergeben sich durch den verstärkten Fokus auf grüne Technologien also neue Exportchancen – wenn es ihnen gelingt, den Überblick zu bewahren. Leichter gesagt als getan. „Ich habe schon direkt nach dem Pariser Abkommen gesehen, dass vor allem KMU total überfordert sind. Dabei ist es gar nicht notwendig und auch nicht finanzierbar, dass es in jedem Unternehmen einen Spezialisten für das neue Post-Paris-Universum gibt“, sagt Monika Langthaler (siehe Interview). Der von ihr initiierte Post-Paris-Navigator soll österreichischen Unternehmen vor allem in Form von Workshops die wesentlichen Informationen sowie eine Plattform zur Vernetzung bereitstellen.

Die erste Veranstaltung fand unter dem Thema „Export-Workshop Green Technologies“ bereits im vergangenen September statt. Es folgten Workshops zu Biomasse, Projektumsetzung, unternehmerischen Vorbildern und Geschäftsmöglichkeiten in Osteuropa. Einen besonderen Fokus legt der Post-Paris-Navigator auf Entwicklungs- und Schwellenländer. Die bisherigen Workshops verdeutlichten dabei, dass die grundsätzlichen Schwierigkeiten für österreichische Unternehmen nicht in den technologischen Möglichkeiten und auch nur bedingt in der Finanzierung liegen, sondern vielmehr in der Anpassung der Technologie an die Bedürfnisse vor Ort.


Aurel Lübke
Compost Systems

Aurel Lübke, Geschäftsführer des Welser Ingenieurbüros Compost Systems, bezeichnet entsprechend auch die konkrete Projektentwicklung als den derzeitigen Flaschenhals für Unternehmer und Klimaschützer. „Und für die Entwicklung dieser Projekte brauchen Unternehmenschefs gewisse Anhaltspunkte: Über wen läuft das Projekt, was wird direkt investiert, was muss ich indirekt beitragen und so weiter. Hier hilft der Post-Paris-Navigator“, sagt er.

Angemessene Ansätze Das von Brainbows verfasste Weißbuch liefert auch gleich die wesentlichen Erfolgsfaktoren für die Projektentwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern mit, die sich aus den genannten Workshops und weiteren Expertengesprächen ergeben haben. Die Kooperation mit den lokalen Communitys und Autoritäten steht dabei an erster Stelle – diese sollte bereits in der ersten Projektphase forciert werden und nicht nur auf Erklärungen sondern auf eine emotionale Einbindung der Menschen vor Ort setzen.

Um Vertrauen zu bilden und die Machbarkeit des eigenen Projekts zu unterstreichen, sei es zudem wichtig, auf bereits existierende Erfolgsgeschichten aufzubauen. Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern seien in diesem Zusammenhang vorzeigbare Referenzen von großer Bedeutung. Beim konkreten Vorhaben müsse dann das in Europa übliche Konzept der „bestmöglichen Technologie“ durch die „angemessenste Technologie“ ersetzt werden. Nicht zuletzt hängt ein Projekt natürlich an der Finanzierung. Hier zähle bereits der frühe Überblick über die vielfältigen Finanzierungsmöglichkeiten.

Leuchtturmprojekte Lübkes Unternehmen gehört zu den Gewinnern eines Wettbewerbs, der im Rahmen des Post-Paris-Navigators ausgeschrieben wurde. Auswahlkriterien für die zehn besten Projekte waren dabei unter anderem der Beitrag zur Erreichung der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, die Einbeziehung lokaler Partner und die Innovationskraft. Compost Systems wurde für zwei Projekte zur biologischen Abfallbehandlung ausgezeichnet: für eine Anlage zur Containerkompostierung in der algerischen Küstenstadt Oran, die in Zusammenarbeit mit Schwarzeneggers NGO R20 realisiert wurde, und für eine Großanlage zur Behandlung von biologischen Abfällen in Mumbai. Letztere nahm nach Auseinandersetzungen mit den Behörden zehn Jahre nach Projektbeginn im vergangenen Jahr den Betrieb auf und ist nun die größte Abfallbehandlungsanlage nach westlichem Standard im asiatischen Raum. Etwa 300 bis 500 LKW-Ladungen Müll werden dort verarbeitet – pro Tag.


Ausgezeichnete Arbeit leistet das mit Methangas ange-triebene Fahrzeug CH4PA.

Neben Compost Systems zählt auch atmove, ein biogasbasiertes Mobilitätssystem, das in ländlichen Regionen Brasiliens zum Einsatz kommt, zu den im Rahmen des Post-Paris-Navigators ausgezeichneten Projekten. Das dahinter stehende Wiener Unternehmen Spirit Design hat dafür ein Fahrzeug names CH4PA entworfen, das mit günstigem und umweltfreundlichem Methangas angetrieben wird und auf Dauer die traditionellen, dieselbetriebenen Traktoren ersetzen soll. Auch ein Projekt zur flächendeckenden Versorgung von ruandischen Haushalten mit energieeffizienten Kochöfen durch die Wiener Likano GmbH gehört zu den Gewinnern. Der Verzicht auf Feuerholz soll nicht zuletzt zum Schutz des Lebensraums der bedrohten Berggorillas führen.

Nächster Meilenstein Der nächste Klimaschutz-Meilenstein ist die Weltklimakonferenz COP24 im polnischen Katowice im Dezember, die vor allem die Umsetzung des Pariser Abkommens zum Thema haben wird. Über Erfolg oder Misserfolg des Klimaschutzes entscheidet aber laut Monika Langthaler und Aurel Lübke letztlich nicht die Diskussion auf den Konferenzen, sondern die Arbeit im Feld. Und das erfordert viel Einsatz oder wie Lübke es ausdrückt: „In unserem Bereich gibt es keine Goldesel, die nur gestreichelt werden müssen, um vorne und hinten Gold auszuspucken. Wir stehen noch am Anfang der Knochenarbeit.“ Und für diese werden weitere Klima-Actionhelden gesucht.

© corporAID Magazin Nr. 76
Text: Frederik Schäfer
Fotos: R20/Martin Hesz, 2x Compost Systems, Spirit Design

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