Ist der Ruf einmal poliert …
07/2010 - Von Christoph Eder, Chefredakteur

Christoph Eder
ICEP
Mit der Organisation der ersten Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden ist eine große Chance verbunden: Der Welt zu zeigen, was der Gastgeber Südafrika – stellvertretend für den ganze Kontinent – leisten kann. Wenn man ihn nur lässt. Denn den afrikanischen Ländern traute man bislang eigentlich fast alles zu. Außer Seriosität.
Das Bild, das die Welt von Afrika hat, besteht aus einer erstaunlichen Mischung von Vorurteilen und Pauschalisierungen. Neben Armut und Gewalt stehen eine romantisierte heile Safari-Welt und ein diffuses schlechtes Gewissen, das man als Europäer Afrika gegenüber hat. Der gefürchtete schwarze Mann versus die abgemagerten, aber hoffnungsvoll lächelnden Kinder. Abgründe und Niedlichkeit sind leider eine besonders ungünstige Kombination.
Südafrika ist nun angetreten, dieses Bild zu konterkarieren. Dem wirtschaftlich stärksten Land des afrikanischen Kontinents ist es gelungen, statt Chaos und Kriminalität ein Fest des Sports zu organisieren. Und auch wenn es auf dem Rasen für den Gastgeber nicht so gut gelaufen ist. Fürchten musste man sich bislang nur vor dem ohrenbetäubenden Krach der Vuvuzelas.
Es ist kein neues Unterfangen, sportliche Großereignisse auch als politisches Statement zu verwenden. Vor allem Olympische Sommerspiele waren dafür in der Vergangenheit eine dankbare Bühne. Was unrühmlich 1936 mit Berlin begann, lässt sich mit Moskau 1980 und Los Angeles 1984 fortsetzen. Und auch das kommunistische China nutzte die Sommerspiele 2008 in Beijing zur Demonstration der eigenen Größe.
Auch die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft nach Südafrika ist ein solches politisches Statement: Wobei das Ziel, Afrika mehr Wahrnehmung und Gewicht zu geben, vergleichsweise lauter ist. FIFA-Präsident Sepp Blatter erachtet sich daher – zumindest selbst – des Friedensnobelpreises für würdig.
Die Realität ist komplexer: So hat in der FIFA jeder Mitgliedsverband eine Stimme, Fußball-Zwerge wie Trinidad und Tobago ebenso wie der dreifache Weltmeister Deutschland. Im vergangenen Jahrzehnt hat die FIFA daher viel in die Breite des Sports investiert, mit einem besonderen Schwerpunkt auf den Entwicklungsländern. Doch das ist nur die eine Seite.
Viele Verbände aus Entwicklungsländern spiegeln jenen Nepotismus wider, der diese Länder regelmäßig auf die hinteren Plätzen von Korruptionsrankings befördert. Die Rolle des FC Kärnten im Kriminalfall um die HypoAlpeAdria zeigt, dass der Fußball auch ein Sport der schwarzen Kassen und Geldkoffer ist – das ist in der großen Fußballwelt nicht anders.
Fußball hat sich mitunter weit davon entfernt, lediglich ein Spiel zu sein. Durch die perfekte mediale Inszenierung und die weltweite Kommerzialisierung geht es vor allem um zwei Dinge: Geld und Macht. Als logische Folge handelt es sich auch bei der alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaft nicht mehr um ein groß geratenes Sportfest, sondern viel mehr um einen Mikrokosmos, in dem Außen- und Entwicklungspolitik auf handfeste wirtschaftliche Interessen treffen. Und so ist es an und für sich ja positiv, dass im Weltverband FIFA ohne die Stimmen der Entwicklungsländer heute nicht mehr viel geht – und diese auch ihre Interessen durchsetzen. Zumindest auf den ersten Blick. Denn abseits der Weltbühne erledigen die wenigsten afrikanischen Fußballverbände ihre Hausaufgaben.
In den Kadern der afrikanischen WM-Teilnehmer spielen nämlich praktisch ausschließlich Legionäre, um die Ligen der afrikanischen Staaten steht es nicht gut. Schon gar nicht international. Mit dem Wissen um den Sieger der afrikanischen Champions League, Tout Puissant Mazembe aus Lumumbashi in der DR Kongo, ließe sich bei der Millionenshow eher ein größerer Betrag gewinnen.
Der afrikanische Fußball krankt in vielerlei Hinsicht an den selben Symptomen wie die Staaten: chronische Unterfinanzierung, Korruption, politische Einflussnahme. Dabei liegt im Sport viel Potenzial: Schaffung von Einkommen, soziale Veränderung. Voraussetzung dafür ist, dass Afrika in der Realität ankommt. Im Fußball wie in der Wahrnehmung durch den Rest der Welt. Ohne Verteufelung oder Verniedlichung. Die entscheidende Zutat? Politischer Wille. Und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dann kann man sich in Zukunft für Mannschaften wie Ghana, Kamerun oder Nigeria freuen, weil sie wirklich guten Fußball spielen – und nicht weil sie Afrikaner sind.
© corporAID Magazin Nr. 28
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