Technologien für Entwicklung

Techtonische Veränderungen

06/2018 - Die digitale Transformation verändert das Leben in Entwicklungsländern mit Hochgeschwindigkeit. Immer mehr Menschen können so an Wohlstand, Gesundheit und Bildung teilhaben – und die unternehmerischen Möglichkeiten wachsen ebenfalls rasant. Experten zeigen sich jedoch besorgt über Monopole und Machtmissbrauch.

Zum Thema:

Interview mit Hans Stoisser, Gründer von Ecotec

Innovative Projekte in Entwicklungsländern

Was kommt dabei heraus, wenn sich 40 junge IT-Experten aus aller Welt, vor allem aus Afrika, vier Tage lang gemeinsam in einen Reisebus zwängen, der sie vom tansanischen Daressalam über Kenia und Uganda bis ins ruandische Kigali fährt? Von kleineren Nebenwirkungen wie Nackenschmerzen oder Augenringen einmal abgesehen, sind es vor allem konkrete Businesspläne, um Ideen für praktische IT-Anwendungen umzusetzen.

Genau das ist das Konzept des Start-up-Busses, der seit fünf Jahren auf vier verschiedenen Routen durch 16 afrikanische Länder rollt. Am Ende der Reise steht dann etwa eine App wie „Ask Without Shame“ aus Uganda, die Notfall-Sexualaufklärung über WhatsApp, SMS oder eine gebührenfreie Leitung in Echtzeit anbietet. „Wir rücken näher zusammen. Die Jugend Afrikas hat heute die Möglichkeit, ja die Macht, ihre Ideen auf- und umzusetzen. Und es gibt sehr viele junge Afrikaner, die mithilfe neuer Technologien etwas aufbauen“, sagt Organisator Fabian Guhl, der kein klassischer Busreiseveranstalter, sondern Sozialunternehmer ist und Start-ups sowie Regierungen zu Innovationen auf dem afrikanischen Kontinent berät.

Handys als Schlüssel Die Vereinten Nationen bezeichneten die „data revolution“, vor allem die Verbreitung von Mobiltelefonen, bereits im Jahr 2012 als die signifikanteste Veränderung in Entwicklungsländern seit der Dekolonialisierung. Selbst im untersten Fünftel der Einkommenspyramide besitzen heute mehr als zwei Drittel der Einwohner ein Handy, in Entwicklungsländern haben mehr Menschen Zugang zu einem Mobiltelefon als zu Elektrizität oder einer sauberen Toilette. Hier setzen viele digitale Innovationen an, die als Schlüssel für nachhaltige Entwicklung dienen sollen. Die Entwickler reagieren dabei häufig auf konkrete Problemfelder in ihrem eigenen Umfeld.

Das bekannteste Beispiel ist das mobile Bezahlsystem M-Pesa aus Kenia, das auch Menschen, die keine regulären Bankkonten besitzen, die Möglichkeit gibt, über ihre Mobiltelefone Geld zu transferieren. Etwa 30 Millionen Menschen benutzen M-Pesa, 80.000 neue Jobs hat die Idee geschaffen, zudem vergibt M-Pesa täglich etwa 70.000 Kleinkredite – und macht dabei selbst Millionengewinne. Vor allem in Afrika springt die Mobilfunk-technologie angesichts schwacher Verkehrsinfrastruktur, einem löchrigen Bankennetz, lückenhafter Gesundheitsversorgung und geringer Produktivität immer häufiger in die Bresche. Innovative Projekte reichen von digitalen Grundbüchern in Ghana bis zur Verkehrsmodellierung im stets verstopften Daressalam
(siehe Best Practice Projekte). Erweiterter Zugang zu Informationen und Kosteneffizienz gehen dabei Hand in Hand:
Der globale Markt reicht bis ins entlegenste Dorf – und die Transaktionskosten lösen sich in Luft auf.

Um die neuen Möglichkeiten bestmöglich zu nutzen, braucht es laut dem Berater Hans Stoisser (siehe Interview) aber auch ein Mindset, das ganz nah am Kunden ist und das im Management als agiles Denken gerade hoch im Kurs steht. In Entwicklungsländern, in denen das Unternehmensumfeld nicht erst seit Kurzem durch Unbeständigkeit und Unsicherheit geprägt ist, ist Agilität jedoch ohnehin schon lange gang und gäbe. Die Schnelligkeit der Technologisierung trifft also auf die gelebte Flexibilität – Innovationen finden so den nötigen Raum zur Entfaltung.


Fensterscheibe statt Whiteboard
Im Start-up-Bus wird eifrig an innovativen Ideen gefeilt.

Gründerzeit So wurden im vergangenen Jahr in Afrika knapp 130 neue Technologie-Hubs eröffnet und 560 Mio. Dollar Risikokapital für Start-ups akquiriert – fast 200 Mio. Dollar mehr als im Vorjahr. Das US-amerikanische Risikokapital-Unternehmen Partech Ventures, das sich auf die Finanzierung von Start-ups aus dem Technologiesektor spezialisiert hat, bietet afrikanischen Gründern eine Wachstumsfinanzierung zwischen 500.000 und fünf Mio. Euro an – bis zu 100 Mio. Euro soll die Gesamthöhe des Investmentfonds betragen, den Partech Ventures im Jänner eingerichtet hat.

Und selbst in Österreich schließen sich Interessierte zusammen: Eine Veranstaltung zur Risikofinanzierung von afrikanischen Start-ups, die im Mai in Wien stattfand, platzte aus allen Nähten. Und auch die dortigen Diskussionen zeigten, dass vor allem die Start-up-Szene in Nairobi, die der kenianischen Hauptstadt den Spitznamen Silicon Savannah eingebracht hat, oder jene in der nigerianischen Metropole Lagos immer mehr in den internationalen Fokus rücken.

Bernhard Kowatsch möchte aber auch die Vereinten Nationen mit an den Tisch bringen. Der Österreicher leitet den vor zwei Jahren eröffneten Innovation Accelerator des Welternährungsprogramms in München, zuvor war er viele Jahre als Unternehmensberater in Wien aktiv und hat selbst eine App zur Hungerhilfe entwickelt. „Die Entwicklungszusammenarbeit und die Start-ups sprechen häufig nicht dieselbe Sprache“, sagt er. Die Entwicklungszusammenarbeit sei zu starr, die Start-ups verstünden auf der anderen Seite die übergeordneten Notwendigkeiten nicht immer ausreichend. Hier möchte Kowatsch mit seinem Innovation Accelerator Brücken schlagen und Partnerschaften zwischen Vereinten Nationen, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft aufbauen. Zudem wird in München an neuen und kreativen Ideen im Kampf gegen den Hunger gebastelt. Kowatsch ist sehr optimistisch: „Es ist möglich, mithilfe neuer Technologien bis 2030 Hunger weltweit zu beenden.“


Einzahlen, aufladen, überweisen
M-Pesa hat den kenianischen Zahlungsverkehr revolutioniert.

Auch der Staat ist gefragt Es lohnt sich aber, auch noch einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Dass in Entwicklungsländern mehr Menschen Zugang zu einem Mobiltelefon als zu Elektrizität haben, lässt sich schließlich nicht nur mit der rasanten Handyausbreitung sondern auch mit der schlechten Strom-versorgung erklären. Und dass laut der International Telecommunication Union im Jahr 2017 etwa 3,58 Mrd. Menschen und damit 48 Prozent der Weltbevölkerung online waren, heißt auf der anderen Seite ja auch, dass etwas mehr als die Hälfte der Menschen noch nicht von den Möglichkeiten des Internets profitieren kann. Und denjenigen, die gar kein Geld haben, nützt auch Mobile Payment wenig. Ein Weltbankbericht zur Thematik aus dem Jahr 2016 konstatiert in diesem Zusammenhang, dass Staaten für eine „solide analoge Grundlage sorgen“ müssten, um „digitale Dividenden: schnelleres Wachstum, mehr Arbeitsplätze und bessere Dienstleistungen“ einzufahren.

„Technologie ist nur ein Werkzeug. Wie sie genutzt wird und welche gesellschaftlichen Folgen diese Nutzung hat, ist von Land zu Land vollkommen unterschiedlich. Bei mir überwiegt die Sorge über die rasante Entwicklung“, sagt Tilman Altenburg vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, der in einem Forschungsprogramm die Auswirkungen der technologischen Umbrüche in Entwicklungs- und Schwellenländern untersucht. „Wenn nun also beispielsweise eine digitale Handelsplattform für den afrikanischen Kakaohandel entsteht, dann ist das ein monopolistischer Handelsplatz. Wer kontrolliert den dann eigentlich?“, fragt Altenburg und prognostiziert weiter fortschreitende Konzentrationsprozesse, die zwar zu Produktivitätsgewinnen sowie erheblichen Erleichterungen für die Konsumenten führen, aber auch großes Potenzial für gesellschaftliche Polarisierungen bergen. Daher plädiert er für stärkere politische Regulierungen.

Regulieren können die politischen Institutionen mithilfe digitaler Möglichkeiten zudem auch ihren Verwaltungsapparat. E-Government gestaltet die in Entwicklungsländern gemeinhin sehr zähen behördlichen Angelegenheiten schneller, günstiger und transparenter. Vorreiter am afrikanischen Kontinent ist Ruanda, das vor drei Jahren das One-Stop-Portal Irembo ins Leben gerufen hat und auf Englisch, Kinyarwanda (Ruandisch) und Französisch Dutzende Online-Services wie Geburts- und Heiratsurkunden, das gesamte Passwesen sowie Konzessionen für Bürger und Unternehmen bietet.

Hier in Europa gilt Estland als E-Government-Vorbild. Die Esten können online wählen, ihre Rezepte werden vom Arzt digital an die Apotheke übermittelt und Gründer aus aller Welt können ganz ohne Papiere in Estland ein Unternehmen starten – wenn sie ihren virtuellen Standort ins Land legen und dort entsprechend auch Steuern zahlen. E-Residency heißt das Konzept. Der offensive Umgang mit der Digitalisierung ist Regierungsvertretern zufolge vor allem aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte und der daraus resultierenden Schwierigkeit einer analogen Unterstützung und Verwaltung der Bevölkerung entstanden – das geht vielen Entwicklungsländern ähnlich.

Mittel gegen Unterdrückung In Entwicklungsländern ist es aber nicht unüblich, dass gerade die Politik das Hauptproblem darstellt. So setzen beispielsweise Ägypten und die Philippinen verstärkt auf Digitalisierung – sowie auf Zensur und Einschüchterung der Opposition. Und während China bereits zur technologischen Weltmacht aufgestiegen ist, wird das Internet dort scharf zensiert, statt der „Great Wall“ unterbindet heute eine „Great Firewall“ unliebsame ausländische Einflüsse.

Auf der anderen Seite gibt es einige technologische Innovationen, die gerade den Menschen in Krisensituationen eine Stimme verschaffen sollen: Die kenianische Crowdsourcing-Plattform Ushahidi sammelt Erfahrungsberichte von Menschen, die umstrittene Wahlen, Proteste und Unruhen miterleben, verifiziert diese mithilfe internationaler Partner und zeigt die Vorkommnisse auf einer Karte an. „Von Simbabwe bis Bangladesch arbeiten Menschen mithilfe von Ushahidi daran, dass Wahlen fair ablaufen – eine großartige Idee, die genau hier in Kenia startete“, sagte der damalige US-Präsident Barack Obama, als er 2015 als Co-Gastgeber des Global Entrepreneuership Summits in Nairobi auftrat. Für Obama standen bereits damals ganz klar die Chancen, die die technologischen Umbrüche für Entwicklungsländer bieten, im Vordergrund. Und laut der Weltbank bietet die Digitalisierung vor allem Afrika die Möglichkeit zu einer substanziellen Entwicklung aus eigener Kraft.

Afrikanische re:publica Von einem kurzfristigen Hype lässt sich beim Themenkomplex Technologie für Entwicklung also sicherlich nicht sprechen. Das sehen auch die Organisatoren der re:publica so, Europas größter Digitalisierungs-Konferenz, die jährlich in Berlin stattfindet und zuletzt Anfang Mai 19.500 Teilnehmer verzeichnete. Ende des Jahres veranstalten sie die erste re:publica auf dem afrikanischen Kontinent in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Ob Start-up-Buspionier Fabian Guhl teilnehmen und, wenn ja, mit welchem Verkehrsmittel er anreisen wird, kann er ein halbes Jahr vorher noch nicht sagen – dafür ist die Entwicklung zu schnelllebig.

© corporAID Magazin Nr. 76
Text: Frederik Schäfer
Fotos: Ampion, Stars/Kristian Buus, WorldRemit Comms, Adam Cohn, Rosenfeld Media

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