von Klaus Huhold
An der Atlantikküste östlich von Lagos ragen gewaltige Portalkräne in den Himmel. Vollautomatisiert heben sie Frachtcontainer von den Schiffen, während Lastwagen über frisch asphaltierte Zufahrtsstraßen zu den Ladestationen rollen. Der Lekki-Tiefseehafen ist eines der größten Infrastrukturprojekte Afrikas der vergangenen Jahre. Entwickelt und errichtet wurde er unter anderem von der China Harbour Engineering Company sowie von der aus Indien stammenden, in Singapur ansässigen Tolaram Group. Das Projekt kostete rund 1,5 Milliarden US-Dollar und ist seit 2023 in Betrieb. Pro Jahr können hier 2,7 Millionen Container abgefertigt werden.
Es ist nicht das einzige Großbauprojekt in und um Nigerias Wirtschaftsmetropole mit 25 Millionen Einwohnern. Entlang der Lagune von Lagos entstehen derzeit zehntausende Wohnungen, und am internationalen Flughafen errichten chinesische Baukonzerne für rund 500 Millionen US-Dollar einen neuen Terminal. Lagos befindet sich im Umbau – und steht exemplarisch für ein Afrika im Wandel. Neue Infrastruktur, eine wachsende Mittelschicht, neue Öl- und Gasfunde, Vorkommen seltener Erden sowie neu entstehende Märkte ‑ etwa für erneuerbare Energie ‑ machen den Kontinent wirtschaftlich zusehends attraktiv. Zugleich wird Afrika immer stärker zum Schauplatz globaler Konkurrenz: China, Indien und die Golfstaaten investieren ebenso wie westliche Länder, um sich Rohstoffe, neue Absatzmärkte und Einfluss zu sichern.
Mit zuletzt rund vier Prozent Wirtschaftswachstum lag Subsahara-Afrika über dem globalen Durchschnitt. Doch sind die Entwicklungsdynamiken, Rahmenbedingungen und wirtschaftlichen Perspektiven der einzelnen Länder sehr unterschiedlich. Gleichzeitig ist selbst in aufstrebenden Ländern das Ausgangsniveau niedrig: Das BIP des 240-Millionen-Einwohnerlandes Nigeria lag laut Internationalem Währungsfonds im Jahr 2024 bei 252 Milliarden Dollar – Österreich erreichte 482 Milliarden Dollar.
Aufnahmefähiger Markt

Für den Ökonomen der Pan-Atlantic-University in Lagos Peter Bamkole (Bild) ist das kein Nachteil. „Während viele Märkte schon gesättigt sind und nur noch Nischen bedient werden können, gibt es in Entwicklungsländern Raum für Wachstum“, betont er. Diesen würden jedoch zusehends chinesische und indische Anbieter nutzen, die einen sehr pragmatischen Zugang zum afrikanischen Markt hätten. Bamkoles Warnung ist deutlich: „Die Chancen in ganz Afrika entwickeln sich rasant. Wenn Europa sein Engagement auf dem Kontinent jetzt nicht neu denkt, könnte es morgen zu spät sein.“
Europa muss demnach seinen Blick auf Afrika justieren: Es hat nach wie vor viel zu sehr den hilfsbedürftigen Armutskontinent und viel zu wenig den Investitions- und Innovationspartner im Blick. Für die Wirtschaft bedeutet das, „dass sie viel mehr die Potenziale als die Risiken sehen sollte“, sagt Bamkole. Bei neuen Bahnverbindungen, beim Bau von Häfen, im Tourismus „können europäische Unternehmen – dank ihres großen Erfahrungsschatzes – in diesen Bereichen viel mehr beitragen“, betont der Nigerianer, der seit Jahrzehnten afrikanische Unternehmer mit Know-how unterstützt. Gleichzeitig können die Europäer selbst von Innovationen profitieren – Afrikas Finanztechnologiesektor etwa hat milliardenschwere Dienstleister wie Flutterwave hervorgebracht und zählt mittlerweile zu den innovativsten der Welt.
Fokus auf Transformation
Auch in der Entwicklungspolitik sollten die Ansätze darauf geprüft werden, ob sie tatsächlich den afrikanischen Bedürfnissen entsprechen, fordert Carlos Lopes, einstiger Sonderbeauftragter der Afrikanischen Union für die Beziehungen mit der EU und nun Forscher an der Universität Kapstadt. Viel zu oft habe diese nämlich Abhängigkeiten geschaffen und lediglich Armut verwaltet. „Im Zentrum künftiger Zusammenarbeit muss die wirtschaftliche Transformation Afrikas stehen“, betont der aus Guinea-Bissau gebürtige Entwicklungsökonom (siehe auch Interview ab Seite 14). Rob Floyd von der Denkfabrik „African Center for Economic Transformation“ (ACET) ergänzt: „Wirtschaftlicher Fortschritt sollte nicht allein an Wachstumszahlen gemessen werden, sondern auch daran, ob die afrikanischen Staaten breitere industrielle Grundlagen, höhere Produktivität und neue technologische Fähigkeiten entwickeln.“

Das afrikanische Dilemma zeigt sich beispielsweise sehr deutlich im Kakaosektor. Obwohl Ghana – wo ACET ansässig ist – zu den größten Rohstoffproduzenten der Welt gehört, wird ein Großteil noch immer unverarbeitet exportiert – und die Wertschöpfung entsteht im Ausland. Einen Schlüssel, um das zu ändern, sieht Floyd bei westlichen Regierungen und Unternehmen. Während erstere ihre Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnern auf wirtschaftliche Kooperation und Diversifikation fokussieren sollten, könnten Unternehmen durch Investitionen und Technologietransfer jene Basis schaffen, die höhere Produktivität und eine breitere Integration in die Weltwirtschaft ermöglicht. „Klar ist aber auch: Unternehmen werden gegründet, um Geld zu verdienen“, betont Floyd. Und sie werden nur dorthin gehen, wo sie Rahmenbedingungen vorfinden, die Gewinne ermöglichen.
Die Rahmenbedingungen sind genau der Grund, warum viele europäische Unternehmen zögern, in Afrika zu investieren: dazu zählen etwa komplexe Bürokratie, unzuverlässige Stromversorgung und mangelnde Rechtssicherheit. Nicht nur ein Unternehmen kann davon berichten, dass Güter in afrikanischen Häfen feststeckten, weil Sonderzahlungen verlangt wurden. Unternehmen konzentrieren sich folglich oft lieber auf vertraute Märkte mit größerer Stabilität. Für österreichische Firmen befinden sich diese traditionell im angrenzenden Mittel- und Osteuropa. Hier sind die Märkte kalkulierbarer, die Risiken geringer und die Kaufkraft höher. Und wenn es um die Expansion in fernere Märkte geht, versprechen Investitionen in Südamerika oder Südostasien höhere Renditen. Das liegt auch daran, dass Afrika bislang nicht über einen ausreichend integrierten Binnenmarkt verfügt. Genau hier sieht Floyd afrikanische Regierungen am Zug: Sie müssen die Schaffung einer kontinentalen Freihandelszone vorantreiben, die die fragmentierten Märkte stärker integriert.
EU größter Handelspartner
Der Handel zwischen der EU und Afrika erreichte zuletzt – je nach Datenquelle – rund 465 Milliarden Euro pro Jahr. Europa gilt auf Basis verfügbarer Zahlen weiterhin als wichtigster Handelspartner Afrikas. Zugleich rücken andere Akteure auf, und der Vorsprung schwindet: Für China werden Handelsvolumina mit Afrika von rund 296 Milliarden US-Dollar genannt, für Indien von bis zu 100 Milliarden. Beide Länder haben ihre Präsenz in den vergangenen zwei Jahrzehnten vervielfacht. China ist heute der Handelspartner Nummer eins vieler afrikanischer Länder. Die Volksrepublik ist aber vor allem ein großer Financier für Infrastruktur und bietet Gesamtpakete an, die etwa Straßen- und Schienenbau inklusive Wartung umfassen. Indien wiederum baut seine Position in den Bereichen Pharma, digitale Dienstleistungen und Industrieproduktion aus. Viele europäische Unternehmen kommen gegen die billigere Konkurrenz, die zumeist auch noch ein Finanzierungsmodell mitbringt, nicht an.
Suche nach neuen Strategien
Dass Europa auf die veränderten Realitäten reagiert, zeigt sich in den Afrika-Strategien, die viele Staaten in den vergangenen Jahren beschlossen haben oder gerade entwerfen. Auch in Österreich wird unter Federführung des Außenministeriums an einem breiten Ansatz für die zukünftige Zusammenarbeit mit dem Nachbarkontinent gearbeitet. Die neue Realität zeigt sich nicht nur in den Strategien selbst, sondern vor allem in ihrer Ausrichtung. Anders als früher, als politische Konzepte zu Afrika vor allem Entwicklungsthemen behandelten, bündeln aktuelle Afrika-Strategien wirtschaftliche, entwicklungs-, sicherheits- und migrationspolitische Aspekte.
In der Praxis kann dieser umfassende Ansatz funktionieren, wenn „Schnittmengen zwischen Eigeninteressen und entwicklungspolitischen Zielen gefunden und entsprechende Angebote aufgesetzt werden“, sagt der Wirtschaftsgeograph Tilman Altenburg von der Denkfabrik „German Institute of Development and Sustainability (IDOS)“. So will Sicherheitspolitik Stabilität schaffen, Migrationspolitik einen geregelten Grenzverkehr, Wirtschaftspolitik Dynamik und offene Märkte, Entwicklungspolitik Armutsreduzierung. Und dann gibt es da noch die Interessen afrikanischer Akteure – die immer öfter eine Abschottung Europas beklagen, sei es bei der Einwanderung, sei es bei Marktzugängen. Hier eine Brücke zu schlagen, ist die Herausforderung.
Dabei können Partnerschaften nur erfolgreich sein, wenn Zielkonflikte offen benannt und Lösungen gefunden werden, die beiden Seiten Vorteile bieten. Altenburg nennt etwa Ausbildungs- und Migrationspartnerschaften. Sie könnten darauf beruhen, dass europäische Länder mit afrikanischen Partnerstaaten legale Migrationskanäle für benötigte Fachkräfte, etwa im Pflege- oder im IT-Bereich, schaffen und zugleich die irreguläre Migration begrenzen. Um einen Brain-Drain zu vermeiden, würden europäische Staaten in die Ausbildung vor Ort investieren und mehr Fachkräfte qualifizieren, als später angeworben werden. Ein Teil verbleibt damit im Herkunftsland und trägt dort zur Stärkung des eigenen Gesundheitssystems oder IT-Sektors bei.
...und neuen Schnittmengen

Zwischen europäischen Interessen und afrikanischen Entwicklungszielen gibt es aber nicht nur im Bereich Migration und Ausbildung Schnittmengen. Sie entstehen auch dort, wo afrikanische Transformationsdynamiken auf europäische Technologie und Regulierungserfahrung treffen. Deutlich wird das in wirtschaftlichen Zukunftsfeldern. Altenburg betont, dass afrikanische Märkte oft schwer skalierbar sind, von unterschiedlichen Regulierungen geprägt bleiben und sich daher nur eingeschränkt für große Volumengeschäfte eignen. Chancen sieht er dennoch in Bereichen wie klimafreundlichem Bauen, Energieeffizienz oder urbaner Infrastruktur.
Gerade dort sollten neue, strategische Partnerschaften ansetzen. Denn viele Märkte gewinnen vor allem dann an Dynamik, wenn Standards, Ausbildung, Finanzierung und regulatorische Rahmenbedingungen zusammenspielen. Entwicklungsbanken, Agenturen und Fachinstitutionen könnten diesen Prozess mit technischer Expertise, Finanzierung und regulatorischer Begleitung unterstützen, Unternehmen konkrete Lösungen liefern. So könnten von lokalen Baustoffen über Solartechnik bis hin zu Gebäudeautomation neue Märkte entstehen – getragen von öffentlicher Nachfrage, privaten Investitionen und dem steigenden Bedarf einer wachsenden urbanen Mittelschicht.
Neue Märkte aufbauen
Für österreichische Unternehmen – die heute nach Afrika weniger exportieren als nach Slowenien – bedeutet das, Partnerländern gerade dort gezielte Angebote zu machen, wo eigene Stärken bestehen. Naheliegend sind etwa Umwelttechnik, Wassermanagement, erneuerbare Energie oder Straßenbau. Ein Schlüssel für künftige Geschäftserfolge dürfte dabei sein, nicht nur die bestehende Nachfrage zu bedienen, sondern auch gemeinsam neue Märkte aufzubauen. Wer an Standards, Ausbildung und Finanzierung mitwirkt, unterstützt wirtschaftliche Transformation – und erschließt sich nachhaltige Wachstumspotenziale. Für die in Ausarbeitung befindliche österreichische Afrikastrategie stellt sich damit auch die Frage, wie konkrete Schnittmengen zwischen österreichischen Interessen und afrikanischen Transformationsbedarf sichtbar in tragfähige Partnerschaften übersetzt werden können.
Fotos: Wikimedia Commons, privat (3), Flickr/IMF, flickr/IMF/Andrew Caballero-Reynolds
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Schwerpunkte:
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Schwerpunkte:
- Nachhaltige wirtschaftliche Transformation
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