Viele Bücher von oben fotografiert.

Buchtipps rund um Wirtschaft und Entwicklung

Leseempfehlung zu Nachhaltigkeit, unternehmerischer Verantwortung sowie Wirtschaft und Entwicklung
Shruti Athavale, Managerin Sustainability Services, Advisory bei KPMG

Ihr Lesetipp:

Rachel Carson: Silent Spring, 336 Seiten

Umweltklassiker von beunruhigender Aktualität

„Silent Spring“ von Rachel Carson ist weit mehr als ein Klassiker der Umweltliteratur – es ist ein Buch, das unsere Gegenwart mit beunruhigender Präzision widerspiegelt. Als das Buch 1962 erschien, legte es in einer Zeit, in der technischer Fortschritt kaum hinterfragt wurde, die ökologischen und gesundheitlichen Gefahren des massenhaften Einsatzes von Pestiziden offen. Carson zeigt am Beispiel synthetischer Pestizide, wie rücksichtsloses Eingreifen in natürliche Systeme ökologische Kettenreaktionen auslöst, deren Folgen sich gegen den Menschen selbst richten. Mehr als 60 Jahre später ist das Buch mit Blick auf Klimawandel, Artensterben und Umweltschäden aktueller denn je. Ihre Warnung vor der „Beherrschung der Natur“ als Ausdruck menschlicher Arroganz wirkt heute fast prophetisch.

Carsons Stärke liegt in der Verbindung wissenschaftlicher Genauigkeit mit literarischer Klarheit. Gleich zu Beginn entwirft sie das Bild einer scheinbar idyllischen amerikanischen Kleinstadt, in der der Frühling stumm geworden ist, weil die Vögel fehlen – ein eindringliches Symbol für die schleichende Zerstörung der Natur und zugleich jenes Bild, das dem Buch seinen Titel gibt. Die Harmonie ist zerbrechlich und durch menschliche Selbstüberschätzung gefährdet. „Der Mensch ist Teil der Natur, und sein Krieg gegen die Natur ist zwangsläufig ein Krieg gegen sich selbst“, schreibt Carson. 

Dabei ist „Silent Spring“ kein Buch der Hoffnungslosigkeit. Im Gegenteil: Es ist ein Plädoyer für politische Verantwortung, wissenschaftliche Redlichkeit und öffentliche Wachsamkeit gegenüber technischem Fortschritt. Carson fordert Bürgerinnen und Bürger auf, ihre Stimmen zu äußern und wirtschaftliche Interessen nicht über das Gemeinwohl zu stellen. „Silent Spring“ heute zu lesen bedeutet, die Wurzeln unserer Umweltdebatten zu verstehen. Es erinnert daran, dass ökologische Krisen menschengemacht sind – und dass sie daher auch durch menschliches Handeln gemildert oder verhindert werden können. Das Buch gehört damit nach wie vor zu den einflussreichsten Umweltbüchern aller Zeiten. 

Justus Reichl, Sonderbeauftragter für Nachhaltigkeit in der Wirtschaftskammer Österreich

Ihr Lesetipp:

André Hoffmann, Peter Vanham: Die neue Natur des Wirtschaftens, 292 Seiten

Wirtschaften für alle und nicht nur für den Profit

Roche kennt man – ist das Unternehmen mit Sitz in Basel doch der größte Pharmakonzern der Welt. Über 100.000 Mitarbeitende. 60,5 Milliarden Schweizer Franken Umsatz im Jahr 2024. Sein ursprünglicher Name F. Hoffmann-La Roche AG ist schon weniger bekannt. Und André Hoffmann – Urenkel von Firmengründer Fritz Hoffmann und seiner Gattin Adèle La Roche – ist einer breiten Öffentlichkeit wohl kaum mehr ein Begriff. Dabei ist er nicht nur Vizepräsident des (nach wie vor mehrheitlich in Familienbesitz stehenden) Roche-Konzerns und Kuratoriumsmitglied des World Economic Forum, sondern darüber hinaus Umweltschützer der ersten Stunde und engagierter Kämpfer für das Gute in Form von regenerativen Arbeitsweisen und neuen Normen der Unternehmensführung. Gemeinsam mit dem belgischen Wirtschaftsjournalisten Peter Vanham und parallel zum turbulenten Beginn der Präsidentschaft Trump II hat er 2025 sein jüngstes Werk veröffentlicht: Die neue Natur des Wirtschaftens.
 
„Unternehmen müssen Wohlstand für alle schaffen. Nicht nur Profit.“ Diese Überzeugung hat André Hoffmann dem Rezensenten nicht nur als Widmung in sein persönliches Exemplar geschrieben – um diese Herausforderung drehen sich auch die 10 Kapitel des Werks. Sie reichen von dem Thema „Was ist meine Bestimmung?“ über Gedanken zur zentralen Verantwortung von Unternehmen und ihrer Eigentümer sowie dem dabei notwendigen Zusammenspiel von menschlichem, sozialem, ökologischen und finanziellem Kapital bis hin zur kritischen Betrachtung der Milton Friedman-Doktrin, die die Hauptverantwortung eines Unternehmens bei seinen Aktionären verortet, und der Principal-Agent-Theorie, die sich mit Interessenkonflikten bei asymmetrischer Informationslage beschäftigt 
(beide für Hoffmann die Ursachen, warum in heutiger Unternehmensführung vieles „ganz und gar nicht mehr stimmt“).
 
Diesen stellt Hoffmann Konzepte und Fallbeispiele aus 20 Jahren Management-Erfahrung, die jeweils Grundsteine zu nachhaltigerem und integrativerem Wirtschaften legten und die inspirieren sollen, „weil sie Erfolge zeigen oder die Möglichkeit bieten, aus Misserfolgen zu lernen. Zusammen noch keine vollständige Lösung – aber eine Richtung, ein Weg.“ Hoffnungsvoll zitiert Hoffmann den englischen Historiker Thomas Fuller (1608-1661): „Die dunkelste Stunde der Nacht kommt kurz vor dem Morgengrauen“ – um zu schließen: „Statt uns von den letzten Zügen des alten Systems demotivieren zu lassen, sollten wir an der Vorstellung festhalten, dass das neue System bereits auf dem Weg ist.“ Danke für diese Mut-Injektion in wahrlich herausfordernden Zeiten!