Sozialunternehmen: Ein Snack für bessere Ernährung 

Es gibt noch kein nachhaltiges, marktbasiertes und skalierbares Konzept gegen Mangelernährung in Kenia, sagt Sozialunternehmer Fabio Rappenecker. Mit dem Verkauf von angereicherten Teigtaschen will er das ändern - und sieht hier großes Wachstums- potenzial für sein Unternehmen.

Um auszutesten, ob sich ein Investment lohnt, spazierte Martin Fleischer durch Kenias Hauptstadt Nairobi – und verteilte Mandazis, das sind kenianische Teigtaschen, an Wachleute, die vor vielen Gebäuden der Stadt stehen. Die Reaktionen waren eindeutig. „Die Wachleute waren vom Geschmack begeistert und fragten nach, wo es diese Mandazis zu kaufen gebe“, berichtet Fleischer. Der Impact Investor und Direktor der Fachhochschule des BFI Wien prüft regelmäßig afrikanische Start-ups auf ihr Potenzial.

Das verteilte Siedegebäck nennt sich Mandazi Power. Dahinter steht TenX Nutrition, ein Unternehmen, das der gebürtige Oldenburger Fabio Rappenecker in Nairobi gegründet hat. Mandazis sind ein in Ostafrika weit verbreitetes Streetfood – kleine, goldbraun frittierte Hefeteigstücke, die in ihrer Konsistenz zwischen Donut und Krapfen liegen. Sie sind leicht süßlich, außen knusprig und innen weich. 

Rappenecker hat seine Mandazis systematisch entwickelt: Immer wieder verteilte er die mit lokalen Bekannten in seiner Privatküche hergestellten Teigtaschen in der Stadt, um den beliebtesten Geschmack herauszufinden. Am Ende seiner Versuche stand eine Rezeptur aus Weizenmehl, Süßkartoffeln, Hirse und Soja. Mittlerweile verkauft TenX Nutrition rund 12.000 Stück täglich — und will noch kräftig wachsen. 

Lücke im Ernährungsbereich

Rappenecker betont aber, dass es ihm und seinem kenianischen Team um mehr als guten Geschmack gehe. „Der Kern unserer Arbeit ist der Kampf gegen Mangelernährung“, sagt er. Denn die Mandazis von TenX sind angereichert, ein 45 Gramm Stück deckt 25 Prozent des Tagesbedarfs an den Vitaminen B12, D und E und an wichtigen Nährstoffen wie Zink, Eisen oder Calcium ab. Auch das war für Fleischer ein Grund zu investieren: „Ich habe ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell gesucht, das zugleich einen gesellschaftlichen Impact erzielt.“

Dabei ahnte Rappenecker, als er vor vier Jahren nach Kenia kam, noch nicht, dass er einmal Mandazis produzieren würde. Der heute 34-Jährige und Absolvent einer Managementausbildung wusste nur eines: Er wollte ein Sozialunternehmen im Food-Bereich aufbauen. Seine berufliche Laufbahn hatte er schon lange dem Ernährungsbereich gewidmet und unter anderem für das Food Innovation Camp in Hamburg gearbeitet. In Kenia fiel ihm bald etwas auf: „Für viele Herausforderungen im Agrarbereich gibt es bereits Lösungen. Ich bin jedoch keinem nachhaltigen, marktbasierten und skalierbaren Modell begegnet, das Mangelernährung adressiert. Bei so einem grundlegenden Problem ist das eine riesige Lücke!“ 

Rappenecker suchte nach einer Speise, die tief im Alltag der Menschen verankert ist. Schnell fiel die Wahl auf Mandazis. Millionen Kenianer essen die Teigtaschen täglich – zum Frühstück, als Snack zum Tee oder Kaffee oder auch als Jause am Arbeitsplatz oder in der Schule. Verkauft werden sie an unzähligen Kiosken und Straßenküchen und sind mit rund zehn kenianischen Schillingen – umgerechnet sieben Eurocent – für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich.

Auch An Schulen werden die mit Nährstoffen Vitaminen angereicherten Mandazis von TenX Nutrition verkauft.

Keine Verhaltensänderung notwendig

TenX-CEO Fabio Rappenecker

„Mit unseren Mandazis müssen die Menschen nichts an ihrem Alltagsverhalten ändern, um sich besser zu ernähren“, betont Rappenecker. TenX bewirbt sein Produkt jedoch nicht in erster Linie als besonders gesund, sondern setzt auf ein anderes Argument: Für den gleichen Preis schmeckt es besser und macht länger satt. „Ein guter Gegenwert – in diesem Fall eine gehaltvolle Mahlzeit – für das ausgegebene Geld ist hier einfach das überzeugendste Kaufargument“, sagt Rappenecker. Zudem hat TenX seine Mandazis modern gebrandet und bewirbt sie auch über Social Media. Wobei: Die wirksamste Werbung für so ein Streetfood-Produkt bleibt die Mundpropaganda.

Allerdings tritt TenX mit seinem offensiven Auftreten in Konkurrenz zu traditionellen Mandazi-Bäckereien, von denen viele Familien leben. Das will Rappenecker auch gar nicht abstreiten. „Gleichzeitig schaffen wir viele Arbeitsplätze“, sagt er. In der Produktion beschäftige TenX vor allem junge Frauen, die die Firma selbst anlernt. Dazu kommen Lieferfahrer und Vertriebsmitarbeiter, die die Mandazis an die Straßenkioske verkaufen. „Und wir zahlen weit über dem Mindestlohn.“

Frisches Kapital gesucht

Derzeit beschäftigt TenX Nutrition rund 20 Mitarbeiter. Rappenecker ist Geschäftsführer und arbeitet im Management eng mit kenianischen Partnern zusammen, die kleinere Anteile halten. Noch schreibt die Firma keine Gewinne. Der Break-even liegt laut Rappenecker bei rund 50.000 Mandazis täglich. Mittelfristig soll die Produktion auf bis zu 300.000 Stück pro Tag steigen – vor dem Hintergrund, dass in Nairobi täglich Millionen Straßen-Backwaren verkauft werden. „Im vergangenen August waren es noch 2000 Stück. In den letzten Monaten haben wir ein sehr steiles Wachstum hingelegt, deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir auch die nächsten Skalierungsschritte schaffen“, sagt der Gründer.

Um die Expansion zu beschleunigen, bereitet das Start-up derzeit eine Finanzierungsrunde vor. Das frische Kapital soll vor allem in leistungsfähigere Produktionsanlagen fließen. Angesprochen werden Angel-Investoren und Venture-Capital-Fonds, die neben Rendite auch messbaren sozialen Impact suchen. „Wir streben gesunde Profite an“, sagt Rappenecker. Im Endausbau rechnet er mit Bruttomargen im Bereich von mindestens 30 Prozent. Investoren können sich über klassische Eigenkapitalrunden beteiligen oder über SAFE-Vereinbarungen, bei denen die Bewertung des Unternehmens erst in einer späteren Finanzierungsrunde festgelegt wird. Parallel dazu bemüht sich TenX um Mittel aus der Entwicklungszusammenarbeit. Bereits jetzt erhält das Unternehmen Unterstützung aus dem Programm „develoPPP“ der deutschen Bundesregierung, das privatwirtschaftliche Projekte mit entwicklungspolitischem Mehrwert kofinanziert.

Break-Even in Sicht

Mit steigenden Produktionskapazitäten rückt der Break-Even näher, sind sowohl Gründer Rappenecker als auch Investor Fleischer überzeugt. „Wenn dieser Punkt erreicht ist, hat das Unternehmen einen ganz anderen Zugang zu potenziellen Geldgebern und ganz andere Finanzierungskonditionen“, sagt Fleischer.

Für Rappenecker ist die Reise damit aber noch lange nicht zu Ende. TenX Nutrition will künftig auch noch andere Grundnahrungsmittel wie Chapati, Brot oder Porridge mit Nährstoffen und Vitaminen anreichern. „Unser Ziel ist es, eine starke internationale Marke aufzubauen, die Alltagsernährung neu denkt und Konsumenten mit geringem Einkommen mit gehaltvollen Lebensmitteln versorgt“, sagt Rappenecker.

African Streetfood

Ein Streifzug von Ägypten bis Südafrika  durch die afrikanischen Straßenküchen. Guten Appetit!

Chapati

Ein überall im östlichen Afrika verbreitetes Fladenbrot aus Weizenmehl, in der Pfanne gebraten und frisch an Straßenständen verkauft. 

 

Suya

Gewürzte Fleischspieße aus Westafrika, besonders populär in Nigeria. Rind- oder Hühnerfleisch wird mariniert und über Holzkohle gegrillt.

Akara

Frittierte Bohnenbällchen aus Westafrika, außen knusprig und innen weich. Sie werden häufig morgens frisch zubereitet und als schneller Snack verkauft.

Puff Puff

Süße, frittierte Hefeteigkugeln, in vielen westafrikanischen Ländern verbreitet. Sie werden goldbraun ausgebacken und noch warm als Snack angeboten.

Dodo

Frittierte Kochbananen aus Westafrika. Die in Scheiben geschnittenen, reifen Plantains werden goldbraun gebraten und als Beilage oder Snack verkauft.

Rolex

Ein ugandischer Straßensnack aus Omelett und Chapati. Das gebratene Ei wird in das Fladenbrot eingerollt und direkt auf die Hand serviert.

Koshari

Ein ägyptischer Straßenklassiker aus Reis, Linsen und Nudeln mit würziger Tomatensauce und Röstzwiebeln. Preiswert, sättigend und in Kairo allgegenwärtig.

Bunny Chow

Ein südafrikanisches Gericht aus Weißbrot, gefüllt mit würzigem Curry. Es wird traditionell mit der Hand gegessen und ist besonders in Durban verbreitet.

Brochettes

Gegrillte Fleischspieße aus Ost- und Zentralafrika, meist aus Ziege oder Rind. Sie werden abends über offenem Feuer zubereitet und mit scharfer Sauce serviert.

Fotos: TenXNutrition (3), Flickr/Neben Mrgan, Wikimedia Commons/Ssemanda Will, Flckr/secretlondon123, Wikipedia/Afroscope, Wikipedia/Afrolems, Wikipedia/Krista -Mariam Aloko, Wikipedia/Dina Said, Flickr/Yo del Corro,Flickr/Francois Terrier