von Klaus Huhold
Der Rückzug von US-AID und Budgetkürzungen anderer traditioneller Geber haben in vielen afrikanischen Ländern große Lücken hinterlassen. Hat dieser Rückzug Schwächen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit offengelegt?
Lopes: Wir sehen eine strukturelle Fragilität, die Hilfsgelder eine lange Zeit überdeckt haben. Viele afrikanische Länder hatten sich nicht nur bei humanitären Programmen, sondern auch bei zentralen öffentlichen Dienstleistungen an externe Finanzierung gewöhnt. Als diese Mittel reduziert wurden, wurde deutlich, dass Entwicklungszusammenarbeit zu stark auf kurzfristige Projekte ausgerichtet war, statt eine langfristige strukturelle Transformation zu unterstützen. Doch es gibt auch ein tiefer liegendes Problem. Das Modell der Entwicklungszusammenarbeit war häufig paternalistisch und risikoscheu. Es konzentrierte sich eher auf Armutsverwaltung als auf wirtschaftliche Transformation. Es legte mehr Wert auf Compliance und Berichterstattung als auf produktive Kapazitäten. Und es schuf mitunter parallele Systeme, die staatliche Institutionen schwächten, statt sie zu stärken.
Hat das zu einem Umdenken unter afrikanischen Akteuren geführt?
Lopes: Ja. Der durch den Geberrückzug ausgelöste Schock zwang afrikanische Regierungen und regionale Institutionen, unbequemen Realitäten ins Auge zu sehen. Mittlerweile liegt ein stärkerer Fokus auf der Mobilisierung heimischer Ressourcen, auf Fiskalreformen und darauf, die Abhängigkeit von volatilen externen Finanzströmen zu verringern. Zudem herrscht nun ein stärkeres Bewusstsein, dass Afrika sich dringend stärker industrialisieren und seine regionale Integration vorantreiben muss. Gleichzeitig wächst in Afrika die Ermüdung gegenüber dem moralisierenden Ton, der Hilfsbeziehungen oft begleitet hat. Jüngste globale Ereignisse haben eine Doppelmoral offengelegt – bei der Anwendung demokratischer Prinzipien, bei den Reaktionen auf geopolitische Konflikte und bei der Priorisierung humanitärer Krisen. Afrikanische Akteure beobachten das genau und wollen künftig stärker ihre Interessen behaupten.
Welche Rolle spielen hier Akteure wie Indien oder China? Inwieweit hat der Rückzug westlicher Partner ein Fenster für sie geöffnet, um stärkeren Einfluss zu gewinnen?
Lopes: China, Indien, die Türkei oder auch die Golfstaaten haben ihre Präsenz ausgebaut. Diese Akteure engagieren sich aber vor allem über Handel, Infrastruktur und Investitionen – nicht über die klassische Hilfsarchitektur. Das verändert die Position Afrikas grundlegend: In einer multipolaren Welt haben afrikanische Länder mehr Optionen. Das führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen, schafft jedoch Raum für strategische Entscheidungen.
Das Modell der Entwicklungszusammenarbeit war häufig paternalistisch und risikoscheu
Was bedeutet das für Europa?
Lopes: Europa läuft Gefahr, Chancen aus dem Blick zu verlieren. Der europäische Diskurs über Afrika ist noch immer von Instabilität, Migration oder Risiken geprägt. Marktanalysen neigen dazu, politische Volatilität zu über- und langfristiges Potenzial zu unterschätzen. Europäische Unternehmen konzentrieren sich mitunter darauf, bestehende Arrangements – insbesondere im Rohstoffsektor – zu verteidigen, statt in neue Branchen wie nachhaltige Produktion, digitale Dienstleistungen, Pharma oder Agrarverarbeitung zu investieren.
Gleichzeitig richtet sich Europa zunehmend nach innen. Handelspolitischer Protektionismus kehrt zurück, oft im Gewand von Klimaschutz. Dieser ist essenziell, doch Mechanismen, die als verdeckter Protektionismus wirken, gefährden Vertrauen. Wenn afrikanische Exporte benachteiligt werden, ohne die ausreichende Unterstützung für technologische Modernisierung zu erhalten, wird dies eher als Ausschluss denn als Partnerschaft wahrgenommen.
Und wie können sich europäische Unternehmen in diesem geänderten Umfeld positionieren?
Lopes: Diese sollten eine gewisse Zurückhaltung überwinden. Es besteht die Tendenz, Afrika primär als Rohstoffquelle oder als Spenden-empfänger zu betrachten. Diese Denkweise ist überholt. Afrika ist ein Markt, ein Produktionsstandort und zunehmend auch eine Innovationsquelle. Gefragt sind langfristige Investitionen in produktive Sektoren, Joint Ventures mit Technologietransfer sowie eine echte Integration in lokale Wertschöpfungsketten. Wer an alten Modellen festhält, riskiert, die nächste Phase der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas zu verpassen.
Welchen Konzepten sollte Entwicklungszusammenarbeit künftig folgen?
Lopes: Sie muss auf wirtschaftliche Transformation ausgerichtet sein. Das Ziel muss struktureller Wandel sein. Afrika kann nicht primär Lieferant von Rohstoffen bleiben, während es Industriegüter importiert.
Welchen Beitrag können europäische Entwicklungsagenturen dabei leisten?
Lopes: Sie können eine entscheidende Rolle einnehmen – allerdings nur, wenn sie vom Hilfs- zum Partnerschaftsparadigma übergehen. Mischfinanzierungen, Risikoteilungsinstrumente und die Unterstützung kleiner und mittlerer afrikanischer Unternehmen sind vielversprechende Ansätze. Diese dürfen jedoch nicht zu Vehikeln übermäßiger Konditionalität oder zum Schutz europäischer Handelsinteressen werden. Denn das ginge auf Kosten afrikanischer Entwicklungsziele.
Was können europäische Unternehmen von einem Engagement in Afrika erwarten?
Lopes: Sie können mit Komplexität rechnen – aber auch mit Dynamik. Denn Afrika ist kein einheitlicher Markt, sondern umfasst 54 Länder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Dennoch gibt es über den Kontinent verteilt eine demografische Dividende, rasche Urbanisierung, digitale Beschleunigung und wachsende Konsumgütermärkte.
Partnerschaften zum beiderseitigen Vorteil erfordern zudem lokale Wertschöpfung. Das bedeutet lokale Beschaffung, Qualifikationsentwicklung, Reinvestition von Gewinnen und Beteiligung an regionalen Wertschöpfungsketten. Sie erfordern auch Respekt. In Afrika wächst die Ungeduld gegenüber Vereinbarungen, die als ungleich oder ausbeuterisch wahrgenommen werden. Vertrauen entsteht, wenn Partnerschaften transparent gestaltet und Risiken geteilt statt einseitig auf lokale Akteure abgewälzt werden. Europäische Unternehmen, die Afrika als Partner der Transformation statt nur als Absatzmarkt sehen, werden widerstandsfähige und wachsende Märkte vorfinden.
Ein Perspektivwechsel ist erforderlich: von Wohltätigkeit zu Wettbewerbsfähigkeit
Mit Blick auf die nächsten zehn Jahre: Welche Prioritäten sollten gesetzt werden, um selbsttragendes Wachstum zu ermöglichen?
Lopes: Fünf Aspekte sind zentral. Erstens: makroökonomische Stabilität kombiniert mit strategischer Industriepolitik. Haushaltsdisziplin muss mit ambitionierter Entwicklungspolitik einhergehen. Zweitens: die vollständige Operationalisierung der afrikanischen Freihandelszone. Ein solcher Markt schafft große Chancen und reduziert die Abhängigkeit von externer Nachfrage. Drittens: grüne Industrialisierung. Afrika sollte nicht lediglich kritische Mineralien für die globale Energiewende exportieren, sondern selbst an der Herstellung von Batterien, erneuerbaren Technologien und verwandten Industrien teilnehmen. Viertens: institutionelle Stärkung und Reform der Regierungsführung. Vorhersehbarkeit und regelbasierte Systeme sind essenziell für Investitionen. Fünftens: strategische Autonomie in einer multipolaren Welt. Die Diversifizierung von Partnerschaften muss afrikanischen Interessen dienen und darf keine neuen Abhängigkeiten produzieren.
Letztlich ist ein Perspektivwechsel erforderlich: von Wohltätigkeit zu Wettbewerbsfähigkeit, von Paternalismus zu Partnerschaft und von selektiver Normenanwendung zu echter Konsistenz. Afrikas Entwicklung wird von innen vorangetrieben. Die Frage ist nicht, ob Europa engagiert bleibt, sondern ob es sich in einer Weise engagiert, die den Realitäten einer sich wandelnden Welt entspricht.
Vielen Dank für das Gespräch!
Foto: privat

