Innovationen für Entwicklungsländer

Kleine Ideen für große Geschäfte

05/2011 - Wo Ressourcen knapp und teuer sind, ist die Kreativität oft umso größer. In schmutzigen Slums werden Ideen für nachhaltige Sanitärsysteme geboren, am kargen Land entstehen energieautarke und für die entwickelte Welt oft beispielgebende Projekte.

Mobiles WC für jeden Slumhaushalt. Die Fäkalien werden gesammelt und zur Erzeugung von Methangas verwendet.

Am Anfang waren die Idee, das Design und ein peppiger Name für eine sehr profane Sache. Der X-Runner ist ein Mobil-WC für die Slums dieser Welt. Fäkalien sollen so zu Sammelstellen gebracht und dort per Biogasanlage in Energie verwandelt werden. Die portable, wasserlose und dank eines Filters vielfach ohne Geruchbelästigung befüllbare Toilette soll die sanitäre Situation von privaten Haushalten in armen urbanen Regionen verbessern.

„Es gibt viel Material über die Bedürfnisse von Slumbewohnern, Gespräche mit den Leuten ergeben oft aber ein anderes Bild.“

Jessica Altenbuger,
X-Runner

Das genial einfache Konzept des X-Runners wurde von der israelischen Designerin Noa Lerner erdacht und sieht aus wie eine Gartenschlauchrolle mit Klobrille und Haltegriff. In diesen Wochen geht eine Prototypen-Serie von 30 Stück in Produktion, um ab Juni im Slum einer indischen Kleinstadt seinen ersten Feldversuch zu bestehen. Denn es gilt noch viele offene Fragen zu klären. So ist das konkrete Business-Modell noch offen, ebenso wie die Fragen nach der Akzeptanz durch die Konsumenten oder dem Transportsystem zur Lieferung der vollen und Rückgabe der leeren Tanks zu ihren Besitzern. „Es gibt viele Daten und viel Recherchematerial, aber die Gespräche mit Leuten, die seit Jahrzehnten in Slums leben oder arbeiten, ergeben oft ein differenziertes Bild,“ sagt Jessica Altenburger, die Projektmanagerin des in Berlin ansässigen X-Runner-Teams.

Die Herausforderungen für die Entwicklung eines nachhaltigen Geschäftsmodells sind groß. Denn der X-Runner ist nicht bloß eine Art Camping-WC aus Plastik, sondern ein Hightech-Produkt, das unter anderem auf Nanotechnologie setzt. Mittelfristig soll der X-Runner hunderttausendfach beispielsweise in den Slums von Delhi reüssieren. Dort sieht Altenburger einen riesigen Markt von Menschen, die sich den X-Runner leisten können – er wird auch in der Massenherstellung rund 30 Euro kosten: „Nicht alle Slumbewohner leben von einem Dollar am Tag, in Delhi hat fast jeder Haushalt einen Fernseher, ein Radio, oft sogar einen Kühlschrank“. Mit ermöglicht hat die Serienentwicklung des X-Runner der österreichische Kunststoffkonzern Borealis, der dafür rund 30.000 Euro investiert hat. „Aber auch mehrere unserer Mitarbeiter in Indien sind in das Projekt einbezogen und arbeiten aus eigenem Antrieb an der Umsetzung des Konzepts mit“, erläutert Dorothea Wipplinger, Communications Managerin bei Borealis.

Entwicklung im Slum Die Armenviertel der Metropolen in Entwicklungsländern sind längst Brutstätte für und Testlabor von innovativen Produkten für die rund 2,5 Milliarden Bottom of the Pyramid-Konsumenten weltweit. Besonders in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, dessen Kibera-Slum mit rund 800.000 Bewohnern als größter zumindest von Afrika gilt, tummeln sich zahllose Initiativen, die oft ihren Ursprung in der entwickelten Welt haben.


Gemeinschaftsküche im Slum. Die Herde werden mit Müllverbrennung heiß.

Auch das Fäkalbusiness floriert hier: Mit den „Großen Geschäften“ der Bewohner machen beispielsweise die Katwekera Tosha Bio Center schon ansehnliche Gewinne. Ein Bio Center ist ein Gebäude mit Toiletten im Erdgeschoss, deren Füllung in einem Tank gesammelt wird. Das entstehende Methangas speist im ersten Stock die Herde einer Gemeinschaftsküche für die eingeschriebenen Community-Mitglieder. Die Bio Center haben zudem Duschen, manche sogar Satellitenfernsehen, wo man gegen eine geringe Gebühr Fußballmatches sehen kann. David Kihara, Manager des Bio Center in Katwekera: „Wir machen pro Monat zwischen 350 und 650 Dollar Gewinn, der an unsere Mitglieder verteilt wird.“

Ebenso erfolgreich wie das Bio Center ist im Kibera-Slum auch das Projekt der Organisation Ushirika Wa Safi. Eine Gemeinschaftsküche und eine öffentliche Dusche werden dort mit Müllverbrennung betrieben, auch eine Toilette ist angeschlossen. Freiwillige rücken regelmäßig zum Müllsammeln im Slum aus. Am Community Cooker kann um rund fünf Euro-Cent eine Mahlzeit für eine ganze Familie zubereitet werden. Eine internationale Architektengruppe hat sich der Idee angenommen, zum erfolgreichen Start trugen auch 10.000 Dollar vom United Nations Environment Programm UNEP bei.


Internet-café mit Solarenergie.Die Cafés sind in Gambia auch Arbeitplatz.

Geld mit Solarenergie Stattliche 2,5 Millionen von der EU hat hingegen die niederländische NICE international erhalten. Damit wird der Rollout eines weiteren innovativen Geschäftsmodells finanziert. Das Sozialunternehmen betreibt auf Franchise-Basis im westafrikanischen Gambia sieben solarbetriebene Internet-Cafés und wird nun 50 weitere in Tansania und Sambia errichten. Die NICE Center verfügen über bis zu 35 PC-Arbeitsplätze und einen Kinoraum für 150 Menschen. Der Haken: Ein Internet-Café benötigt knapp 100 zahlende Kunden pro Tag, damit sich der Investitionsaufwand von rund 30.000 Euro rechnet.


Brunnen mit Solarbetrieb Der Kärntner Dietmar Stuck patentierte seine hocheffiziente und solarbetriebene Pumpstation. In Tansania läuft das erste Pilotprojekt, in den Mittleren Osten hat er die Pumpe schon verkaufen können.

Die hohen Investitionskosten haben bisher auch den Markteintritt einer österreichischen Erfindung in ein Entwicklungsland verhindert: Der Kärntner Dietmar Stuck hat eine solarbetriebene Wasserpumpe entwickelt und patentieren lassen, die per Sonnenenergie bis zu 1.900 Liter Wasser pro Stunde aus bis zu 150 Metern Tiefe schöpft. Die New Solar Pump NSP ist wartungsfrei, funktioniert auch konventionell mit Handantrieb und versorgt bei einem Stückpreis von rund 12.000 Euro Kommunen mit mehreren hundert Bewohnern. „Die Pumpe habe ich dank eines Schweizer Vertriebspartners schon nach Dubai und in den Oman verkaufen können, für ein Dorf in Afrika ist sie aber kaum leistbar“, weiß Stuck und hofft daher auf Kooperationen – mit Entwicklungshilfeorganisationen oder mit Unternehmen vor Ort. Stuck ist Brunnenbaumeister mit mehrjähriger Auslandserfahrung und hat in Tansania zahlreiche Projekte in diesem Bereich abgewickelt.


LED-Lampe mit Solarenergie oder per Fahrradgenerator. Nuru Light expandiert seine blendende Idee in diesem Jahr in ganz Ostafrika.

Ebenso energieautark wie die Solarpumpe funktioniert auch Nuru Light. Das Sozialunternehmen mit Sitz in Ruanda stellt handliche LED-Lampen her, die bis zu 40 Stunden leuchten. Mit dem ebenso von Nuru entwickelten Powercycle können die Lampen sogar mit reiner Muskelkraft aufgeladen werden. 20 Minuten Strampeln reichen, damit fünf Lampen jeweils bis zu 40 Stunden leuchten. Das Laden der Batterien funktioniert ebenso mit einem speziellen Solarpanel oder mit einem herkömmlichen Ladegerät. Mit Hilfe der Weltbank und einer lokalen Mikrofinanzorganisation hat Nuru in Ruanda allein im Vorjahr 60.000 Haushalte von Kerosin- auf LED-Lampen umgestellt, jeden Monat kommen 35 neue Vertriebspartner hinzu, heuer soll ganz Ostafrika erobert werden.


Maisrebler am Fahrrad Trennung von Korn und Kolben mit einem Tool fürs Bike

Rund ums Rad Nicht weniger innovativ sind die Entwicklungsländer auch bei vergleichweise Lowtech-Produkten. In Malawi sind Autos Mangelware, Sprit ist teuer. Sakaramenta baut daher Fahrräder auch zu Krankentransport-Vehikeln um. Mit landesweit 350 dieser Care Cars kommen Schwangere und Kranke aus den Dörfern zum im Schnitt 15 Kilometer entfernten nächsten Arzt.

In Tansania entwickelt Global Cycle Solutions nützliche Tools, die überwiegend per Fahrrad, also Muskelkraft, das Leben der Landbevölkerung erleichtern. Ein ans Rad wie ein Dynamo anzuschließendes Handy-Ladegerät gibt es um 10 Dollar. Ein Verkaufsschlager ist der Maisrebler um 60 Dollar, der an jedem Bike montierbar ist und die Körner vom Maiskolben trennt. 90 Kilo Mais können so in 40 Minuten gerebelt werden. Das aus Stahl gefertigte Tool ist ebenso leicht mit einem Fahrrad zu transportieren wie dort zu montieren. Kleinunternehmer können damit ihr eigenes Business starten und als mobile Maisrebler mitsamt ihrem Arbeitsgerät von Dorf zu Dorf radeln.


© corporAID Magazin Nr. 33
Text: Harald Klöckl
Bildmaterial: Nuru Light, New Solar Pump (2), Global cycle solutions, x-runner , NICe international, www.agfax.net, ICEP

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