Interview

Globaler Überflieger ohne Heimatmarkt

12/2018 - Der Innviertler Hightech-Konzern FACC stellt Leichtbaukomponenten für die globale Flugzeugindustrie her. CEO Robert Machtlinger erzählt, wie sich die Luftfahrt durch Innovation und Nachhaltigkeit verändert, wie es sich auswirkt, einen Haupteigentümer in China und keine Kunden in Österreich zu haben, und wie er das Unternehmen fit für die Zukunft macht.




Robert Machtlinger im Gespräch

corporAID: Welche Schlagworte verbinden Sie mit Globalisierung?

Machtlinger: Geregelten Warenverkehr, globales Reisen, das Zusammenbringen von Menschen und auch große Wachstumschancen für den Standort Österreich. Denn alle österreichischen Hightech- Unternehmen leben vom Export.

Die FACC ist seit mehr als zehn Jahren in mehrheitlich chinesischem Besitz. Wie offen ist Österreich für ausländische Investoren?

„Die FACC hat sich, seit wir mehrheitlich chinesische Eigentümer haben, gut entwickelt.“

Robert Machtlinger

Machtlinger: Da gibt es Unterschiede. Wenn ein Schweizer oder deutsches Unternehmen bei einem österreichischen Unternehmen einsteigt, dann ist das relativ gerne gesehen. Bei einem amerikanischen Unternehmen wird es schon ein bisschen problematisch, und bei einem asiatischen Unternehmen kommt es durchwegs zu Verständnisunterschieden. Dabei hat sich die FACC, seit wir mehrheitlich chinesische Eigentümer haben, gut entwickelt. Wir haben 450 Mio. Euro in Forschung und Standortausbau investiert und in Österreich fast 2.000 neue Mitarbeiter eingestellt. Meines Erachtens zählt die Strategie des Investors mehr als seine Herkunft. Ein typischer Finanzinvestor verkauft nach ein paar Jahren, ein strategischer Investor, der das Unternehmen weiterentwickeln will, hat einen langfristigen Horizont von zehn oder zwanzig Jahren. Zweiteres trifft auf unseren Haupteigentümer AVIC zu, der zudem auch selbst im Luftfahrtbereich tätig ist.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Wirtschaftslage?

Machtlinger: Die Trends zeigen, dass sich das Wirtschaftswachstum in Europa und den USA, aber auch in Asien etwas verlangsamt. Wir merken eine relative Vorsicht bei Investoren, jede Meldung verursacht eine starke Volatilität an den Börsen. Ich rechne weiter mit Wachstum, aber nicht mehr so schnell wie in den vergangenen drei Jahren.

Wo liegen die Wachstumsmärkte der FACC?

Machtlinger: Allen voran in China, gefolgt von Indien, dem Mittleren Osten und auch der Türkei. Natürlich dürfen wir die hoch entwickelten Märkte in Nordamerika und Europa nicht vernachlässigen, ebenso wenig Südamerika, wo wir mit Embraer einen großen Kunden haben, mit dem wir ein Fünftel des Umsatzes machen. Aber jedes zweite gebaute Flugzeug geht in den asiatisch-pazifischen Raum, jedes Fünfte allein nach China. Dort errichten auch unsere Kunden Werke und erwarten das auch von der Zulieferkette.

Und wie sieht es mit Afrika aus?

Machtlinger: Wenn wir sehen, wo China heute steht, dann folgt Indien mit einem Abstand von zehn Jahren – und Afrika ist noch einmal zehn Jahre hinter Indien. Mit einem Riesenpotenzial natürlich. Nicht nur aufgrund diverser Rohstoffe, sondern auch, weil die Einkommen in diesen Ländern steigen werden. Das wird aber noch 20 Jahre dauern.

Der Begriff Wachstum wird kontrovers diskutiert, ist oft auch mit Kollateralschäden verbunden. Muss Ihr Unternehmen wachsen?

Machtlinger: Die Frage lautet: Müssen oder wollen wir wachsen? Wir wollen wachsen. Unsere Wachstumsstrategie baut auf Innovation und Globalisierung. Das treibt uns seit unserem Entstehen vor 29 Jahren an. Wir sind in diesem Zeitraum jedes Jahr um rund 20 Prozent gewachsen und wir wollen auch in Zukunft wachsen – mit Nachhaltigkeit. Der Leichtbau, mit dem wir uns beschäftigen, hat im Luftfahrtsektor ein gewaltiges Potenzial. Aktuelle Verkehrsflugzeuge sind 25 Prozent effizienter als ihre Vorgänger, wozu ein hoher Anteil an Leichtbau beiträgt. Das Ziel der Luftfahrt ist es, bis zum Jahr 2050 die CO2-Emissionen bei einer mehr als Verdoppelung des Passagieraufkommens zu halbieren. Das ist ein knackiges Ziel. Genau dort setzen wir mit unseren Innovationen an.

Die FACC hat eine spannende Geschichte, vom Skierzeuger zum Luftfahrtzulieferer. Wie gelang das?

„Als österreichisches Unternehmen in der Luftfahrtindustrie müssen wir innovativ sein, weil wir keinen Heimmarkt haben.“

Robert Machtlinger

Machtlinger: Wie so oft ist das aus einer gewissen Not heraus geschehen. Die Sportartikelbranche war in den 1980er Jahren in der Krise. Man hat sich damals entschieden, aus der Not eine Tugend zu machen und das etablierte Know-how für andere Branchen einzusetzen. Man hat nicht gleich an die Luftfahrt gedacht, sondern vielmehr an die Automobil- und die Medizinbranche. Doch die Automobilbranche war vor 30 Jahren nicht bereit, Composites im großen Stil einzusetzen – und ist es bis heute kaum. Das Gleiche gilt für die Medizintechnik. Wir haben dann über amerikanische Kontakte den Weg in die Luftfahrt gefunden. Und das ist sehr gut gelungen.

Was braucht es dazu?

Machtlinger: Es braucht ein visionäres Denken der Eigentümer: In einer Krise nicht Mitarbeiter freizusetzen und Know-how zu vernichten, sondern dem Management Zeit zu geben, neue Anwendungen für das Know-how zu suchen. Dazu kam ein starkes Commitment der Führungskräfte und Ingenieure, neue Märkte anzugehen, diese von Composite-Technologien zu überzeugen – und dann auch zu liefern. Man muss sich vorstellen, FACC hat 1988 als Sparte der Skifertigung mit drei Mio. Dollar Umsatz Verträge im Wert von hundert Mio. Dollar gewonnen. Da gab es ein großes Vertrauen auf Kundenseite, dass dieses Team die versprochene Performance auch liefert. Und das ist von der ersten Stunde an immer geschehen.

Welche Trends bestimmen die Luftfahrtbranche?

Machtlinger: Im Prinzip sind das Innovation und Globalisierung. Wir gehen davon aus, dass in fünf bis sieben Jahren der nächste Innovationsschub in der Luftfahrzeugindustrie kommen wird. Heute machen Leichtbaukomponenten etwas mehr als 50 Prozent des Flugzeuggewichts aus. In den nächsten zehn Jahren wird sich die Jahresproduktion der Flugzeugindustrie verdoppeln, und auch der Leichtbauanteil wird weiter zunehmen. Dafür braucht es neue Prozesse und Materialien. Der zweite Trend ist sicherlich die globale Fertigung. Hochtechnologien werden weiter aus westlichen Ländern kommen, aber darüber hinaus geht es um weltweites Sourcing in Wachstumsmärkten. Wir fertigen daher schon seit 2003 in China und haben heute Fertigungspartner in Indien und in Abu Dhabi. Dieses globale Sourcing werden wir weiter ausbauen.

Wie managen Sie Innovationen?

Machtlinger: Was heute eine Innovation ist, ist morgen Standard und übermorgen überholt. Man muss ständig am Puls der Zeit bleiben, sonst verliert man ganz einfach Marktanteile. Als österreichisches Unternehmen in der Luftfahrtindustrie müssen wir innovativ sein, weil wir keinen Heimmarkt haben. Wir haben dazu intensive Verbindungen mit Universitäten, beteiligen uns an Stiftungsprofessuren, um zu Trends wie Digitalisierung und neue Materialien auch Grundlagenforschung mit zu betreiben. Auch von Start-ups erhalten wir sehr gute Ideen. Und nicht zuletzt forschen und arbeiten bei FACC 500 Ingenieure. Ganz wichtig ist zudem ein breites Verständnis für ein globales Netzwerk und eine Offenheit für neue Märkte und neue Kulturen, um global Partnerschaften einzugehen. Dazu ist es wichtig, Führungskräfte und Mitarbeiter darauf vorzubereiten, dass Globalität ein Motor ist, der die FACC weiterbringt.

Welche Dynamik hat der Börsengang gebracht?

„Wir beschäftigen uns mit autonomem Fliegen, weil wir hier im nächsten Jahrzehnt neue Märkte erschließen können.“

Robert Machtlinger

Machtlinger: Sehr wichtig war die Außenwirkung, dass sich unser chinesischer Eigentümer dem Markt öffnet und die FACC transparent und global aufstellen möchte. Für uns waren damit natürlich Lerneffekte verbunden: Es geht nicht mehr darum, einen Eigentümer zu überzeugen, sondern auch den Streubesitz konstant zu informieren, wie und wohin sich das Unternehmen entwickelt. Nach vier Jahren an der Börse sehe ich das sehr positiv: Transparenz, Information, Reporting haben sich signifikant verbessert, intern wie auch extern. Denn ich kann mich nicht nur nach außen öffnen. Heute kommunizieren wir Strategien, es gibt regelmäßig Feedback zum Markt und zur Performance des Unternehmens. Das interne Feedback dazu ist ausgesprochen positiv.

Wie gestalten Sie in Ländern wie China, Indien oder Brasilien das Umfeld, in dem Sie tätig sind, mit?

Machtlinger: Jedes Land hat eine eigene Kultur – sogar in Europa müssen Sie französische Kunden anders behandeln als deutsche. Die Herausforderung für uns liegt darin, an unseren ausländischen Standorten die gleiche Qualität, Performance und Flexibilität wie an unseren österreichischen Standorten zu schaffen. Dazu muss man den Mikrokosmos in und um eine Fertigungsstätte mitgestalten, damit die DNA des Unternehmens dort auch präsent ist. Und das ist die eigentliche Herausforderung. Es geht nicht nur darum, eine Maschine in China aufzustellen, sondern man muss sich damit beschäftigen, wie die Menschen denken und beispielsweise mit Herausforderungen umgehen. Wir schaffen das im Wesentlichen, indem wir die Mitarbeiter nach Österreich bringen, hier eine gewisse Zeit ausbilden und an die FACC-Kultur gewöhnen. Vor allem bei Facharbeitern sind wir in Österreich mit der dualen Ausbildung viel besser aufgestellt als in diesen Ländern. Gerade in China ist es relativ schwierig, ein duales System aufzusetzen. Wir bringen neue Talente daher an unsere FACC-Akademie, wo wir sozusagen im Kleinen eine duale Ausbildung anbieten. Also machen wir das in diesen Ländern derzeit in Eigenregie und kaum in Verbindung mit Ausbildungsstätten.

Was bedeuten unternehmerische Verantwortung und nachhaltige Entwicklung für die FACC?

Machtlinger: In unserer Nachhaltigkeitsstrategie beschäftigen wir uns mit Themen vom Energieeinsatz über Emissionen bis zu den Werten, die wir im Unternehmen leben. Wir haben zuletzt beispielsweise den Umsatz verdoppelt und den Energieeinsatz halbiert. Wie gelingt das? Am Standort Oberösterreich mit Geothermie und mit Energierückführungssystemen, die ganze Bürokomplexe heizen und kühlen. Und diese Ansätze transferieren wir auch nach China, wo wir mit der gleichen Energieeffizienz arbeiten wie in Oberösterreich. Gerade in China geht es da auch um eine Vorbildwirkung. Und wir lassen uns das letztlich auch etwas kosten: Die Errichtung des chinesischen Werks war natürlich deutlich teurer. Dafür ist es nachhaltig. Als Arbeitgeber für 3.500 Direktbeschäftigte haben wir zudem eine starke Bindung zu unserer Belegschaft und wir nehmen die soziale Verantwortung wirklich ernst.

Was macht ein Unternehmen zukunftsfähig?

Machtlinger: Das Wichtigste ist, eine Vorstellung davon zu haben, wie die FACC 2030 oder 2050 aussehen könnte. Ich halte es für meine wesentlichste Aufgabe als Vorstandsvorsitzender, das Unternehmen so fit zu machen und Investitionen und Innovationen so zu steuern, dass die FACC auch in Zukunft erfolgreich global tätig sein kann. Nehmen Sie beispielsweise Urban Mobility und autonomes Fliegen. Damit beschäftigen wir uns seit rund zwei Jahren, weil ich davon überzeugt bin, hier im nächsten Jahrzehnt neue Märkte erschließen zu können. Heute können sich das viele Menschen nicht vorstellen – es haben sich aber vor 40 Jahren auch nur wenige Menschen vorstellen können, über das Wochenende nach London zu fliegen. Heute ist das Alltag. Das ist der entscheidende Punkt: Zu schauen, wohin die Entwicklungen gehen, was der Markt in zehn oder zwanzig Jahren braucht und sich zu überlegen, wie sich das Unternehmen aufstellen muss, um auch 2030 noch ein gefragter Partner der Mobilitätsindustrie zu sein.


Vielen Dank für das Gespräch!

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ZUR PERSON

Robert Machtlinger, 51, ist CEO der FACC AG. Der Innviertler startete seine berufliche Laufbahn 1982 mit einer Lehre zum technischen Zeichner bei der damaligen FACC-Mutter Fischer-Ski in Ried im Innkreis. Im Jahr 1989 wechselte er zu FACC und stieg über Stationen im Manufacturing Engineering, im Projekt-management und im Sales & Marketing 2000 zum Leiter der Sparte Aerostructures auf. 2011 avancierte Machtlinger, der über einen Berufspilotenschein verfügt, zum Technik-Vorstand, bevor er 2016 die Konzernführung übernahm.

ZUM UNTERNEHMEN

Hightech aus dem Innviertel


FACC-Technologie­zentrum im Innviertel

Die FACC (ehemals Fischer Advanced Composite Components) mit Sitz in Ried/Innkreis entstand in den 1980er Jahren als kleine Abteilung innerhalb des Fischer-Ski-Konzerns. Heute ist die FACC ein börsennotiertes Hightech-Unternehmen mit dem chinesischen Aerospace-Konzern AVIC als Hauptaktionär. Der Konzern fertigt Triebwerksteile und -verkleidungen, Bauteile für Rumpf, Flügel und Leitwerk bis hin zu kompletten Kabinenausstattungen für Flugzeuge und Hubschrauber und beliefert alle führenden Hersteller wie Airbus, Boeing, Bombardier, Embraer, Rolls-Royce und Pratt & Whitney. FACC beschäftigt 3.500 Mitarbeiter in 13 Ländern und ist mit Niederlassungen von Österreich bis China, von Indien bis in die USA und Kanada global aufgestellt. Das Unternehmen erzielte im Geschäftsjahr 2017/2018 mit 751 Mio. Euro Umsatz das beste Ergebnis seiner Geschichte. Aktuell investiert der oberösterreichische Hidden Champion 100 Mio. Euro in neue Werksgebäude, Anlagen und F&E. 2017 erzielte der Konzern mit 20.700 Mitarbeitern einen Umsatz von 20,2 Mrd. Euro.


© corporAID Magazin Nr. 79
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai Mitrea, FACC

 

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