ADA-Wirtschaftspartnerschaft

Cash aus Trash

05/2009 - Der Kremser Entsorger Brantner Walter GmbH übernimmt ein Abfallbeseitigungsprojekt der Weltbanktochter IFC in Tirana und expandiert so nach Albanien. Die Austrian Development Agency unterstützt den Einstieg.

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ADA- Förderinfo

Albanien war lange Zeit ein weißer Fleck auf der Landkarte: Fast ein halbes Jahrhundert hielt ein stalinistisches Regime die drei Millionen Einwohner in Quarantäne. Seit dem Ende des Kommunismus im Jahr 1990 ist es Albanien mit Hilfe des Auslands gelungen, die Basis einer funktionierenden Marktwirtschaft zu legen. Albaniens Wirtschaft wuchs ausgehend von sehr niedrigen Werten jährlich um mehr als fünf Prozent und damit sogar schneller als die seiner Nachbarstaaten. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 5.500 USD zählt das Land jedoch weiterhin zu den Armenhäusern Europas.

Zu den akuten Problemen zählt die Umweltverschmutzung – mit Spitzenwerten bei der Boden-, Wasser- und Luftbelastung.

Ausgangslage Hauptverursacher der schmutzigen Tatsachen sind Altlasten aus kommunistischer Zeit, doch werden ebenso neuere, auch gegen gutes Geld importierte Industrie- und Sonderabfälle nur unzureichend entsorgt. Durch die lückenhafte Beseitigung von Hausmüll wird die Lage weiter verschärft.

„Auf dem Land ist Abfall praktisch überall vorhanden. Der städtische Müll wird – falls überhaupt – von privaten Firmen gesammelt und dann am Rande der Wohngebiete gelagert oder im Freien verbrannt“, beschreibt Christian Lampl, ehemaliger Zentral- und Osteuropa-Manager des Kremser Abfallverwertungsunternehmens Brantner, die Zustände. In der Bevölkerung ortet Lampl generell ein geringes Bewusstsein für Abfallvermeidung oder -trennung. „Das Interesse an Umweltthemen wird derzeit noch von anderen Themen überlagert“, erklärt er.

Lampl kam im Frühjahr 2008 erstmals nach Albanien. Anlass war die Einladung der International Finance Corporation IFC zu einer Fachtagung. Dort lernte der Manager ein Beratungsprogramm kennen, das die Weltbanktochter mit Mitteln des österreichischen BMF umsetzte, um auf dem Westbalkan die Recyclingwirtschaft anzukurbeln.

Die Bemühungen der IFC waren darauf gerichtet, Gesetze und Regelungen zu verbessern, die Awareness der Stakeholder zu erhöhen und KMU zu schulen. Es wurden Recyclingströme erhoben und Wertschöpfungsketten für die Wiederverwertung diverser Abfälle aufgebaut oder optimiert.

Für letzteres wurden in Albanien Verträge mit interessierten Roma abgeschlossen. Zahlreiche Angehörige dieser Minderheit, die in Albanien drei Prozent der Bevölkerung ausmacht, hatten sich schon bisher durch das Sammeln wiederverwertbarer Abfälle den Lebensunterhalt verdient. Nun wurden sie geschult und erhielten Kleinkredite, um sich Arbeits- und Transportgeräte anzuschaffen. Damit konnten sie ihren Output steigern und durch den Verkauf von PET-Flaschen, Eisen-, Kupfer-, Karton- und ähnlichen Abfällen ein Einkommen erzielen. Sämtliche Förderungen waren daran gebunden, dass sie dafür sorgten, dass ihre Kinder am Schulunterricht teilnahmen.

Das IFC-Recycling-Programm lief 2008 aus. Es hatte die albanische Regierung ihrem Ziel, die Umweltbelastung durch Abfälle bis 2010 auf ein europäisches Maß zu drücken, zumindest einen Schritt näher gebracht.


Mülltrennung Hier ist weiterhin viel Handarbeit nötig.

Einstieg in Albanien IFC bot nun dem Kremser Recyclingexperten Brantner bei einem Einstieg in Albanien sämtliches Datenmaterial (Adressen, Statistiken) an. „Wir waren bereits in mehreren Ländern Südosteuropas tätig, hatten Albanien aber nicht wirklich ins Auge gefasst“, erklärt Lampl das anfängliche Zögern.

Schmackhaft gemacht wurde die Expansion, als die Austrian Development Agency ADA dem Unternehmen eine Förderung im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft in Aussicht stellte. „Die Zusammenarbeit mit der ADA war für uns ein Ansporn und ein Wegbereiter, den Schritt in diesen noch sehr unterentwickelten Markt zu tun“, so Lampl. „Wir werden die zwei Jahre nützen, um den Markt gründlich zu erforschen und danach zu entscheiden, wie es weiter gehen soll.“ Die ADA trägt 2009/2010 mit 190.000 Euro aus Mitteln der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit OEZA zum Gelingen des Einstiegs bei.

In einem lokalen Recyclingunternehmen fand das Unternehmen einen Joint-Venture Partner, der Infrastruktur für die Sortierung und Verarbeitung der Abfälle bereitstellt. Brantner setzt weiter auf die Mitwirkung von Roma. Vor allem arbeitsintensive Schritte in der Wertschöpfungskette Abfall können zahlreiche Arbeitsplätze schaffen. „Das ist allein aus logistischen Gründen notwendig“, sagt Lampl. „Denn die Gassen sind teilweise zu eng, um mit einem normalen Müllsammelfahrzeug durchzukommen.“ Plan ist, mit fünf Sammelplätzen zu starten. Parallel dazu wird Müll und Recyclingmaterial von Unternehmen entsorgt.

Im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft wird Brantner zusätzlich Sensibilisierungsmaßnahmen für die albanische Bevölkerung in Sachen Mülltrennung anbieten. Trainings und Schulungen in den Städten Duress und Tirana sollen ein Umdenken bewirken. Durch die Aufstellung von insgesamt hundert 1.100-Liter-Abfallcontainern in Sammelzentren will Brantner die sachgerechte Müllentsorgung auch praktisch erleichtern.

„Die Wirtschaftspartnerschaft war für uns eine entscheidende Einstiegshilfe.“

Stephan Drimmel
Brantner Walter GmbH

Europäischer Standard Die Einführung des Grüne-Punkt-Systems in Albanien stellt einen zentralen Programmpunkt der Entwicklungspartnerschaft dar. Dieses in Industriestaaten gängige System beruht auf dem Prinzip der Produzentenverantwortung: Wer Verpackung verursacht, muss auch für deren Entsorgung aufkommen.

„In der Praxis funktioniert das so“, erklärt Brantner-Mitarbeiter und Projektleiter Stephan Drimmel das System, „dass Unternehmen ihre Entsorgungspflicht – sei sie nun gesetzlich vorgeschrieben oder freiwillig übernommen – gegen eine Lizenzgebühr an die Dachgesellschaft der Verpackungsproduzenten – in Österreich etwa die Altstoff Recycling Austria ARA – abgeben. Auf Basis der Gebühren und in Kooperation mit Partnern ist diese dann in der Lage, für eine Abfallbeseitigung und -verwertung zu sorgen und so ein Optimum an Entsorgung zu erreichen.“

Drimmel, der selbst einige Jahre für die ARA arbeitete, stieß im albanischen Umweltministerium mit der Idee, einen albanischen Abfallverwerter zu etablieren, auf großes Interesse, Unterstützung wurde zugesagt. Zuspruch gibt es auch von Seiten der albanischen Industriellenvereinigung Konfindustria. In Ermangelung entsprechender Gesetze gilt es nun, Unternehmen dafür zu gewinnen, sich auf freiwilliger Basis einer Interessengemeinschaft zur Nutzung des Grünen Punkt-Systems anzuschließen.

„Die Tatsache, dass Albanien früher oder später die EU-Verpackungsordnung einführen wird, begünstigt unser Vorhaben“, zeigt sich Drimmel optimistisch, „denn die Unternehmen werden erkennen, dass sie so einen Schritt in Richtung EU-Reife machen und damit langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern.“

Mit seinem Engagement wird Brantner einiges dazu beitragen, den albanischen Abfallmarkt auf ein neues Niveau zu heben.

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DAS UNTERNEHMEN

Die Brantner Walter GmbH wurde 1936 gegründet und leistet heute nicht nur, aber primär abfallwirtschaftliche Dienstleistungen im kommunalen, gewerblichen und industriellen Bereich. Die Brantner Gruppe ist mit 53 Beteiligungen und 15 PPP-Modellen in acht Ländern Mittel- und Osteuropas tätig. Das Know-how wird durch eigene Forschung ständig weiterentwickelt. Die Gruppe ist zu 100 Prozent im Besitz der Danubia Privatstiftung der Familie Brantner. Mit 3.140 Mitarbeitern wurde zuletzt ein Umsatz von 215 Mio. Euro erreicht.


© corporAID Magazin Nr. 23
Text: Ursula Weber
Bildmaterial: Brantner, IFC

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