Firmenbeispiel

Ein Lohn zum Leben

08/2010 - Mindestlöhne reichen oft nicht zum Leben. Ein existenzsichernder Lohn ist zwar schwierig zu berechnen, nützt aber Arbeitgebern und -nehmern. Vor allem in Niedriglohnländern.

Palfinger-Beschäftigte: Das Unternehmen sucht nach Gehaltsmodellen, die das Leben leistbar machen.

Die bedarfsorientierte Mindestsicherung, die in Österreich mit 1. September 2010 startet, hat ebenso wie die Transparenzdatenbank für Sozialleistungen zu hitzigen Diskussionen geführt. Die Argumente erstreckten sich von sozialer Hängematte bis zu längst überfälliger Maßnahme zur Prävention von Armut. Die Frage, wieviel man mindestens zum Leben braucht, wird in Österreich für eine alleinstehende Person mit 744 Euro pro Monat beantwortet. Dieser Betrag soll das sozioökonomische Existenzminimum darstellen und zum Bestreiten eines Lebensunterhalts ausreichen. International spricht man vom Living Wage.

Abseits von Polemik und Wahlkampfrhetorik ist die Deckung des Existenzminimums für Menschen in vielen Teilen der Welt eine tagtägliche Überlebensrealität. Eine soziale Absicherung à la Mindestsicherung können dabei nur wenige Staaten bieten. Der Großteil der Menschheit ist heute von Erwerbseinkommen zur Bestreitung des Lebensunterhalts abhängig. Wer schlecht ausgebildet ist oder dort Arbeit sucht, wo Jobs rar, Löhne niedrig und Gesetze schwach oder nicht vorhanden sind, läuft Gefahr, selbst mit einem Vollzeitarbeitsplatz seinen Lebensunterhalt nicht decken zu können.

Vor allem wenn es um Billiglohnländer geht, die für den Export nach Europa produzieren, finden arbeitsrechtliche Themen wie Zwangs- und Kinderarbeit, Gewerkschaftsverbote und Bezahlung von Hungerlöhnen auch eine mediale Öffentlichkeit. Dadurch steigt der Druck auf Unternehmen mit Produktionsstätten in und Zulieferketten aus Entwicklungsregionen, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und eine faire Entlohnung anzubieten. Das Thema findet sich seit Jahren auf der Agenda zahlreicher Pressure Groups, aber auch von internationalen Institutionen.

Mindestlohn Denn obwohl Mindestlöhne mittlerweile in vielen Entwicklungsländern Gesetz sind, reichen sie nicht immer aus, um die Grundbedürfnisse eines Beschäftigten und seiner Familie zu erfüllen – und werden darüberhinaus oft nicht umgesetzt. Die Wirtschaftskrise verschärfte die prekäre Situation vor allem Minderqualifizierter und Niedriglohnarbeiter weiter. In Bangladesch liegt der gesetzliche Mindestlohn beispielsweise bei 18 Euro pro Monat, der Living Wage liegt jedoch bei rund 55 Euro.

Sowohl die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als auch die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO betonen das Recht jedes Menschen auf einen angemessenen Lebensstandard unter Befriedigung der Grundbedürfnisse. Der Gedanke ist nicht neu. Schon 1891 forderte Papst Leo XIII. das in der Sozial-Enzyklika Rerum Novarum. Zuletzt 2008 wies die ILO in ihrer dritten Erklärung mit dem Titel „Deklaration für soziale Gerechtigkeit für eine faire Globalisierung“ auf die Notwendigkeit eines existenzsichernden Mindestlohns für alle Beschäftigten hin. Das ist nur mit einer Entlohnung möglich, die über dem sozioökonomischen Existenzminimum liegt.

Existenzsicherung Daher setzen neben der ILO auch andere Institutionen wie beispielsweise die Ethical Trading Initiative ETI – ein Zusammenschluss von Unternehmen, Gewerkschaften und NGOs zur Förderung der Arbeitsbedingungen in der Konsumgüterindustrie – verstärkt auf die direkte Zusammenarbeit mit Unternehmen. Nur diese können global nachhaltige Jobs schaffen, in Regionen mit unzureichender Gesetzgebung bessere Arbeitsstandards einführen und Löhne bezahlen, die über Mindestlöhne hinausgehen. Seit 1997 existiert mit SA8000 auch ein internationaler, zertifizierbarer Standard, der einen Beitrag zu besseren Arbeitsbedingungen leisten soll. Ins Leben gerufen von Social Accountability International SAI, dient SA8000 vor allem international tätigen Unternehmen als Mindestmaß für Anstellungs- und Arbeitsplatzbedingungen.

Die Herausforderung beim Living Wage liegt in der Berechnung. Während der Mindestlohn durch eine gesetzliche Regelung oder einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag festgeschrieben wird, kann ein Living Wage immer nur im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontext bestimmt werden.

In der Theorie bedeutet der Living Wage einen bestimmten Stundensatz auf Basis einer 40-Stunden Woche, der es dem Beschäftigten ermöglicht, angemessen zu wohnen, sich und seine Familie gut zu ernähren, Zugang zur Grundversorgung wie Wasser, Strom, Sanitäreinrichtungen, öffentliche Transportmittel, medizinische Versorgung, Ausbildung etc. zu haben. Meist liegt diese über dem Mindestlohn. Zur Berechnung braucht man Statistiken, Daten zur Kaufkraftparität und einen Warenkorb für Grundbedürfnisse. Was schon in Industriestaaten schwierig ist – wie die österreichische Diskussion zeigte –, wird in Entwicklungsländern komplex. Stellen sich doch schon grundsätzlich Fragen wie: Was sind normale Grundbedürfnisse? Diese Fragen werden im Kontext von Armut und Nichtvorhandensein von Gesetzen, statistischen Erhebungen oder verlässlichen Marktdaten zu einer aufwändigen und kostspieligen Aufgabe.

Das musste der globale Pharmakonzern Novartis erfahren, der 2006 als Vorreiter ein global gültiges Living Wage-Programm für seine weltweit rund 100.000 Mitarbeiter einführte. Dafür brauchte das Unternehmen ab dem Zeitpunkt seines Entschlusses ganze sechs Jahre. Denn es gibt weder ein allgemein verfügbares Modell zur Berechnung und Einführung eines Living Wage noch eine Datenbasis. Gestützt auf Wissenschafter, Berater sowie NGOs wurde ein eigenes Berechnungsmodell entwickelt, das seither laufend optimiert und angepasst wird. Auch regionale Unterschiede haben einen wesentlichen Einfluss auf die Lebenserhaltungskosten. So liegt nach den Berechnungen der Living Wage in Indien in Mumbai um 70 Prozent höher als in Bangalore, was vor allem mit den höheren Wohnkosten zusammenhängt.

Moralischer Mehrwert Man muss sich vor Augen halten, dass nach Interpretation der Menschenrechtsdeklaration faire Arbeitsbedingungen für Menschen, die auf jeden Cent angewiesen sind, existenzbedrohend sein können. Das betrifft beispielsweise das absolute Verbot von Kinderarbeit ebenso wie die Einhaltung von Arbeitszeiten. Nachdem in vielen Produktionsbestrieben in Entwicklungsländern stundenweise bezahlt wird, bedeutet eine Reduktion von Überstunden auch weniger Geld im Börserl – und somit weniger Möglichkeit, durch mehr Leistung den Lebensstandard zu verbessern.

Diesem Dilemma kann das Living Wage-Konzept entgegenwirken. Ein wichtiger Nutzen liegt laut Novartis – abgesehen von einem positiven Image – im immensen Lerneffekt, der im Prozess der Einführung durch die enge Zusammenarbeit mit den lokalen Managements und umfangreiche Mitarbeiterbefragungen erreicht wurde. Ein weiterer Erfolg liegt in der gesteigerten Mitarbeiterbindung. Das ist in den schnell wachsenden Märkten der Schwellenländer ein wichtiger Aspekt in der Personal- und Recruitingpolitik eines Unternehmens.

„Ein Living Wage ist die Basis für weitere Sozialmaßnahmen.“

Daniela Werdecker
Palfinger AG

Für eine Handvoll Euro mehr Auch der österreichische Kranhersteller Palfinger fragt sich in Niedriglohnländern wie China, Brasilien oder auch in Osteuropa, wie viel Lohn seine Mitarbeiter zum Leben brauchen. Auch Palfinger denkt dabei an die Mitarbeiterbindung. Denn die Ausbildung der benötigten Fachkräfte ist in diesen Ländern zeit- und kostenintensiv. Sind sie endlich einsatzbereit, will man sie nicht verlieren. „In China oder auch Bulgarien wechseln Mitarbeiter oft wegen wenigen Euro mehr den Job“, sagt Nachhaltigkeitsmanagerin Daniela Werdecker.

In Bulgarien, wo das Lohnniveau im europäischen Vergleich nach wie vor niedrig ist, stellte das Unternehmen fest, dass sich viele Menschen trotz Full-time-Job ihr Leben schwer leisten können. „Viele unserer Mitarbeiter sind mit zwei oder drei Krediten verschuldet. In Bulgarien scheint das zwar üblich zu sein, wir suchen aber trotzdem nach einer Gehaltstruktur, die den Mitarbeitern einerseits den Druck nimmt und sie andererseits ans Unternehmen bindet“, so Werdecker. In Bulgarien wurden Maßnahmen, wie ein Wohnbauprojekt und Leistungsprämien eingeführt oder Lebensmittelgutscheine ausgegeben. Dazu kommen Sozialleistungen und die Unterstützung in Härtefällen. „Für ein börsennotiertes Familienunternehmen wie Palfinger ist das seit jeher selbstverständlich“, sagt Werdecker.

Nun denkt Palfinger über die Einführung eines Living Wage-Modells nach und erhebt in einem ersten Schritt die Lebenserhaltungskosten an allen Standorten. Diese Daten sollen eine Orientierung liefern, wie Grundlöhne und Prämien angepasst werden können. Denn man will sicher stellen, dass das Leben und Arbeiten bei Palfinger leistbar ist.


© corporAID Magazin Nr. 29
Text: Barbara Coudenhove
Bilder: Palfinger

 

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