von Linda Osusky
Josef Ullmer hat in seinen 38 Jahren in Indonesien schon etliche tropische Unwetter erlebt. Ende 2025 war es wieder so weit: Stürme und Überschwemmungen brachten Teile Sumatras in eine „extreme Lage. Tagelang gab es weder Strom noch Kommunikation“, berichtet der Regionaldirektor für Südostasien und die Pazifikregion beim österreichischen Anlagenbauer Andritz Hydro.

Auf seinen Baustellen verfügt das Unternehmen jedoch über eigene Dieselgeneratoren – und konnte so nicht nur den Betrieb sichern, sondern auch Menschen in der Umgebung mit Strom und Medikamenten versorgen. Das Unwetter verdeutlicht die extremen klimatischen Bedingungen des Inselstaates. „Die Regenfälle werden häufiger und intensiver – und natürlich wurde früher nach anderen Standards gebaut“, sagt Ullmer. Unternehmen, die nach Indonesien expandieren wollen, sollten diese Risiken nicht unterschätzen.
Dennoch hat das große Interesse an dem Land mit mehr als 17.000 Inseln bislang nicht nachgelassen. Im Gegenteil: Der seit Jahren anhaltende wirtschaftliche Aufstieg und stabile Wachstumsraten – die Zentralbank erwartet heuer rund fünf Prozent – ziehen Unternehmen und Investoren weiter an.
Aufschwung nach der Krise
Dabei steckte das Land einst tief in der Krise: Der Asien-Finanzcrash von 1997 traf Indonesien besonders hart. Der wirtschaftliche Absturz fegte zugleich den Langzeitherrscher Suharto aus dem Amt und ebnete den Weg für Demokratisierung und neue wirtschaftliche Dynamik – mit spürbarem Wohlstandszuwachs in den folgenden Jahrzehnten. Neben dem Privatkonsum treiben Infrastrukturinvestitionen die Wirtschaft an: etwa die Errichtung der neuen Hauptstadt Nusantara oder der Trans-Sumatra-Autobahn. Zwischen 2025 und 2029 will die Regierung rund 139 Milliarden Euro in neue Straßen und Schienennetze, erneuerbare Energieprojekte, intelligente Stromnetze und Energiespeicher investieren.
„Österreich kann hier viele Lösungen anbieten – von der Flugsicherung über den Straßenbau hin zum Eisenbahnwesen oder beim Wassermanagement“, betont der in Jakarta ansässige Wirtschaftsdelegierte Sigmund Nemeti. Auch Gesundheitseinrichtungen würden verstärkt ausgebaut.
Vom Exporteur zum Produzenten
Indonesien verfügt über reiche Rohstoffvorkommen, darunter Kohle und Palmöl. Der Sprung vom Entwicklungs- zum aufstrebenden Schwellenland gelang auch deshalb, weil Rohstoffe zunehmend im Land verarbeitet werden. Ein Beispiel ist Nickel – ein zentraler Bestandteil von Batterien für Elektroautos. Indonesien ist der weltweit größte Förderer.
Lange wurde Nickel vor allem nach China exportiert. Nachdem die Regierung 2020 ein Exportverbot verhängt hatte, begannen chinesische Unternehmen, Raffinerien direkt im Land zu errichten. So blieb mehr Wertschöpfung im Inland – und Indonesien positioniert sich nun als wichtiger Standort für Batterien und Elektrofahrzeuge.
Der Ausbau dieser Industrie sowie große Infrastrukturprojekte werden durch hohe ausländische Direktinvestitionen ermöglicht. Sie erreichten 2025 rund 45 Milliarden Euro und stammen mit großem Vorsprung aus Singapur, gefolgt von China. Trotz der engen wirtschaftlichen Verflechtungen mit China kooperiert Indonesien militärisch mit den USA. Das Land ist geostrategisch von großer Relevanz, grenzt es doch an die Straße von Malakka, einem Nadelöhr, durch das geschätzt 30 Prozent des internationalen Seehandels passieren.
Auch die EU will ihre Präsenz in dem Markt mit rund 282 Millionen Einwohnern ausbauen. Vergangenes Jahr hat sie sich mit Indonesien auf ein Freihandelsabkommen geeinigt, das Anfang 2027 in Kraft treten soll. Bis zu 98 Prozent aller Waren werden dann zollfrei gehandelt. „Das birgt große Chancen für die EU und natürlich auch für Österreich“, sagt Nemeti. Mit wachsendem Wohlstand steigt auch die Nachfrage nach höherwertigen Konsumgütern.
Österreich exportiert derzeit aber vor allem Investitionsgüter nach Indonesien, die Hälfte davon Maschinen, gefolgt von Prüf- und Messinstrumenten und pharmazeutischen Erzeugnissen. Der Gesamtwert der österreichischen Exporte in den Inselstaat lag zuletzt bei 287 Millionen Euro. Das ist bisher nicht mehr als in andere Staaten der Region wie Thailand oder Malaysia – obwohl diese weit weniger Einwohner haben. Zu den wichtigsten Importgütern aus Indonesien zählen Schuhe, Bekleidung, elektrische Maschinen und Rohstoffe wie Zinn und Palmöl. Insgesamt erzielte Indonesien einen Handelsüberschuss von 105 Millionen Euro.
Länderprofil Indonesien
Wachstumsmarkt
Indonesiens Wirtschaft wächst seit den 2000er Jahren kontinuierlich. Der Inselstaat mit seinen 281,6 Millionen Einwohnern ist damit einer der Treiber des Aufschwungs in Südostasien.
Attraktive Projektgeschäfte

Knapp 40 österreichische Unternehmen sind in Indonesien präsent, darunter der Chemiekonzern Evonik, der Spezialchemikalien vor allem für die Kunststoff-, Konsumgüter- und Futtermittelindustrie liefert, oder RHI Magnesita, das Feuerfestmaterialien für die lokale Stahl- und Zementindustrie bereitstellt. Für österreichische Firmen spielt das Projektgeschäft traditionell eine wichtige Rolle, so Nemeti. Neue Chancen könnte der Bau der neuen Hauptstadt Nusantara bieten – ein Milliardenprojekt, das auf rund 20 Jahre veranschlagt ist.
Durch die Neugründung soll die Metropolregion rund um die derzeitige Hauptstadt Jakarta mit ihren 42 Millionen Einwohnern entlastet werden. Die übermäßige Grundwassernutzung lässt die Stadt jährlich um mehrere Zentimeter unter den Meeresspiegel sinken, außerdem ist die Luftverschmutzung enorm. Derzeit wird Nusantra vor allem von staatlichen Unternehmen errichtet. „Das Projekt steht noch relativ am Anfang und umfasst viele Ausbauphasen“, betont Nemeti. Langfristig erwartet er auch Aufträge für österreichische Firmen.
Von Plantage zu Großprojekt
Stark im Projektgeschäft und schon lange fest etabliert ist Andritz Hydro. Der internationale Top-Player für elektromechanische Ausrüstungen und Serviceleistungen für Wasserkraftwerke kann dank seiner Vorgängerfirmen auf eine über hundertjährige Geschichte in Indonesien zurückblicken. Begonnen hat diese mit einem Kleinwasserkraftwerk für eine Teeplantage.
Heute ist Andritz am Bau der Wasserkraftwerke Peusangan 1 und 2 für den staatlichen Stromversorger PLN beteiligt. Andritz liefert dafür die zentrale elektromechanische Ausrüstung – darunter vertikale Francisturbinen, Generatoren, Transformatoren, eine 150-kV-Schaltanlage sowie umfangreiche Nebenanlagen. Die beiden Laufkraftwerke am Fluss Peusangan in der Provinz Aceh sollen zusammen jährlich rund 327 Gigawattstunden Strom erzeugen. Finanziert wird das Projekt von der japanischen Entwicklungsagentur JICA und der indonesischen Regierung.
Regionaldirektor Ullmer lebt seit fast vier Jahrzehnten im Land. Ein entscheidender Faktor für Indonesiens wirtschaftlichen Aufstieg sieht er in der großen Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte. Dies kommt auch seinem Unternehmen sehr zugute. „Wir setzen unsere indonesischen Ingenieure inzwischen bei Projekten weltweit ein“, berichtet Ullmer.
Gute Ausbildung
Auch Österreich hat zur beruflichen Ausbildung beigetragen. „Mit österreichischem Know-how wurden vier Ausbildungszentren für Tourismus, Schweißtechnik und Tischlerei aufgebaut“, berichtet Nemeti. Beteiligt waren unter anderem eee Austria, M-U-T-Engineering sowie das WIFI.
Künftig will Österreich stärker von dieser Entwicklung profitieren: Ein 2024 mit Indonesien unterzeichnetes Memorandum of Understanding soll den Austausch von Fachkräften erleichtern. So könnten in österreichischen Hotels bald auch indonesische Köche den Kaiserschmarrn zubereiten.
Fotos: Flickr / World Bank / Jerry Kourniavan, Andritz Hydro, eee Austria, M-U-T-Engineering



