Interview

Hauptsache, die Brücke wird gebaut

04/2018 - WKO-Wirtschaftsdelegierter Kurt Müllauer sieht in Äthiopien viele Baustellen. Das chinesische Engagement beim Aufbau der Infrastruktur bewertet er positiv und auch österreichische Unternehmen möchte er für das Land motivieren.


Kurt Müllauer
Wirtschaftsdelegierter für Ostafrika

corporAID: Mit Blick auf Äthiopiens Wachstumszahlen kursiert der Begriff des Wirtschaftswunders. Wie wunderbar ist die Lage wirklich?

Müllauer: Man muss sich natürlich das Wachstum etwas genauer anschauen. Der Grund ist die konsequente Wirtschaftspolitik nach chinesischem Muster. Also, große Infrastrukturprojekte: der Bau von Wasserkraftwerken, der Ausbau des Straßennetzes und der Eisenbahnlinien. Allerdings fährt die Eisenbahn von Addis Abeba nach Dschibuti, die bereits Ende 2016 eröffnet wurde, immer noch nicht wie geplant, es fehlen einige Kilometer Schienen bis zum Hafen in Dschibuti. Stattdessen verlassen jeden Tag 800 LKW mit Gütern Dschibuti in Richtung Äthiopien.

Wie sehen Sie die Rolle Chinas in Äthiopien?

Müllauer: Ich habe eine gewisse Sympathie für das, was China macht. Denn immerhin wird zum Beispiel die Brücke gebaut. Die westlichen Länder haben stets nur das Geld gegeben, die Brücke wurde aber nie gebaut, weil korrupte Bürokraten das Geld veruntreut haben. Die Chinesen schicken Ingenieure, Baumaterial, engagieren Afrikaner als Hilfsarbeiter, und die Brücke ist irgendwann fertig. Vielleicht nicht in der allerbesten Qualität, aber doch besser als gar keine Brücke.

Wie sieht das Interesse von österreichischer Unternehmerseite an Äthiopien aus?

Müllauer: Ich habe jährlich 260 österreichische Firmen, die sich für Ostafrika interessieren. Der große Teil für Kenia, Äthiopien folgt dann aber an zweiter Stelle. Die meisten österreichischen Firmen, die in Ostafrika aktiv sind, wollen jedoch verkaufen oder beraten. Konsulenten braucht Afrika aber nicht mehr so notwendig – sondern vor allem Ausbildungsmöglichkeiten.

Die politische Situation in Äthiopien ist instabil. Einige Experten wittern die Chance, dass der neue Ministerpräsident das Land politisch und wirtschaftlich öffnen könnte. Eine Chance auch für österreichische Unternehmen?

Müllauer: In Äthiopien herrscht ein sozialistisches System in Form einer gelenkten Marktwirtschaft vor. Der Premierminister repräsentiert zwar nach außen, die wahre Macht liegt aber beim 36-köpfigen Politbüro. Dennoch: Bestimmte österreichische Branchen möchte ich sehr wohl für Äthiopien motivieren. Und zwar diejenigen, für die die äthiopische Regierung Geld hat, vor allem Infrastruktur, Düngemittel, Medikamente. Politische Diskussionen sind vor Ort dann besser zu vermeiden.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 75
Das Gespräch führte Frederik Schäfer.
Foto: WKO

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