3-er Gespräch

SDG: Unbekannt, aber signifikant

12/2018 - Die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, kurz SDG, gelten als Aktionsplan für eine bessere Welt mit dem Zieldatum 2030 und damit als Wegweiser für zukunftsorientierte Unternehmen. Welche Relevanz die SDG in der unternehmerischen Praxis in Österreich haben, diskutieren Alf Netek, Kapsch Group, Monika Langthaler, Brainbows, und Harald Hauke, Austria Glas Recycling.

Die Diskutanten (v.l.n.r.) Alf Netek, Monika Langthaler, Harald Hauke

corporAID: Welche Bedeutung haben die Sustainable Development Goals für Unternehmen?

Netek: In der Wirtschaft geht es immer um den planmäßigen Umgang mit knappen Ressourcen. Und Unternehmen tun das nicht nur aus einer abstrakten Innensicht, sondern auch aus einer ökologischen, sozialen und letztlich auch ökonomischen Perspektive. Daher ist nachhaltiges Wirtschaften nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine Chance. Die SDG sind natürlich relevant – wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind. Ganz zentral ist für mich die Messbarkeit. Mir fehlen einheitliche Indikatoren beispielsweise von Seiten der Regierung oder der Vereinten Nationen, die auch inhärente Zielkonflikte wie zwischen Wachstum und Umweltschutz berücksichtigen.

„Im Grunde sind die SDG ein Blueprint für eine perfekte Welt, aber eine perfekte Welt hat es noch nie gegeben.“

Monika Langthaler
Brainbows

Langthaler: Die Herausforderungen für die Unternehmen sind natürlich groß, wenn man die SDG ernsthaft anwendet. Andererseits aber auch gar nicht, weil sie ja nicht bindend sind, man sie daher ignorieren und als Unternehmen trotzdem wie bisher weiterleben kann. Das ist das Problem, vor dem wir stehen. Dazu kommt, dass für jedes Unternehmen andere dieser vielen Ziele relevant sind. Mit 17 Zielen und 169 Unterzielen ist die Agenda 2030 ja eher unübersichtlich – rückblickend betrachtet ist das sicher nicht das ideale Ergebnis. Im Grunde sind die SDG ein Blueprint für eine perfekte Welt, aber eine perfekte Welt hat es noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Wir können nur versuchen, uns anzunähern und ein paar Dinge außer Streit zu stellen. Etwa, dass wir Ressourcen schonen müssen oder dass niemand hungern soll. Das führt in der Praxis dazu, dass jedes Unternehmen für sich Prioritäten setzen muss, denn es wird nicht mit allen 169 Unterzielen Berührungspunkte haben.

Hauke: Das Kerngeschäft der ganzen ARA wie auch der Austria Glas Recycling ist ein Beitrag zur Nachhaltigkeit, wir sammeln und verwerten Rohstoffe und Sekundärrohstoffe. Wir haben uns daher ganz intensiv mit den SDG beschäftigt und vergangenes Jahr rund 2.000 Stakeholder befragt, welche Ziele aus ihrer Sicht für uns relevant sein sollten. Daraufhin haben wir drei Sustainability Future Councils veranstaltet und schließlich sechs Ziele identifiziert und in der Austria Glass Agenda 2030 festgeschrieben. Letztlich ging es dabei um die Frage, wo die großen Herausforderungen in der Zukunft liegen.

Sind die SDG hinreichend bekannt?

Netek: Ich habe das Thema SDG einmal bei meinen Studierenden abgefragt, und die Erkenntnis war erschreckend: Absolut null Wissen. Wenn wir es nicht schaffen, die Agenda 2030 und auch deren Notwendigkeit kommunikativ umzusetzen, dann wird es sehr schwierig, alle Stakeholder mitzunehmen. Betrachtet man ein Unternehmen in seiner Ganzheit, muss man die SDG nicht nur in der Strategie, sondern auch in den Werten der Mitarbeiter verankern – sonst wird das nie umgesetzt – und in irgendeiner Form dokumentieren. Und gerade wenn Unternehmen stärker eingebunden werden sollen, bedarf es einer adäquaten Kommunikation seitens der Regierung, die für mich heute nicht ausreichend ist.

„Man kann Unternehmen nicht vorschreiben, sich mit den SDG zu beschäftigen. Es muss von ihnen selbst kommen.“

Harald Hauke
Austria Glas Recycling

Hauke: Österreich hat Anfang 2016 beschlossen, dass alle Ministerien die SDG in ihrem Wirkungsbereich eigenverantwortlich umsetzen sollen. Die Regierung wird aber erst 2020 ihre Maßnahmen bei den Vereinten Nationen präsentieren – und das ist weit in die Zukunft geschoben. Aktiv ist da seitens der Regierung noch nicht viel passiert. Dabei haben wir gute Erfahrungen gemacht, wenn wir proaktiv auf die Ministerien zugegangen sind, aber wie gesagt: Wir mussten hingehen und das einfordern. Viele Unternehmen haben von sich aus erkannt, dass es einen Vorteil bringen kann, sich mit den SDG zu beschäftigen und diese gesellschaftliche Dimension in die unternehmerische zu integrieren. Ich glaube gleichzeitig aber nicht, dass man vorschreiben kann, dass sich jetzt jedes Unternehmen mit den SDG zu beschäftigen hat. Das muss letztlich aus den Unternehmen selbst kommen.

Langthaler: Ihr Unternehmen ist da sicher eine positive Ausnahme, denn aus meiner Erfahrung sind die SDG noch nicht wirklich bei den Unternehmen angekommen. Natürlich braucht es Zeit, bis so ein Thema in die Unternehmen sickert, zumal diese ja andere Prioritäten haben als sich um die SDG zu kümmern. Andererseits haben wir auch nicht mehr sehr viel Zeit bis zum Zieldatum 2030, und wenn wir eine realistische Bestandsaufnahme machen, sehen wir, dass wir ohne Gegensteuern fast alle Ziele verfehlen werden. Und weil es ohne das massive Engagement von Unternehmen überhaupt nicht realistisch ist, die Ziele zu erreichen, muss die Agenda 2030 für Unternehmen relevant werden. Daher brauchen wir Maßnahmen seitens der Regierung, die diese Einbeziehung fördern. Es geht hier nicht darum, etwas vorzuschreiben, sondern vor allem darum, Win-Win-Situationen besser zu kommunizieren und die SDG so den Unternehmen schmackhaft zu machen. Ich würde mir auch wünschen, dass sich die Politik stärker engagiert und mit gutem Beispiel vorangeht. So könnte es einmal im Jahr einen eigenen Ministerrat geben, in dem jeder Minister berichtet, wie die SDG im Ressort verankert sind, wie sie umgesetzt werden und wie Unternehmen motiviert werden, deren positiven Aspekte zu erkennen.

Ist Motivation der Erfolgsfaktor?

Hauke: Vor mehr als 25 Jahren haben wir in Österreich erkannt, dass es nicht sinnvoll ist, Verpackungen wegzuwerfen, sondern dass jede Verpackung am Ende des Tages ein wertvoller Rohstoff ist. Man hat sich entschlossen, ein System aufzubauen, das die Verpackungen sammelt und verwertet.Wir haben heute 200 Sammelpartner, hundert Verwertungsunternehmen, Verträge mit hunderten Abfallverbänden und Gemeinden, 15.000 Kunden, die ihre Verpackungen lizensieren – und wir haben die Gesellschaft, acht Millionen Österreicher, die wir immer wieder überzeugen müssen, dass es wertvoll ist, Verpackungen zu sammeln. Das ist ein unglaublich komplexes System, weswegen für uns der Blick in die Zukunft wichtig ist, zu schauen, wohin die Reise geht. Aktuell ist Kunststoff ein Riesenthema. Und bei allen Themen ist es wichtig, die Wirtschaft und die Gesellschaft mitzunehmen, denn ohne Wirtschaft gibt es kein System und ohne Gesellschaft bringt auch das beste System nichts.

Langthaler: Ich bin unter anderem auch Mitinitiatorin des R20 Austrian World Summit, das von Beginn an Best Practice-Beispielen eine Bühne bieten wollte. Vergangenes Jahr haben wir im Vorfeld des Summit gemeinsam mit der Außenwirtschaft Austria und der Austrian Development Agency mit dem Post-Paris-Navigator ein Projekt gestartet, um Unternehmen dabei zu unterstützen, das Pariser Klimaschutzabkommen und die SDG besser kennen zu lernen und darin auch Geschäftschancen zu entdecken. Wir identifizieren erfolgreiche Vorhaben und versuchen dann herauszufinden, warum diese funktioniert haben. Dieser positive Zugang ist meiner Meinung nach entscheidend. Nicht zu sagen: „Es ist alles hoffnungslos!“, sondern: „Es gibt Lösungen von ganz tollen Unternehmen!“

„Wir glauben, mit nachhaltiger Mobilität einen Wettbewerbsvorteil erreichen zu können.“

Alf Netek
Kapsch Group

Netek: Kapsch ist ein Mobilitätsanbieter, der mit nachhaltigen Lösungen dazu beiträgt, in diesem Bereich die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Und wir sehen einen Wettbewerbsvorteil darin, nicht nur die ökonomische, sondern auch die ökologische und soziale Komponente von Mobilitätslösungen angemessen zu berücksichtigen. Für die Agenda 2030 ist ein Beitrag zur nachhaltigen Gestaltung von Mobilität sicher wesentlich, ich würde aber ein wenig früher ansetzen. Es geht hier nicht vordergründig um das Produkt, sondern um die Frage: „Inwieweit nutze ich Technologien zur Lösung der Probleme von Gegenwart und Zukunft?“ Es geht hier um Innovation, um Empowerment und Entrepreneurship und nicht zuletzt um die Verpflichtung, das Gute ständig durch das Bessere ersetzen zu wollen. Gerade im Mobilitätssegment haben wir viele Ansatzpunkte, mit Technologie einen Beitrag zur Verbesserung und zur Erreichung dieser Ziele zu leisten. Es gibt Mobilitätslösungen, die unterschiedliche Verkehrsmittel miteinander verbinden und für den Benutzer komfortabel sind, die sogar Spaß machen können.

Langthaler: Ich halte das Thema Innovation für ganz entscheidend. Wir werden die SDG realistischerweise nur erreichen können, wenn wir noch viele innovative Lösungen implementieren oder neue finden. Vor allem der Mobilitätsbereich ist wie angesprochen ein Riesenthema. In diesem Sektor haben wir nicht einmal ansatzweise eine Trendumkehr erreicht, ganz im Gegenteil. Das ist politisch ein so heißes Eisen, dass sich das niemand anzugreifen traut. Dabei gibt es bereits innovative Maßnahmen, die niemandem weh tun und eigentlich nur umgesetzt werden müssen. Hier geht es vielleicht um eine Umstellung, aber keinesfalls um Verzicht. Es war – und ist teilweise immer noch – der große Fehler der Ökologiebewegung, dass man ein katastrophales Bild der Welt gezeichnet und immer nur Verzicht gefordert hat. Allein, damit gewinnt man nicht die notwendigen Mehrheiten, um die SDG zu erreichen.

Wie kann man das Know-how der österreichischen Unternehmen weltweit für die SDG nutzen?

Hauke: Wir sind hauptsächlich am österreichischen Markt tätig, haben aber viel Kontakt zu internationalen Organisationen. Auf der einen Seite gilt unser Recyclingsystem in Europa als eines der erfolgreichsten, und wir haben entsprechend viele internationale Besucher. Andererseits glauben viele, dass es reicht, wenn man ein paar Container aufstellt und die Bevölkerung wird diese dann schon befüllen. Ein wichtiger Teil unseres Know-hows liegt bei der Umweltbildung, und das kann man gerade international nicht oft genug betonen. Nur zu sagen: „Macht das so wie in Österreich“, wird nicht funktionieren.

Langthaler: Ich bin stolz, dass Österreich in Katowice erstmals mit einem großen Länder-Pavillon auf einer Klimakonferenz vertreten war. Insgesamt stellten dort knapp 150 Unternehmensvertreter ihre Lösungen und Best Practice-Beispiele vor. Und hoffentlich machen sie auch gute Geschäfte und verkaufen ihre klimafreundlichen Technologien international. Solche Chancen müssen viel stärker genutzt werden. Es gibt ja genug Möglichkeiten, wir müssen nur die bestehenden Strukturen auch entsprechend nutzen.

Netek: Die Frage nach dem Beitrag österreichischer Unternehmen zu den SGD habe ich zuletzt gemeinsam mit Vertretern von Firmen wie Rosenbauer, Strabag und Doka auf der corporAID Konferenz im Kontext der weltweiten Stadtentwicklung diskutiert. Eine zentrale Aussage war, dass wir uns in Österreich unterhalb unserer Gewichtsklasse bewegen: Wenn wir in andere europäische Staaten wie Schweden oder die Niederlande schauen, wird klar, wie viel auch hierzulande mit einer fokussierteren Unterstützung der Entwicklungszusammenarbeit möglich wäre. Denn Kapsch kann Technik bereitstellen – und das tun wir, wie ich meine, sehr erfolgreich in Ländern wie Südafrika oder Chile, aber gerade im Mobilitätsbereich geht ohne funktionierende Strukturen vor Ort nicht viel. Hier ist die Entwicklungszusammenarbeit gefordert, wir als Unternehmen können das definitiv nicht.

Gibt es neue Wege, die sich den Unternehmen hier eröffnen?

Hauke: Ein Tipp, den ich aus der Erfahrung in unserem Unternehmen geben kann, ist: Haben Sie keine Angst, sich einfach auf die SDG einzulassen. Eine praktische Herausforderung sehe ich allerdings dabei, einen Beitrag des Unternehmens zu den SDG auch messbar zu machen. Heute muss schließlich alles irgendwie messbar sein. Dabei wäre das Leben manchmal einfacher, wenn man sich bewusst macht, dass es auch wichtige Ziele gibt, die einfach nicht messbar sind. Anders gesagt: Es geht nicht immer nur um Effizienz, sondern manchmal auch einfach um Signifikanz. Und daraus können sich wiederum messbare Ziele ergeben.

Netek: Hier handelt es sich nicht um: „Wenn etwas nicht messbar ist, zählt es nicht“. Ich halte es da lieber mit Galileo Galilei: „Messen, was messbar ist, und messbar machen, was noch nicht gemessen werden kann.“ Letztendlich geht es bei der ganzen Diskussion doch darum, eine positive Weiterentwicklung greifbar und sichtbar zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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DIE GESPRÄCHSTEILNEHMER

Alf Netek ist Chief Marketing Officer und Press Officer beim Technologiekonzern Kapsch Group. Außerdem unterrichtet Netek an tertiären Bildungsinstitutionen und ist Geschäftsführer des Kinderschuhherstellers Richter.

Monika Langthaler gründete im Jahr 2000 die Unternehmensberatung Brainbows - The Information Company und ist Mitinitiatorin der Non-Profit-Organisation R20 (Regions of Climate Action). Von 1990 bis 1999 war die Ökologin Abgeordnete der Grünen im Nationalrat.

Harald Hauke ist seit 2012 Geschäftsführer der Austria Glas Recycling und der ARAplus, beides Tochterunternehmen der ARA.

© corporAID Magazin Nr. 79
Das Gespräch moderierte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai M. Mitrea

 

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