Manfred Hackl, CEO der Erema Gruppe
Covid, Energiekrise, Ukrainekrieg: Wie geht es Ihnen damit? Wie ist die Erema Gruppe bisher durchgekommen? 

Hackl: Wir hatten vor Corona 200 Mio. Euro Umsatz und jetzt, zwei Jahre später, liegen wir bei 300 Mio. Euro. Wir sind also um 50 Prozent gewachsen und so lässt sich nüchtern und faktenbezogen sagen: Wir haben es gut gemeistert. Das haben wir den Mitarbeitern zu verdanken, die Flexibilität bewiesen haben, bei all den Veränderungen mitzugehen. Emotional und menschlich gesehen ist aber vieles, was in der Welt gerade passiert, eine Katastrophe und das beschäftigt natürlich auch sehr stark.

Verändern all diese Ereignisse die Art des Wirtschaftens, das Konzept der Globalisierung?

Hackl: Covid hat deutlich bewusst gemacht, von welchen Regionen man wie stark abhängig ist. Hier stellt sich die Frage, ob wir wieder so globalisiert sein wollen wie vor 2020 oder ob man nicht besser auf eine gewisse Unabhängigkeit setzt? Gleichzeitig brauchen wir als österreichisches Unternehmen und als europäische Industrie den Export. In der Lieferkette haben uns die Disruptionen weniger getroffen als andere Unternehmen, weil diese vergleichsweise sehr regional ist – wir haben beispielsweise praktisch keine asiatischen Lieferanten.

Ihr Business ist international. Bietet der Standort Österreich dafür gute Rahmenbedingungen? 

Hackl: Die Stärke Österreichs sind sicherlich die Flexibilität und die Kreativität der Mitarbeiter. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Österreich immer noch ein Technologieland ist. Dadurch können wir die Marktführerschaft behalten, weil, was die Kosten betrifft, sich die Situation doch stark verschlechtert hat. Letztendlich bleibt den Mitarbeitern netto zu wenig übrig, wodurch diese sich immer wieder fragen: Warum soll ich mehr arbeiten, wozu mehr Einsatz zeigen? Also hier müssten sich die Rahmenbedingungen ändern.

Finden Sie leicht Mitarbeiter?

Hackl: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren mehr als hundert Mitarbeiter aufgenommen. Heute treffen Mitarbeiter ihre Entscheidung für einen Arbeitgeber nicht allein wegen des Gehalts. Auch der Purpose, also wozu die eigene Arbeit beiträgt, spielt eine immer größere Rolle. Hier stellt unsere Mission „Another Life for plastic. Because we care“ eine starke Motivation dar. Dazu kommt die Unternehmenskultur: In Privatbesitz zu sein ist meiner Meinung nach ein Benefit, ebenso wie freiwillige Sozialleistungen. Wobei es auch für uns wesentlich schwieriger geworden ist. Wir haben heute offene Stellen, das kannten wir früher gar nicht.

Würde die Recyclingbranche nicht wachsen, wäre die Welt dann besser?

Manfred Hackl, Erema Gruppe Tweet
Beim heurigen Europäischen Forum Alpbach wurde das Wachstumsmodell sehr infrage gestellt. Sehen Sie einen Widerspruch zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit?

Hackl: Das ist eine spannende Frage. Ich habe mich mitunter selbst gefragt: Warum wachsen wir überhaupt? In einer Branche, die insgesamt wächst, muss auch das einzelne Unternehmen wachsen, da es sonst den Anschluss verliert. Noch dazu in einer Branche wie unsere, die direkt zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung beiträgt. Würde die Recyclingbranche nicht wachsen, wäre die Welt dann besser? EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat gesagt: „Der europäische Grüne Deal ist unsere neue Wachstumsstrategie – für ein Wachstum, das uns mehr bringt als es uns kostet.“ Der Green Deal bietet die große Chance, den Wandel hin zu einer klimaneutralen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft aktiv und führend mitzugestalten. Wir als europäische Industrie haben in vielen Industriezweigen den Lead verloren. Wenn man davon ausgeht, dass die Themen Abfall, Ressourcen, Kreislauf und Nachhaltigkeit in den nächsten Jahrzehnten eine gewichtige Bedeutung erhalten werden, können wir als europäische Industrie wieder zum Vorreiter werden. Heruntergebrochen für Österreich und das Kunststoffrecycling heißt das: Ja, wir müssen weiter Innovationen treiben, und ja, wir müssen weiter wachsen.

Manfred Hackl, CEO der Erema Gruppe, im Interview mit corporAID
Kreislaufwirtschaft ist ein Megatrend. Wohin geht die Reise? 

Hackl: Unsere Vision ist, dass 2030 die Kunststoffkreislaufwirtschaft Wirklichkeit ist. Darunter verstehen wir, dass Kunststoff kein schlechtes Image mehr hat, sondern genauso wie Glas, Metall und Papier verwendet und dann dem Kreislauf zugeführt wird. Kunststoff ist energetisch der mit Abstand beste Werkstoff. Beispielsweise braucht Glas in der Herstellung enorm viel Energie in Form hoher Temperaturen, und Transport und Reinigungsaufwand bei Mehrfachverwendung wirken sich bei großen Transportstrecken auch negativ auf die CO2-Bilanz aus. Kunststoff kann einen riesigen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten, wenn er dem Kreislauf zugeführt wird. Wir wollen als Erema Gruppe global eine treibende Kraft bei der Umsetzung dieser Vision sein. Und wir konnten bereits einiges bewegen, regional, auf europäischer Ebene, international. Nur zwei Beispiele: Wir haben dazu beigetragen, dass Oberösterreich bis 2030 eine Sustainable Plastic-Modellregion wird. Und in der Branche selbst haben wir es geschafft, dass die weltgrößte Kunststoffmesse „K“ heuer erstmalig nicht ausschließlich unter einem technischen Motto steht, sondern die drei Schwerpunkte Klima, Kreislauf und Digitalisierung hat. Wir sind optimistisch, dass wir noch wesentlich mehr bewegen werden.

Unsere Vision ist, dass 2030 die Kunststoffkreislaufwirtschaft Wirklichkeit ist.

Manfred Hackl, Erema Gruppe Tweet
Haben Sie auch ein quantitatives Wachstumsziel?

Hackl: Solche Zahlen nenne ich ungern. 2016 hatten wir einen Umsatz von rund 120 Mio. Euro. Wir haben damals das Ziel ausgegeben, bis 2025 250 Mio. zu erreichen, jetzt haben wir 2022 und die 300 Millionen geschafft. Somit werden wir unsere Ziele nach oben schrauben. Die vergangenen drei Jahre waren extrem gut. Wir werden auch heuer stark wachsen, und es wird mit einem guten Wachstum weitergehen.

Gibt es Innovationen, die in besonderer Weise Veränderungen ausgelöst haben?

Hackl: Mit unseren Technologien haben wir schon einiges ausgelöst. Wir waren vor 20 Jahren die Ersten, die Bottle-to-bottle-Technologien eingeführt und diesen zum Durchbruch verholfen haben. Dabei werden aus PET-Flaschen wieder Flaschen. Vor sieben Jahren gelang uns das auch für HDPE-Milchflaschen. Wir waren die Ersten, die Folienrecycling zum Durchbruch gebracht haben. Wir setzen technologische Schritte, die zum Erfolg unserer Kunden werden. Dazu müssen wir die Bedürfnisse unserer Kunden perfekt verstehen. Man ist nur erfolgreich, wenn die beste Technologie den Bedarf am Markt deckt.

Welche Rolle spielen Digitalisierung und künstliche Intelligenz?

Hackl: Digitalisierung wird für das Recycling einen Riesenbenefit bringen. Da geht es um Rückverfolgbarkeit und Nachvollziehbarkeit, um Prozessstabilität und -dokumentation. Insbesondere bei Verpackungen mit Lebensmittelkontakt ist die Rückverfolgbarkeit entscheidend. Und je mehr Hersteller hier auf Recyklat setzen, desto wichtiger wird Digitalisierung. Wir haben auch hier viele Innovationen umgesetzt. 

Was macht die Innovationskraft von Erema aus?

Hackl: Zwei Dinge: Der Wille jedes einzelnen Mitarbeiters, eine Herausforderung zu lösen, und die Abstimmung mit dem Kunden, diese Lösung zum Durchbruch zu bringen. Man ist dann erfolgreich, wenn den Mitarbeitern der Freiraum gegeben wird, Sachen auszuprobieren. Jede Neuentwicklung birgt natürlich das Risiko, dass sie ein Fehlschlag sein könnte. Nur ohne ein Risiko in Kauf zu nehmen, werden wir auch keine Innovationen setzen.

Manfred Hackl, CEO der Erema Gruppe, im Gespräch mit corporAID
Welche Rolle spielen Emerging Markets für Innovationsprozesse?

Hackl: Ich begleite seit zwei Jahren Mr. Green Africa, ein Recycling-Start-up in Kenia, das sich zum Ziel gesetzt hat, für die Umwelt und für die Menschen etwas Gutes zu tun. Das Spannende ist nicht, dass die mit einer unserer Maschinen arbeiten, obwohl das auch cool ist, sondern das Kunststoffabfall-Sammelsystem, das sie aufgebaut haben. Sie arbeiten mit 2.000 Straßensammlern und mit Hilfe von Smartphone-Apps, um die Umwelt zu säubern und um so zu Material zu kommen. Dieses Geschäftsmodell lässt sich duplizieren und Mr. Green Africa hat auch vor, in weitere Länder zu gehen. Wir sind nicht beteiligt, weil wir uns nie an Kunden beteiligen. Aber wir sind ein starker Partner, indem wir das Start-up finanziell, mit Kunststoffwissen und Management-Know-how unterstützen. Wir selbst können dabei eine Menge über Emerging Markets lernen. 

Welche wirtschaftliche Bedeutung haben diese Märkte heute?

Hackl: Insgesamt laufen mehr als hundert Erema-Anlagen in Afrika, der Großteil davon in Südafrika. Unsere Kunden dort sagen sich: Um Rezyklate an Konsumgüterhersteller verkaufen zu können, brauche ich gute Qualität und damit auch gute Maschinen. In Afrika gibt es große Industriebetriebe im Kunststoffrecycling, beispielsweise beschäftigt einer unserer Kunden in Tansania mehr als 2.000 Mitarbeiter.

Man kann anhand der 17 Sustainable Development Goals zeigen, dass zwölf Ziele ohne Kunststoff nicht erreichbar sind.

Manfred Hackl, Erema Gruppe Tweet
Wo sehen Sie in Emerging Markets die größten Herausforderungen?

Hackl: Die größte Herausforderung ist sicher berufliche Ausbildung. Oft gibt es gut qualifizierte Schichtleiter, aber das Gefälle zum Maschinenbediener ist gewaltig, und das schränkt die Effizienz ein. Hier müsste die Ausbildung in der Breite auf ein höheres Level kommen. Wir müssen zudem das Bewusstsein schaffen, die Ressource Abfall nicht wegzuwerfen, sondern wiederzuverwenden. Es gibt ein Riesenpotenzial, weil nicht nur die Bevölkerung, sondern auch der Wohlstand wächst und in den nächsten Jahrzehnten weiter wachsen wird. Darum gibt es hier langfristig ein wirtschaftliches Interesse, wenn gleich es in den nächsten zehn oder 20 Jahren mehr darum geht, den Markt erst einmal zu entwickeln. Ein Erema-Mitarbeiter war erst unlängst in Kenia in den Abendnachrichten, weil wir dort eine Informationsveranstaltung gemacht haben. Wir unterstützen auch lokale Regierungen dabei, Kreislaufwirtschaft in Schwung zu bringen.

Welche Rolle spielen die Ziele für nachhaltige Entwicklung SDG?

Hackl: Man kann anhand der 17 Sustainable Development Goals zeigen, dass zwölf Ziele ohne Kunststoff nicht erreichbar sind. Wir können Kunststoff aber nur verwenden, wenn wir die Kreisläufe schließen, weil wir sonst die Welt vermüllen. Und das geht gar nicht.

Manfred Hackl, CEO der Erema Gruppe
Was macht für Sie ein Unternehmen zukunftsfähig? 

Hackl: Unternehmen sind zukunftsfähig, wenn sie sich flexibel und schnell an geänderte Rahmenbedingungen anpassen können. Dadurch, dass nicht nur die Volatilität immer stärker wird, sondern auch die Amplituden immer größer werden, wird diese Fähigkeit immer wichtiger. Idealerweise kann man daraus sogar einen Vorteil generieren und zum Frontrunner in einem adaptierten System werden. Entscheidend für diese Anpassungsfähigkeit sind die Mitarbeiter. 

Und was macht den Manager erfolgreich?

Hackl: Der Manager ist nur ein Teil vom Rad. Er muss einerseits Vorbild sein und Orientierung geben und andererseits Rahmenbedingungen schaffen, damit sich Mitarbeiter entfalten können. So kann es gelingen, zufriedene Mitarbeiter und zufriedene Kunden zu haben. Das ist letztlich entscheidend.

Vielen Dank für das Gespräch! 


Zur Person

Manfred Hackl ist CEO des oberösterreichischen Recyclingtechnologieanbieters Erema Gruppe. Der Diplomingenieur ist seit mehr als 25 Jahren im Unternehmen tätig. Hackl begann seine Laufbahn als Qualitätsmanager, stieg zum CEO des Engineeringbereichs der auf allen Kontinenten aktiven Unternehmensgruppe auf und leitet heute den Gesamtkonzern. 

Zum Unternehmen

Erema: Wegbereiter für die Kreislaufwirtschaft

Erema Headquarter
Ein weiteres Leben für Plastik verheißen die Anlagen der Erema Gruppe.

Die Erema Gruppe aus Ansfelden ist weltweit führend bei Kunststoffrecyclinganlagen. Die Anfänge gehen auf Georg Wendelin, Helmut Bacher und Helmuth Schulz zurück, die 1983 eine erste selbst entwickelte Recyclingmaschine auf den Markt gebracht haben. Die Erema Gruppe deckt heute mit ihren Unternehmen und Beteiligungen das gesamte Spektrum des mechanischen Kunststoffrecyclings ab, von der Entwicklung, Planung und des Engineerings über die Herstellung von Recyclinganlagen bis hin zum Gebrauchtmaschinenhandel. Rund um den Globus recyceln 7.500 Anlagen jährlich rund 18,5 Mio. Tonnen Kunststoff. 840 Mitarbeiter sind in Österreich, in den USA und China sowie in mehr als 50 Landesvertretungen beschäftigt. Im Geschäftsjahr 2021/22 konnte die im Familienbesitz befindliche Gruppe Rekordumsätze von 295 Mio. Euro erzielen.

 
Fotos: Bernhard Weber (4), Erema/Wakolbinger