Großes Interview

Afrikanische Boubous statt Bettwäsche

10/2017 - Der Vorarlberger Buntweber Getzner Textil erzielt zwei Drittel seines Umsatzes mit Damaststoffen für traditionelle westafrikanische Gewänder. Vorstandsvor­sitzender Josef Lampert erzählt, wie Getzner vor 40 Jahren von Bludenz nach Bamako kam, und warum das Unter­nehmen heute mit der rasant wachsenden Nachfrage kaum mithalten kann.



Josef Lampert Vorstandsvorsitzender der Getzner Textil AG

corporAID: Getzner Textil ist auf Wachstumskurs – wie beurteilen Sie die Wirtschaftslage allgemein und für Ihr Unternehmen?

Lampert: Ich sehe die Wirtschaftslage in Europa recht positiv. Auch in Österreich sind die Wirtschaftsdaten gut, die Arbeitslosen­zahlen gehen zurück. Die Getzner Textil Gruppe plant, bis 2021 um mehr als 40 Prozent zu wachsen. Dieses Wachstum wird in erster Linie aus den Bereichen Bekleidungsdamaste für Afrika und Technikgewebe für Auto, Bahn und Bus kommen. Unser Fokus liegt zwar auf organischem Wachstum, aber insbesondere im Bereich der technischen Produkte möchte ich weitere Firmenzukäufe nicht ausschließen. Hier geht es uns darum, neben den afrikanischen Bekleidungsdamasten, die heute rund 60 Prozent des Gesamt­umsatzes ausmachen, ein zweites Standbein aufzubauen und damit die Stabilität des Unternehmens zu erhöhen. Dazu wollen wir auch neue Märkte erschließen: So überlegen wir im Segment Sitzbezüge den Fahrzeugherstellern in die jeweiligen Produktions­länder zu folgen – beispielsweise nach Mittel- und Südamerika.

Wie beurteilen Sie den Standort Österreich für international tätige Unternehmen?

„Globalisierung wird schlechter dargestellt als sie in Wirklichkeit ist.“

Josef Lampert

Lampert: Ich finde, dass wir in Österreich sehr gut dran sind. Hier stimmen die Infrastruktur und die Mentalität der Menschen. Die verbreitete Jammerei über die Politik halte ich für übertrieben, auch wenn niedrigere Lohnnebenkosten natürlich wünschenswert wären. Fachpersonal zu finden ist herausfordernd, nicht zuletzt weil es nur noch wenige Textilschulen in Österreich gibt – mittlerweile haben wir viele Mitarbeiter aus Deutschland und anderen Ländern. Um neue wie bestehende Mitarbeiter vor allem im textilen Bereich schulen zu können, haben wir die hauseigene Getzner Akademie eingerichtet. Wir bilden aktuell knapp 90 Lehrlinge aus, sie sind unser Kapital für die Zukunft. Eine Herausforderung ist sicher auch, gute Manager zu gewinnen, die Erfahrung im Textilbereich haben und bereit sind, international zu reisen.

Welche Bedeutung hat die Globalisierung der Wirtschaft für den Standort Österreich?

Lampert: Bevor Österreich Mitglied der Europäischen Union war, hatte Getzner Textil wenig Chancen zu expandieren. Der EU-Beitritt brachte dann einen großen Schub – innerhalb eines Jahres sind wir um 100 Prozent gewachsen. Durch die Globalisierung können wir heute Gewebe etwa auch nach Fernost liefern, was früher nicht möglich gewesen wäre. Die Globalisierung hat aber auch dazu geführt, dass wir hier in Europa eigentlich nur noch Nischen­geschäfte machen. Speziell im Mode- und Wäschebereich kann der Handel einfach viel günstiger in Asien einkaufen. Bettwäsche machen wir zum Beispiel gar keine mehr, das wird ja mittlerweile alles importiert. Trotzdem: Die negative Besetzung von Globalisierung führe ich vor allem auf die Medien zurück. Globalisierung wird schlechter dargestellt als sie tatsächlich ist. Dabei werden die Chancen übersehen, die wir durch diese Dynamik in Europa bekommen haben.

Wie kam es zu Ihrer starken Präsenz in Westafrika?

Lampert: Getzner war früher vor allem als Hersteller von Damastbettwäsche bekannt. Ende der 1970er Jahre kam es dann zum Wechsel von gewebten auf bedruckte Stoffe, die leichter waschbar und einfacher zu bügeln sind. Getzner saß auf zwei Millionen Metern Damaststoff, die in Europa quasi unverkäuflich waren. Wir haben dann versucht, diese Ware in Afrika zu vertreiben – mit unerwartetem Erfolg: Innerhalb von sechs Wochen war alles verkauft. Seither liefern wir Damast nach Afrika und sind in diesem Bereich heute Marktführer. Bis 2005 haben wir im Schnitt knapp zwei Millionen Meter im Jahr in Afrika abgesetzt. Der Boom kam ausgerechnet 2008 mit der Finanzkrise. Wir hatten eine Afrika-Strategie in der Schublade, um mittelfristig auf zehn Millionen Meter zu kommen. Diesen Plan haben wir dann in nur 18 Monaten umgesetzt. Heute verkaufen wir bis zu 30 Millionen Meter Damast im Jahr.

Wie sehen Ihre afrikanischen Märkte im Detail aus?

Lampert: Afrika bedeutet für Getzner Westafrika. Das Hauptabnehmerland ist Mali, dazu kommen Senegal, Benin, Côte d’Ivoire und Nigeria, aber auch Ghana, der Tschad oder Togo. Früher trugen nur muslimische Männer die traditionellen Boubous, mittlerweile gelten diese Gewänder in der Region allgemein als festliche Kleidung – und seit einigen Jahren tragen auch Frauen Damaste. Und in Afrika ist es genau so wie bei uns in Europa: Wenn ein Ehepaar einen Kleiderschrank von vier Metern hat, gehören der Frau drei Viertel davon. Wir können aber trotz unseres enormen Wachstums nach wie vor nicht die Marktnachfrage abdecken. Das hat sowohl mit den Produktions-, als auch mit den Transportkapazitäten zu tun – es fahren schlichtweg nicht so viele Schiffe nach Westafrika. Aus versicherungstechnischen Gründen können wir nicht zu viele Container auf ein Schiff verladen. Ein Container fasst 120.000 Meter, und wir liefern am Tag mindestens einen Container. Dieser fährt mit dem LKW nach Hamburg und kommt dann auf ein Schiff nach Dakar oder Lagos.


Wo sehen Sie die Erfolgsfaktoren für das Afrikageschäft?

„Nicht jeder ist in Afrika erfolgreich. Am wichtigsten ist, den Geschäftspartnern auf Augenhöhe zu begegnen.“

Josef Lampert

Lampert: Nicht jeder ist in Afrika erfolgreich. Am wichtigsten ist, den Geschäftspartnern auf Augenhöhe zu begegnen. Ganz anders als in Europa haben wir es in Westafrika meist nicht mit studierten Menschen zu tun. Mit den lokalen Partnern führt man im Allgmeinen eine andere Art von Verkaufsgesprächen als man es bei uns gewohnt ist. Das ist mehr eine lockere Unterhaltung, in der man nebenbei Geschäfte macht. Man darf sich davon aber nicht täuschen lassen: Der Blick für die Qualität ist da, man darf sich hier gar nichts erlauben. Ich bin immer wieder über das unglaubliche Farbgefühl unserer Kunden erstaunt: Aus 150 verschiedenen Farbnuancen erkennen sie sofort die neue heraus. Und es sind unheimlich treue Kunden, es sei denn, man versucht sie zu übervorteilen.

Wie managen Sie Ihr Afrikageschäft?

Lampert:Wir haben in Afrika ja nur rund zwei Dutzend Kunden, die wir direkt betreuen. Ausschließlich Großhändler, hauptsächlich in der malischen Hauptstadt Bamako. Die bekommen regelmäßig unsere neuen Muster, und dann wird geliefert. Es gibt da nicht so viele Kundendiskussionen wie in Europa üblich. Da die Markt­nachfrage viel größer ist als unsere Produktionskapazität, entsteht einfach ein anderes Kundenverhältnis. Kopfzerbrechen bereitet uns natürlich, ob die Digitalisierung das verändern wird. Jeder Afrikaner hat heute mindestens ein Handy – wollen zukünftig beispielsweise auch Einzelhändler direkt bei uns bestellen? Auf Fragen wie diese müssen wir neue Antworten finden. Dazu muss man bedenken, dass Westafrika ein Wirtschaftswachstum von mehr als acht Prozent pro Jahr hat und sich die Bevölkerung in den nächsten 40 Jahren verdreifachen soll: Nigeria wird 2050 an die 400 Millionen Einwohner haben. Und da kann man sich vorstellen, wie stark die Nachfrage für Damastgewebe in der ganzen Region steigen wird. Auch dazu müssen wir uns Gedanken machen.

Überlegen Sie auch, wie Sie die Wertschöpfung vor Ort stärken können?

Lampert: Wir werden unsere eigene Wertschöpfung vor Ort nicht stärken können, weil es nicht möglich ist, einen Teil der Gewebeherstellung nach Afrika zu verlagern. Für Getzner ist Afrika ein Handelsgeschäft. Durch unser Gewebe verdienen aber mehrere Stufen – Großhändler, Detailhändler, Schneidereien und Sticker­eien, Einzelverkäufer. Sie dürfen nicht vergessen, dass diese Gewänder vor Ort genäht und in vielen Fällen sehr aufwendig bestickt werden. Vor allem nach Mali liefern wir auch weiße Ware, und unsere Kunden beschäftigen hunderte Frauen und Männer, die diese Stoffe einfärben und schlagen. Auch die Stickereien sind richtige Manufakturen mit professionellen Nähmaschinen. Wir leisten also schon einen wesentlichen Beitrag dazu, dass vor Ort Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen.

Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit?

Lampert: Ich glaube, dass beides möglich ist. Treiber für Nachhaltigkeit ist bei Getzner der Anspruch, möglichst energieeffizient zu arbeiten. In erster Linie erreichen wir das durch Investitionen in neue Anlagen: Eine neue Webmaschine benötigt beispielsweise nur rund zwei Drittel der Energie eines alten Modells. Daher tauschen wir auch Maschinen aus, um unseren Energieverbrauch zu senken. Dazu liefern wir Fernwärme an Schulen und öffentliche Einrichtungen, und unsere Abwärme heizt unter anderem das Schwimmbad in Bludenz. Auch im Bereich Laugenrückgewinnung haben wir viel getan und verwenden die Laugen mehrmals. Zudem haben wir den Wasserverbrauch in den vergangenen Jahren um mehr als ein Drittel reduziert. Nicht zuletzt ist unsere umweltfreundliche Textilproduktion bluesign- und ökotex-zertifiziert. Nachhaltigkeit ist aber mehr als Umweltschutz, es sollte ebenso um die eigenen Mitarbeiter gehen. Hier setzen wir in Bereichen wie Sport, Ausbildung, Arbeitspsychologie und flexible Arbeitszeiten an. Teilweise kann man sich bei uns fast wie in einem Wellnesshotel fühlen. Nicht zuletzt haben wir von den Eigentümern den Auftrag, einen Teil des Gewinnes für soziale Zwecke zu verwenden.

Engagiert sich Getzner auch sozial in den afrikanischen Märkten?

„Wir wollen dort etwas zurückgeben, wo wir unsere Gewinne erzielen.“

Josef Lampert

Lampert: Ja, es geht sogar der Großteil unserer Aufwendungen für soziale Zwecke nach Afrika. Wir wollen dort etwas zurückgeben, wo wir unsere Gewinne erzielen. Wir finanzieren in Westafrika Pflegestationen und haben auch schon Krankenwagen gekauft. Zudem unterstützen wir Hilfsorganisationen, die vor Ort tätig sind. Während der Ebola-Epidemie vor drei Jahren haben wir zum Beispiel die Kosten für eine ganze Quarantänestation übernommen. Vergangenes Jahr haben wir in Mali ein Schulprojekt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mitfinanziert.

Was macht in Ihren Augen ein Unternehmen erfolgreich?

Lampert: Ein ganz wichtiger Punkt ist zu lernen, mit Krisen umzugehen. Für mich bedeutet das, Mitarbeiter zu halten und vor allem miteinander im Gespräch bleiben zu können. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr mutige Entscheidungen getroffen, wir haben ein hervorragendes Managementteam, das gemeinsam Ideen entwickelt und diese auch in kürzester Zeit umsetzt. Unsere Eigentümer verstehen, dass wir in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten keine Ausschüttungen tätigen können, weil wir das Geld brauchen, um einerseits Eigenkapital zu bilden und das Unter­nehmen stabiler zu machen und um andererseits notwendige Investitionen zu einem großen Teil selbst zu finanzieren. Getzner verfügt zudem über eine wirklich hohe Innovationskraft. In jeder Produktsparte gibt es einen Innovationszirkel, wo sich Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen standortübergreifend austauschen können. Nach diesem Konzept beginnen wir jetzt auch, unsere Designer und Ausrüster zusammen zu bringen. Das funktioniert hervorragend. Ich sehe die zentrale Stärke von Getzner darin, dass wir in der Gruppe über alle Webtechnologien und damit über ein beinahe einzigartiges Fachwissen verfügen.


Vielen Dank für das Gespräch!

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ZUR PERSON

Josef Lampert ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Getzner Textil AG. Der 64-jährige Vorarlberger begann seine berufliche Laufbahn in den 1970er Jahren im Holz- und Furnierhandel, wo er mehrere Jahre den kaufmännischen Bereich verantwortete. Nach einem Zwischenstopp im internationalen Stahltrading stieg Lampert 1990 bei der Getzner Textil AG ein und wurde 1996 zum Vorstand für Finanzen und Logistik bestellt. Lampert ist verheiratet, hat drei Söhne und drei Enkelkinder.








ZUM UNTERNEHMEN


Damaststoffe machen heute 60 Prozent des Umsatzes der Getzner Textil AG aus.

Vorarlberger Textilchampion
Die Getzner Textil AG ist ein international tätiger Textilhersteller, der aus dem 1818 gegründeten Vorarlberger Familienunternehmen Getzner hervorging. Heute ist das Unternehmen einer der größten Buntweber der Welt und Marktführer in der Herstellung von hochwertigen Bekleidungsdamasten, die vorwiegend nach Westafrika exportiert werden. Weitere Produkte im Sortiment sind technische Stoffe sowie Modestoffe und Arbeitsbekleidung. Mit einem Exportanteil von 98 Prozent verkauft die Getzner Textil AG ihre Produkte direkt in 60 Länder und vereint acht Tochter­unternehmen aus der Textilproduktion in Deutschland und der Schweiz unter ihrem Dach. Aktuell beschäftigt das Unternehmen rund 1.500 Mitarbeiter, davon 860 am Vorarlberger Standort Bludenz. Im Geschäftsjahr 2016 steigerte Getzner Textil seinen Umsatz um 40 Prozent und erwirtschaftete 282 Mio. Euro.



© corporAID Magazin Nr. 72
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Birgit Riedmann, beigestellt

 

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