Weinland Indien

Namaste Chenin Blanc & Cabernet!

12/2018 - Indischer Wein? Aktuell wird er bei uns weder getrunken noch besungen, weder nachgefragt noch vermisst. Warum auch, als Weinnation ist Indien nicht gerade bekannt. Doch am Subkontinent tut sich mehr, als hierzulande vielleicht wahrnehmbar ist.

Zum Thema:

Interview mit Sonal Holland, Master of Wine

Führend
Sula Vineyards ist Indiens größter Weinproduzent. Er verarbeitet Reben von 1.200 Hektar Fläche.

Seit gut 40 Jahren arbeitet Dietmar Kielnhofer in Hotels rund um den Erdball, derzeit leitet der Steirer das Fünf-Sterne-Hotel JW Marriott Mumbai Sahar an der indischen Westküste. In seinen vielen Auslandsjahren hat der passionierte Weinkenner Wein aus exotischen Anbauländern wie Simbabwe, China, England, der Türkei oder Japan verkostet. Kürzlich war Kielnhofer eingeladen, bei den India Wine Awards als Jurymitglied mitzuwirken. Diese von Sonal Holland (siehe Interview) im Vorjahr ins Leben gerufene Preisverleihung ist als Orientierungshilfe für indische Weintrinker gedacht.


India Wine Awards Orientierungshilfe
für Weingenießer

Sie soll wichtige Fragen zum Getränk, das in Indien laut Kielnhofer „zum Teil noch sehr respektvoll, ja fast ehrfürchtig behandelt“ wird, klären: Welche Weine sind im Land erhältlich, in welchen Preisklassen darf man welche Qualitäten erwarten, welche Restaurants bieten die besten Weinkarten – und, für den kulinarischen Genuss nicht unerheblich: Welche Weine sind ideale Begleiter zu beliebten lokalen Speisen wie Chicken Chettinaad und Dal Makhani?

Indiens Napa Valley Im Zuge der Awards verkostete Kielnhofer Sauvignon Blancs, Merlots und Cabernet Sauvignons, die „ganz hervorragend“ waren – und indischer Herkunft. „Nicht das, was man von indischem Wein erwartet, um ganz ehrlich zu sein“, so der Hoteldirektor über die erfreulichen Geschmackserlebnisse. Vor seinem beruflichen Engagement in Indien wusste er nicht, dass am Subkontinent überhaupt Weinbau betrieben wird. Und so geht es bis heute wohl den meisten österreichischen Weingenießern, denn in den „New World“-Regalen der großen heimischen Händler lagern zwar Flaschen aus Chile, Uruguay, Neuseeland oder Südafrika, aber Wein aus Indien? Fehlanzeige.


Dietmar Kielnhofer JW Marriott
Mumbai Sahar

Kielnhofer sitzt in Mumbai hingegen fast an der Quelle des indischen Weins, um genau zu sein, circa 180 Kilometer davon entfernt: Rund um die Stadt Nashik – wie Mumbai im Bundesstaat Maharashtra gelegen – sind mehr als 40 Weingüter zu finden. Hier, auf rund 800 Metern Seehöhe, wird ein Großteil des indischen Weins produziert, und hier hat vor einem Vierteljahrhundert auch die Erfolgsgeschichte von Sula Vineyards begonnen, dem mit Abstand bedeutendsten Weingut des Landes.

Sula wurde vom Unternehmer Rajeev Samant gegründet, der nach dem Studium in Kalifornien zurück in der Heimat nach einer Geschäftsmöglichkeit suchte. Und diese fand er in Nashik, wo seine Familie einige Hektar Land besaß, das, wie sich Samant gerne erinnert, damals völlig verwildert war: „Das Gras wuchs mannshoch, Kobras schlängelten sich am Boden, es gab weder Strom noch Straßen.“ Die Region war bereits ein wichtiges Anbaugebiet für Tafeltrauben, doch Samant wollte es mit Trauben für die Weinproduktion probieren. „In Nashik herrscht trockenes Klima mit wenigen Niederschlägen und großen Temperatur-unterschieden zwischen Tag und Nacht, also ideale klimatische Voraussetzungen für die Entwicklung charakterreifer Weine“, lobt Kielnhofer die lokalen Bedingungen.


Das Weingut Sula hat heuer 12 Mio. Flaschen Wein verkauft.

Samant definierte als Ziel, „einen guten, trinkbaren Wein zu machen, auf den man stolz sein kann und von dem man gern ein weiteres Glas ordert.“ Zwei Jahre dauerte es, bis er die Lizenz zur Weinproduktion bekam und mit einem kalifornischen Experten an der Seite loslegen konnte. Im Jahr 2000 ging Sula Vineyards mit 50.000 Flaschen Sauvignon Blanc und Chenin blanc auf den Markt. Für diese Kunden zu finden, gestaltete sich schwierig, denn die wenigen Weintrinker in Indien griffen bevorzugt zu französischen Labels. Der Jungwinzer hatte aber ein gutes Netzwerk von Freunden in Hotels und Restaurants, die ihm die ersten Flaschen abnahmen.

Heute produziert Sula jährlich rund zehn Mio. Flaschen Shiraz, Merlot, Sauvignon Blanc und Co. in verschiedenen Preis- und Qualitätsklassen. Der „Sula Dindori Reserve Viognier 2018“ erhielt bei den India Wine Awards jüngst die Auszeichnung „Bester Weißwein Indiens“. Sula hält in Indien einen Marktanteil von mehr als 60 Prozent und exportiert zunehmend auch in asiatische und europäische Länder sowie in die USA.

Ein Löfferl im Jahr Weintrinkende Inder sind bis heute eher die Ausnahme. Das Land hat sich unter britischer Kolonialherrschaft zu einer Spirituosen- und Bier-Nation entwickelt, ist beispielsweise weltgrößter Whiskykonsument. Für Alkoholhersteller ist Indien ein herausfordernder Markt: Jedes einzelne der 29 Bundesstaaten kontrolliert eigenständig seinen Alkoholmarkt in Bezug auf Lizenzierung, Produktion, Steuern, Einzelhandel, Trink-Mindestalter und Orte für den Konsum. Manche Regierungen verbieten Alkohol aus religiösen und kulturellen Gründen gänzlich oder schränken den Verkauf stark ein. Dennoch landet auch in Indien immer mehr Wein im Glas: „Vor 20 Jahren hat jeder Inder einen Teelöffel pro Jahr getrunken, heute ist es wohl ein Esslöffel“, schätzt Samant den Pro-Kopf-Weinkonsum seiner Landsleute ein.

Tatsächlich handelt es sich um eher hochkonzentrierten, elitären Genuss: Von den mehr als 1,3 Milliarden Indern trinken nur etwa drei Millionen Wein – im Schnitt kommt diese Gruppe auf rund sechs Liter pro Person und Jahr. Man findet sie vor allem in der urbanen, westlich orientierten Mittelschicht, bei den „Nouveaux riches“, wie Kielnhofer sagt, die in Mumbai, Delhi, Goa, Bangalore und Pune ihren Wein – gern glasweise – ordern. Die wohl versierteste unter Indiens Weinliebhabern ist die erwähnte Award-Gastgeberin Sonal Holland: Als „Master of Wine“ ist sie Trägerin des in der Weinwelt prestigereichsten Expertentitels, den sich weltweit nur 380 Personen auf ihre Visitenkarte schreiben können, in Indien ist Holland bislang die einzige. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Indiens Weg zur Weinkultur tatkräftig zu fördern. Holland veranstaltet nicht nur Preisverleihungen, sie gestaltet auch Youtube-Videos, gibt Kurse an der eigenen Weinakademie, berät und forscht.

Seit dem Vorjahr liefert sie mit dem „India Wine Insider“ eine Art Steckbrief der indischen Weintrinker: Demnach sind fast die Hälfte der Verbraucher Frauen, die in puncto Konsumhäufigkeit und Ausgabenbereitschaft den Männern in nichts nachstehen. Geschmacklich bevorzugen Inder Rotwein, von dem sie sich auch gesundheitliche Vorteile erwarten. Im Schnitt geben Indiens Weintrinker zwischen 20 und 25 Euro für eine Flasche Wein, die sie zu Hause konsumieren, aus. Für einen formellen Anlass sind auch rund 45 Euro pro Flasche drin.

Ausländische Weine gelten in Hinblick auf Verpackung, Qualität und Verschenkbarkeit den inländischen Erzeugnissen als überlegen. Preislich punktet die Heimat: Gute „Budget“-Weine aus Indien gibt es ab vier Euro die Flasche, für Importwein ist ein Mehrfaches zu zahlen. „Der Importzoll für Wein beträgt gegenwärtig 150 Prozent“ sagt Robert Luck, Wirtschaftsdelegierter in New Delhi, mit einer Änderung rechne er nicht so bald, „die indische Weinlobby wird daran interessiert sein, dass der Zoll in der nächsten Zeit nicht gesenkt wird.“

Näher am Wein Die rund neunzig kleineren und größeren Weingüter Indiens können zum Teil auch besucht werden: Weintourismus ist im Kommen. Sula-CEO Samant ist sicher, dass sein Weingut in Nashik mit rund 350.000 Besuchern einer der Orte auf der Welt ist, an dem die meisten Menschen zum ersten Mal im Leben Wein verkosten. Im Februar 2019 findet am Areal bereits zum zwölften Mal ein mehrtägiges Wein-Musik-Food-Festival statt. Ausflügler können in Luxus-Unterkünften übernachten und am Infinity-Pool mit Sula Seco Rosé anstoßen.


Zwischen Mumbai, Nashik und Pune liegt Indiens „Vinologisches Dreieck“ mit 80 Prozent aller Weingüter. In Nandi Hills bei Bangalore befindet sich das zweitgrößte Anbaugebiet (10 Prozent).

Auch andere Weingüter der Gegend wie York Winery, Chandon und Vallonné bieten Verkostungsräume, Restaurants und Unterkünfte. Im Allgemeinen, so Kielnhofer, darf der Besucher Positives erwarten: „Was die Kellertechnik betrifft, ist Indien auf dem modernsten Stand. Hier arbeiten sowohl europäische als auch indische Kellermeister, die ihr Metier in Europa, Australien und Kalifornien gelernt haben. Alles ist State-of-the-art.“ Dies gilt wohl auch für das ebenfalls in Maharashtra, nahe Pune gelegene 97 Hektar große Fratelli-Weingut. Das 2006 gestartete Gemeinschafts-projekt indischer und italienischer Brüderpaare – „Fratelli“ ist italienisch für „Brüder“ – zählt mit einer Jahresproduktion von zwei Millionen Flaschen Wein zu den größten Produzenten des Landes. Sauvignon Blanc, Merlot und Chenin Blanc der Brüder gelten auch qualitativ als führend.


Eifrige Reben Aufgrund des warmen Klimas könnten in Indien zwei Mal im Jahr Trauben geerntet werden. Qualitäts-winzer schneiden aber die Trauben einer Ernte frühzeitig weg.

Maharashtra ist aber nicht der einzige Bundesstaat mit Weinbau. Das südliche Karnataka – und speziell die Region Nandi Hills 45 Kilometer nördlich von Bangalore – ist Indiens zweitgrößtes Anbaugebiet. Hier befindet sich mit Grover auch das älteste noch bestehende Weingut des Landes. Bereits in den 1980er Jahren leistete man mit der Kultivierung französischer Trauben Pionierarbeit, später produzierte Grover Zampa den ersten Reservewein Indiens, schon lange gilt es als Premium-Weingut – die Jury der India Wine Awards kürte den „Grover Zampa Chêne Grand Réserve 2015“ zum besten Rotwein des Landes. Grover Zampa, hat auch in Nashik Weingärten.

Zu Indiens Top-Produzenten zählt außerdem KRSMA Estates, ein Liebhaberprojekt des Unternehmerpaars Krishna und Uma Chigurupati. Die beiden haben vor zehn Jahren nahe des UNESCO-Weltkulturerbes Hampi in Karnataka ein Boutique-Weingut aufgebaut – ihr Cabernet Sauvignon 2015 heimste heuer die Goldmedaille als bester indischer Super-Premium Wein ein.

Probieren Labels wie Grover Zampa, Fratelli und Sula exportieren ihre Weine in immer mehr Länder. Dietmar Kielnhofer empfiehlt, indischen Erzeugnissen eine Chance zu geben, er selbst war ja auch „positiv überrascht“, als er die ersten verkostete. Heute schätzt er einen gut gekühlten Sauvignon Blanc oder ein Glas Merlot aus Indien und ist überzeugt: „So wie Chile, Neuseeland oder Australien vor ein paar Jahren noch Wein-Neuland waren und sich mittlerweile am internationalen Markt etabliert haben, so wird auch Indien aufholen – und bald an der Spitze mitmischen“.

© corporAID Magazin Nr. 79

Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Sula Vineyards Wikimedia, Sonal Holland, Dietmar Kielnhofer, ShanuBoY_Flickr

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