Landwirtschaft

Aufbruch auf Afrikas Äckern

08/2010 - Für keinen anderen Kontinent ist die Landwirtschaft so bedeutsam wie für Afrika – trotzdem fristete sie jahrzehntelang ein Schattendasein. An den Rezepten für den maroden Sektor scheiden sich nun die Geister.

Hoffnungsträger Kleinbauer in Mosambik


Welthunger „Realität-to-go“ in der Karlsplatz-Passage

Es ist nur ein unauffälliger Schriftzug über neun roten Ziffern in der Wiener Karlsplatz-Passage. Mit statistischen Werten auf LED-Anzeigen präsentiert der kanadische Künstler Ken Lum in seiner Installation Banalitäten und globale Herausforderungen. Zwischen den Summen der seit Jahresbeginn in Wien verzehrten Schnitzel und entlehnten Bücher erfährt der Passant die aktuelle Zahl der weltweit unterernährten Kinder: mehr als 120 Millionen.

2009 gab es erstmals mehr als eine Milliarde Hungernde, so die Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO. Dieser Zuwachs ist Ausdruck systemischen Versagens: Denn weltweit gibt es einen Überschuss an Nahrungsmitteln. Ironischerweise hat ein Großteil der Unterernährten selbst mit der Nahrungsmittelproduktion zu tun – etwa als Erntehelfer oder Kleinbauern. So lebt in Subsahara-Afrika die Mehrzahl der 265 Millionen Hungernden auf dem Land.

Das ist mit eine Folge der jahrzehntelangen Vernachlässigung der afrikanischen Landwirtschaft. Trotz ihres enormen Stellenwerts im Kampf gegen den Hunger fand sie sich bis vor zehn Jahren weder auf der Agenda der nationalen Regierungen noch der internationalen Gemeinschaft. „Seit dem Jahr 2000 hat das Thema Landwirtschaft sukzessive an Bedeutung gewonnen“, sagt Michael Hauser, Direktor des Centre for Development Research an der Wiener Universität für Bodenkultur.

Geldpflanzen Kein anderer Kontinent ist so abhängig vom Agrarsektor wie Afrika. Dieser steht hier für ein Drittel der Wirtschaftsleistung, mehr als 70 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft, die Mehrzahl als Kleinbauern oder Subsistenz-Landwirte. Daneben prägen große Unternehmen den Sektor, die so genannte Cash Crops anbauen, Nutzpflanzen wie Kakao oder Baumwolle, die überwiegend für den Export bestimmt sind. So stammen etwa zwei Drittel der weltweiten Kakaoproduktion allein aus drei afrikanischen Staaten – Elfenbeinküste, Ghana und Nigeria.

Die einseitige Konzentration auf wenige landwirtschaftliche Exportgüter lässt sich unter anderem auf die Agrarpolitik der Industrienationen zurückführen. Zusätzlich zu Direktzahlungen an die europäischen Landwirte subventioniert die EU mit Ausfuhrerstattungen den Absatz von Überschüssen auf dem Weltmarkt. Dabei wird die Differenz zwischen den Produktionskosten in Europa und den Weltmarktpreisen ausgeglichen. Die Einfuhr von Agrarprodukten zu Dumpingpreisen zerstört aber die afrikanischen Märkte und macht es für die lokalen Bauern unmöglich, bei denselben Erzeugnissen zu konkurrieren.

Unter diesen Rahmenbedingungen ist die afrikanische Landwirtschaft nur bei jenen Nutzpflanzen wettbewerbsfähig, bei denen die günstigeren klimatischen Bedingungen und die niedrigeren Produktionskosten nicht durch Marktverzerrung aufgehoben werden. Durch den Anbau von Cash Crops reduzieren sich aber die Kapazitäten zur Deckung des lokalen Nahrungsmittelbedarfs. Was wiederum die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten fördert. Nach Angaben der FAO sind seit 1980 die Lebensmittelimporte der Entwicklungsländer um 60 Prozent gestiegen.

„Nur auf Produktivität zu fokussieren greift zu kurz.“

Michael Hauser
Agrarökologe

Faktor Produktivität Der großteils kleinbäuerlich strukturierte afrikanische Agrarsektor kämpft mit einem weiteren Problem: mangelnde Produktivität. Hektarerträge auf afrikanischen Feldern sind nur halb so groß wie in anderen Teilen der Welt. Während die landwirtschaftliche Produktivität überall auf der Welt steigt, stagniert sie unterhalb der Sahara: Der Hektarertrag eines Kleinbauern hat sich seit 40 Jahren nicht verändert.

Bis 2030 muss die weltweite Nahrungsmittelproduktion laut UN-Prognosen um 50 Prozent steigen, um den wachsenden Bedarf zu decken. „Produktivität kann aber nicht die einzige Kenngröße sein“, sagt Hauser. Selbst wenn die Ernten verdreifacht würden, wie dies in Asien gelungen ist, fehlt es in den meisten afrikanischen Ländern an Infrastruktur und an funktionierenden Märkten. Die Bauern haben kaum Zugang zu landwirtschaftlicher Beratung, hinzu kommt ein vernachlässigter Forschungssektor. „Nirgends auf der Welt gibt es so wenige Agrarforscher wie in Afrika“, so Hauser.

Dass sich einiges ändern muss auf Afrikas Äckern und Feldern ist unumstritten, die Lösungsansätze sind jedoch kontroversiell. Biologischer Landbau versus Gentechnik ist nur eine der emotional geführten Diskussionen. „Was nicht passieren darf, ist, mit lediglich mehr Einsatz so weiterzumachen wie in den vergangenen 50 Jahren“, sagt Hauser.

Talking ‘bout a revolution... Mediale Aufmerksamkeit erlangten die Probleme der Landwirtschaft in Entwicklungsländern durch den Einsatz prominenter Fürsprecher wie Bill Gates. Der Microsoft-Gründer ist überzeugt, dass der „stärkste Hebel für die Verringerung von Hunger und Armut darin besteht, die Ernten der Kleinbauern zu vergrößern und ihnen Zugang zu Märkten zu verschaffen“. Die Bill und Melinda-Gates Stiftung unterstützt ländliche Entwicklung mittlerweile mit 300 Mio. USD pro Jahr, darunter auch die vom ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan ins Leben gerufene Allianz für eine grüne Revolution in Afrika AGRA. Diese hat sich der Produktivitätssteigerung nach dem Vorbild der Grünen Revolution in Lateinamerika und Asien verschrieben.

Zwischen den 1960ern und 1980ern waren dort durch den Einsatz modernen Hochleistungssaatguts beachtliche Ertragssteigerungen erzielt worden. Ob das auch in Afrika umsetzbar wäre, gilt als umstritten. Denn hier sind die naturräumlichen Voraussetzungen wesentlich heterogener. Auch zählen Umweltfolgen wie Bodendegradierung durch übermäßigen Gebrauch von Düngemitteln zu den Schattenseiten der ersten Grünen Revolution. Die Vertreter von AGRA betonen, diese Fehler nicht wiederholen zu wollen.

Auch die Afrikanische Union setzt neuerdings auf ländliche Entwicklung – durch Investitionen in Infrastruktur und Marktanreize sowie durch Forschungsförderung. Im Rahmen des Comprehensive African Agriculture Development Program CAADP sollen jährliche Wachstumsraten des Agrarsektors von sechs Prozent erzielt werden. Was die afrikanische Politik betrifft, erschöpft sich der Einsatz bislang in Rhetorik: Statt der angestrebten 10 Prozent der Staatsausgaben für den Agrarsektor sind es in vielen Staaten nur drei Prozent.


Lokale Wertschöpfung Verlässliche Märkte als Wachstumstreiber

Angebot und Nachfrage Aktuelle Entwicklungsstrategien sehen in den Kleinbauern die Protagonisten im Kampf gegen den Hunger. Das setzt jedoch voraus, dass ihr Zugang zu Land, Wasser, Saatgut, Krediten und Märkten verbessert wird. Gerade bei letzterem liegen Theorie und Praxis oft weit auseinander: Am Weltmarkt haben afrikanische Bauern aufgrund der europäischen und US-amerikanischen Agrarpolitik kaum Chancen. Und daran wird sich in absehbarer Zeit wenig ändern. Zwar sinkt der Anteil der Agrarausgaben am EU-Budget, diese betragen aber 2010 immer noch rund 60 Mrd. Euro.

Die afrikanische Landwirtschaft spielt in einer anderen Liga. Und muss sich kurz-und mittelfristig anders orientieren. Verstärkt auf Fairtrade- und Bio-Produkte für den Export zu setzen ist eine Möglichkeit, stellt aber bislang einen Nischenmarkt dar. Laut den Vereinten Nationen sind der beste Wachstumstreiber der Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten und die Konzentration auf die lokalen und regionalen Märkte, auch um die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Allerdings gibt es hier Barrieren: Vielen Landwirten fehlt die Erfahrung in der kommerziellen Landwirtschaft. Oft können sie ohne Unterstützung von außen nicht in kurzer Zeit in der geforderten Qualität und Quantität produzieren.

So versucht beispielsweise das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen WFP seit 2008 in insgesamt 21 Entwicklungsländern, Landwirten Zugang zu Märkten zu eröffnen. Das Purchase for Progress-Programm bietet Kleinbauern einen Markt für ihre Produkte, diese können nun unter Einhaltung von Qualitätsstandards an das WFP verkaufen. „Seit Projektbeginn wurden Kleinbauern in den 13 afrikanischen Ländern über 60.000 Tonnen Nahrungsmittel abgekauft. Zudem erhielten 37.000 Bauern Training in Organisationsmanagement, Anbautechniken und Qualitätskontrolle“, sagt Projektkoordinator Ken Davies. „Viele Kleinbauern haben so zum ersten Mal Zugang zu einem verlässlichen Markt, können Investitionen tätigen und ihr Einkommen steigern. Unser Ziel ist, dass sich die Märkte bis 2015 so entwickeln, dass sie auch ohne uns funktionieren.“

Landlust Alle Lösungsansätze haben eines gemeinsam: Sie brauchen Investitionen – in kleinem und in großem Stil. Da nicht hinter jedem Programm die Gates-Stiftung oder die Vereinten Nationen stehen, suchen die afrikanischen Länder Geldgeber – für Infrastruktur und Agrarforschung. Die Suche insbesondere nach privatem Kapital ist schwierig. Während in anderen Teilen der Welt mehr als die Hälfte der Investitionen in den Agrarsektor privater Herkunft sind, sind es in Subsahara-Afrika lediglich 2 Prozent. Vor allem mangelnde Rechtssicherheit und instabile politische Verhältnisse schrecken potenzielle Investoren ab.

Das Geschäft floriert dort, wo Land im großen Stil zur Pacht oder zum Kauf angeboten wird. Staatsfonds und Unternehmen aus Europa, den USA, China und den Golfstaaten sichern sich 1.000-hektarweise Ackerland in afrikanischen Staaten. In Äthiopien sind 3 Mio. Hektar an ausländische Investoren verpachtet, die dort Nahrungsmittel anbauen – für den Export. Kritiker sprechen von „Land grabbing“. Mittlerweile rudert auch die Weltbank, die diese Investitionen anfangs als große Entwicklungschance pries, zurück. Ein aktueller Bericht zeichnet ein düsteres Gesamtbild: Vielen der Geschäfte fehlt Transparenz, oft wird Land verkauft, das von der lokalen Bevölkerung genutzt wird, Korruption ist an der Tagesordnung. Fehlende rechtliche Absicherung macht es unmöglich, die nachhaltige Nutzung des Landes zu kontrollieren. Die erhofften Spill-over-Effekte für die lokale Bevölkerung sind selten. Zudem wird fruchtbares Land auch in Afrika zunehmend zum knappen Gut.

Globale Herausforderung Der Klimawandel wird diese Situation weiter verschärfen. Vor allem Entwicklungsländer spüren die Auswirkungen bereits: Dürre-und Flutkatastrophen führen zu Verlusten der landwirtschaftlichen Erträge. Auch die steigende Nachfrage nach Biotreibstoffen und die daraus entstehenden Nutzungskonflikte um Anbauflächen wird zunehmend zum globalen Problem. So gab es zuletzt 2008 in vielen Ländern Missernten und in der Folge Hungerrevolten aufgrund des drastischen Preisanstiegs bei Grundnahrungsmitteln. Diese jüngste Ernährungskrise hat gezeigt, wie untrennbar die Landwirtschaft mit Themen wie dem globalen Handel, Umwelt- und Klimaschutz sowie sozialen Fragen verbunden ist.


Bodenschatz
Die zur Verfügung stehende Anbaufläche pro Kopf schrumpft dramatisch


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Ein Ausweg ist die Entwicklung des afrikanischen Agrarsektors. Dazu braucht es produktive Kleinbauern, biologische Diversität, funktionierende Märkte sowie Finanzierungssysteme. Und eine europäische Agrarpolitik, die diese Anstrengungen nicht konterkariert. Es geht aber auch um die täglichen Entscheidungen jedes Konsumenten; nicht nur, um das schlechte Gewissen loszuwerden, das uns in der Karlsplatz-Passage überkommt.


© corporAID Magazin Nr. 29
Text: Christina Bell
Bilder: M.Mitrea/ICEP, Agra

 

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