WiPa: Gamechanger für Asiens Kleinbauern

Die Landwirtschaft Südostasiens ist kleinbäuerlich strukturiert. Mit einem neuen Geschäftsmodell und einer Förderung der Austrian Development Agency wagt Pessl Instruments den Einstieg in diese Märkte.

Pessl
Pessl Instruments aus der Steiermark bietet Services speziell für Kleinbauern in Südostasien.

Zu den Hidden Champions der Steiermark zählt Pessl Instruments. Mit seinen Metos Hard- und Softwareprodukten leistet der exportstarke Mittelständler Landwirten weltweit rund um die Uhr wertvolle Dienste: vom Wetter- und Bodenmonitoring angefangen über die Früherkennung von Krankheiten und Schädlingsbefall bis hin zur Feldbeobachtung und einigem mehr. Auf einer internationalen Landwirtschaftsmesse präsentierte das Unternehmen erst kürzlich wieder eine Weltneuheit: einen Wasserspiegelmonitor für den Reisanbau. „Wir arbeiten an Lösungen, die den Anwendern echte Entscheidungshilfen bieten, um Wasser, Dünger, Energie und Zeit zu optimieren, bessere Ernten einzufahren und dabei auch noch die Umwelt zu schützen“, erklärt Geschäftsführer und Gründer Gottfried Pessl.

Kooperation mit der Austrian Development Agency 

Pessl
Die Messstationen helfen den Bauern, frühzeitig die richtigen Pflanzenschutzmaßnahmen zu treffen und damit bessere Ernten zu erzielen.

Pessls Hauptmärkte liegen in Nordamerika und Brasilien. Vor zwei Jahren entschied er, nach Südostasien zu expandieren und damit einen Markt mit völlig neuen Erfordernissen zu betreten. Pessl erklärt: „Unsere Kunden sind bisher Großbetriebe, die unsere Systeme kaufen. In Südostasien stehen wir nun aber Millionen von Kleinbauern gegenüber, für die unsere Produkte so nicht leistbar sind. Wir haben daher ein neues Geschäftsmodell entwickelt.“ Über Franchisepartner wird Pessl Instruments die Geräte an Kooperativen, die den gemeinschaftlichen Verkauf der Ernten ihrer Mitglieder besorgen, verleasen. Die Messdaten sind für alle Mitglieder – und das können 100, aber auch 20.000 Kleinbauern sein – dann über eine Smartphone-App zugänglich. Der einzelne Landwirt zahlt monatlich nur einen Minibetrag für die von ihm gewählten Messdaten an die Kooperative. 

Zur Bearbeitung der neuen Region hatten die Steirer in der Haupststadt Malaysiens ein Büro installiert. Von hier aus war es nur ein Sprung nach Indonesien, Thailand und Vietnam, wo sie zeitgleich mit Fokus auf den Reisanbau einsteigen wollten. Als die Austrian Development Agency ADA im Juni 2020 zusagte, die Frühphase des Vorhabens durch eine Wirtschaftspartnerschaft zu unterstützen, war das Unternehmen startklar. ADA-Programmmanagerin Susanne Thiard-Laforet begründet die Förderung mit dem enormen Potenzial des Projekts, einen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel sowie zur Förderung der ländlichen Entwicklung und Nahrungssicherheit zu leisten. 

Einstieg in Südostasien

Dass der Projektbeginn mit den wegen der Covid-Pandemie verhängten Reisebeschränkungen kollidierte, verhinderte ein rasches Loslegen. Dennoch gelang es Pessl Instruments, lokale Fachkräfte auszubilden, Franchisepartner zu gewinnen und sich einen Zugang zu den Kleinbauern zu erschließen. „Die Bauern brauchen Anleitung, um die Messdaten zu nutzen“, erklärt Gottfried Pessl den Bedarf des neuen Berufsbilds eines Digital Farm Advisors. In dessen Aufgabenbereich fallen die Beratung der Anwender ebenso wie die Aufstellung und Servicierung von Messgeräten. Über die großteils online angebotenen Schulungen konnten rund neunzig technikaffine Mitarbeiter von Agrargenossenschaften, Kooperativen sowie Freiberufler aus der neuen Region eine Zertifizierung erlangen. Im gleichen Zug entstand eine komplette E-Learning Plattform für die künftige Ausbildung von Digital Farm Advisors. „Wir werden tausende von ihnen brauchen“, ist sich der Unternehmer sicher. 

Pessl
Allein die Aufstellung der Messgeräte bringt Arbeit für viele.

Bei der Suche nach Leasingpartnern setzte Pessl Instruments fürs Erste auf Agrargenossenschaften, da sie als Verkäufer von landwirtschaftlicher Ausrüstung nahe an den Kunden sind. Über sie trat das Unternehmen an mehrere landwirtschaftliche Kooperativen heran, um deren Mitgliedern eine zeitlich begrenzte kostenlose Nutzung von Messdaten für den Pflanzenschutz anzubieten. „Sobald die Landwirte merken, dass sie dank der Messdaten bessere Ernten abliefern können und daher mehr verdienen, werden sie bereit sein, für das Service künftig auch eine kleine Gebühr zu zahlen“, ist Pessl überzeugt. Und er rechnet damit, dass sich das neue Angebot unter den Bauern wie ein Lauffeuer herumsprechen wird. 

In Zukunft möchte Pessl lokale Unternehmen und Start-ups als Franchisenehmer gewinnen. Erste Sondierungsgespräche mit Banken und Fonds, die für die Finanzierung der Geräte günstige Kredite bereitstellen können, bezeichnet er als vielversprechend. Er erwägt eine Beteiligung von Pessl Instruments als Joint-Venture-Partner an den Franchisenehmern. 

Weitere Pläne

So richtig losgehen wird es, wenn Anfang 2023 in jedem der drei Länder die ersten hundert Messstationen aufgestellt sind. „Oft reichen drei Geräte, um den Bedarf eines Dorfs zu decken“, sagt Pessl. Er denkt schon weiter, nämlich an ein flächendeckendes Angebot von Datendienstleistungen in ganz Südostasien – und an die weitere Expansion nach China. 


Das Unternehmen 

Die 1984 von Gottfried Pessl gegründete Pessl Instruments GmbH erzeugt unter der Marke METOS solarbetriebene Mess- und Überwachungsgeräte v. a. für landwirtschaftliche, meteorologische, hydrologische und Forschungszwecke. Diese basieren auf dem Internet der Dinge und werden von der eigenen Datenplattform FieldClimate unterstützt. Das forschungs- und innovationsfreudige Unternehmen mit Kunden in mehr als 85 Ländern beschäftigt am Stammsitz in Weiz 60 und weltweit 125 Mitarbeiter. Tochterunternehmen finden sich in den USA, Brasilien, der Ukraine, Spanien, der Türkei, Südafrika, Portugal und Polen.

Fotos: Pessl Instruments

 

Finden Sie hier Berichte über frühere Wirtschaftspartnerschaften der Austrian Development Agency mit verschiedenen Partnern:

Hoffnung für viele Patienten: Wie Medizinprodukteanbieter Lohmann & Rauscher nachhaltige Ausbildungsstrukturen für Ärzte und Krankenpfleger im Bereich Wundmanagement in Malaysia schafft. (corporAID Magazin Ausgabe 96, Herbst 2022)

Balkandelikatessen: Wie der Wiener Importeur Balkan Express mit handgefertigten Bioaufstrichen- und pürees Lieferketten in Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina stärkt. (corporAID Magazin Ausgabe 95, Sommer 2022)

Fuß fassen in Afrika: Wie sich der Blumen- und Nahrungspflanzenexperten Delphy aus den Niederlanden über Pilotprojekte einen Markt in Subsahara Afrika aufbaut. (corporAID Magazin Ausgabe 94, Frühling 2022)

250 Sofas und mehr: Über die Stärkung eines Lieferanten im Kosovo durch den Objekteinrichter Foness (corporAID Magazin Ausgabe 93, Winter 2021/22)

Rückholung des Waldes: Über ein Aufforstungsprojekt im Kosovo durch den Zellulosefaserkonzern Lenzing (corporAID Magazin Ausgabe 92, Herbst 2021)

Weide statt Kohle: Über dem Ausbau des Biomassemarkts in Serbien durch ein internationales Konsortium unter der Führung von E3 International (corporAID Magazin Ausgabe 91, Sommer 2021)

Fenster für Innovationen über die Unterstützung des Sozialunternehmerförderers Ashoka Austria beim Transfer erfolgreicher Tools nach Ostafrika (corporAID Magazin Ausgabe 90, Frühjahr 2021)

Hören können! über die Einrichtungen eines breiten Angebots im Bereich Hörgesundheitin Bangladesch und der Elfenbeinküste durch den Hörimplantatehersteller MED-EL (corporAID Magazin Ausgabe 89, Winter 2020)

Hygiene am Bauernhof über Marktvorbereitungen der Firma Calvatis in Brasilien (corporAID Magazin Ausgabe 88, Herbst 2020)

App hilft beim Thema Nr. 1 über eine Covid-19-Beratung für Ärzte und Pfleger in Entwicklungsländern durch MedShr (corporAID Magazin Ausgabe 87, Sommer 2020)

Nutzen statt Verbrennen über das Lobbying für Fackelgas statt importiertem Diesel im Verkehr in Nigeria durch ETEFA (corporAID Magazin Ausgabe 86, Frühjahr 2020)

Fachkräfteschmiede über den Aufbau einer Ausbildungsstätte für technische Berufe im Kosovo durch Hysni Ymeri (corporAID Magazin Ausgabe 85, Anfang 2020)

Cashew-Business über den Aufbau einer lokalen Verarbeitung von Öko-Nüssen in Tansania durch Umweltberater Paul Schreilechner