Nachhaltige Lieferketten

Digitaler Durchblick

12/2018 - Transparenz lautet die neue Maxime beim Lieferkettenmanagement, digitale Technologien pushen den Trend. Wie ein weltweit aufgestellter Konzern den Weg dorthin geht, zeigt Mondi. Pionierarbeit im Einzelhandels­bereich leistet in Österreich die Handelskette Hofer.

Zum Thema:

Interview mit Tara Norton, BSR

Interview mit Lisa Smith, Prewave



Service für Konsumenten: Blockchain macht die Geschichte eines Produkts transparent.

Für praktisch jedes Unternehmen gehört die Anwendung hoher sozialer und ökologischer Standards zum nachhaltigen Management. Auch in der Mondi-Gruppe ist diese seit Jahren fixer Bestandteil der Unternehmensstrategie, sagt Beatrix Praeceptor, Chefeinkäuferin des österreichischen Papier- und Verpackungskonzerns. Daher spielt Nachhaltigkeit auch in der Beschaffung und im Umgang mit den Lieferanten eine Rolle. In der Praxis heißt das, wie Praeceptor erklärt, „dass es zur Aufgabe jedes Einkäufers gehört, sicherzustellen, dass, was immer wir sourcen – Produkte oder Dienstleistungen –, den Anforderungen entspricht, die wir uns als Produzent und Lieferant ebenso wie als Player in der Industrie auferlegen.“ Für das weltweit tätige Verpackungs- und Papierunternehmen mit rund hundert Werken und 40.000 Lieferanten keine leichte Aufgabe.

Digitale Lösungen helfen hier, den Durchblick zu wahren und Prozesse zu beschleunigen. Höchste Erwartungen setzt die Industrie zur Zeit in Blockchain, eine bahnbrechende Technologie zur unwiderruflichen Speicherung von Daten entlang einer digitalen Kette, wobei sämtliche Systemteilnehmer die Eingaben auch aller anderen überblicken und verifizieren können. Beatrix Praeceptor hat für ihren Bereich bei Mondi in Blockchain allerdings vorerst kein Anwendungsgebiet gefunden. Tatsächlich steckt die Technik noch in den Kinderschuhen, ist aufwändig in der Umsetzung und nicht frei von offenen Fragen. Als zentrales Problem erweist sich die Schnittstelle zwischen physischer und digitaler Welt.

Dennoch: Blockchain und Co. boomen, Pilotprojekte in den verschiedensten Sektoren schießen wie Pilze aus dem Boden und treiben die Entwicklung voran. Zu den ambitioniertesten Initiativen zählt Fishcoin, das von einer internationalen Expertenrunde vorangetrieben wird, um den Meeresfrüchtehandel rückverfolgbar zu machen und damit unlauteren Praktiken den Boden zu entziehen. Das Projekt wird unter anderem vom internationalen Nachhaltigkeits-Consultant Business for Social Responsibility BSR unterstützt. BSR-Managerin Tara Norton berichtete vor kurzem in Wien, dass zahlreiche Unternehmen zur Zeit testen, wie weit neue Techniken taugen um nachzuweisen, dass ihre Lieferketten frei sind von Zwangsarbeit, Menschenhandel oder Korruption (mehr im Interview).


Beatrix Praeceptor Chief Procurement Officer Mondi Group


Mondi kauft weltweit ein.

Go Tech Für Mondi ist die Digitalisierung aus dem Lieferkettenmanagement generell „nicht mehr wegzudenken, um die Komplexität und die Datenmengen zu managen“, sagt Praeceptor. Denn nachhaltige Beschaffung ist eine Tätigkeit, die über die Einforderung von Nachhaltigkeitszertifikaten bei den Lieferanten weit hinausgeht. Hand in Hand muss Risikovorsorge getroffen werden, damit Prozesse nicht stocken, wenn Lieferanten in Termin- oder Zahlungsschwierigkeiten geraten, ausfallen oder wegen Nichterfüllung von Standards ausscheiden. Und dies alles in einem Umfeld, in dem Wirtschaftlichkeitsaspekte zählen, die Märkte verschiedenen Dynamiken unterworfen sind, die Zeitfenster für den Einkauf kürzer und Gesetzesvorschriften neben gesellschaftlichen Erwartungen mehr werden. „Das Einprasseln von legalen Anforderungen überall auf der Welt ist eine der größten externen Herausforderungen für den Einkauf. Fast monatlich kommen neue Aspekte dazu. Hier up-to-date zu bleiben und zu schauen, wie man das abdeckt, erfordert hohen Einsatz und Flexibilität“, sagt Praeceptor.

Mondi betreibt sein Lieferantenmanagement wie viele andere Unternehmen auf Grundlage eines Code of Conduct, den die Lieferanten unterzeichnen und dessen Einhaltung überprüft wird. Derzeit wird das Lieferantenstammdaten-Management zentralisiert. „Damit können wir sicherstellen, dass alle neu hinzukommenden Lieferanten einen ordnungsgemäßen Zutrittsprozess durchlaufen, der zunehmend auch online angeboten werden soll.“ Zulieferer werden dann Zertifizierungen und andere relevante Daten bereits vorab kommunizieren, und Mondi profitiert von der Abwicklung eines schnellen und treffsicheren Auswahlverfahrens.

Zugleich arbeitet Praeceptor an der Verbesserung des Risikomanagements, um „durch höhere Transparenz gezielter reagieren zu können“. Das derzeitige System funktioniert noch excelbasiert, ist aber auch bereits mit Google- oder Versicherungsdatenbanken verbunden, die Lieferketten auf Ereignisse wie Unfälle oder Streiks screenen. Praeceptor: „Natürlich könnte ich zehn Leute abstellen, die permanent nichts anderes tun als zu schauen, ob sie irgendwo relevante Nachrichten finden. Aber wenn das ein Algorhythmus oder ein Robot macht, ist das effizienter, und mein Team kann sich damit beschäftigten, wie mit Risiken, die auftauchen, umgegangen werden kann.“ Derzeit testet sie ein Frühwarnsystem, die Trainings dazu sind angelaufen. Wenn es sich bewährt, soll das System in ein, zwei Jahren effizient und sicher ausgerollt werden, ob mit eigener Plattform oder mit einem externen Partner, ist noch offen.

An Anbietern fehlt es nicht, wie Praeceptor sagt. In Österreich macht das 2017 gegründete Start-up Prewave mit einer neuen Anwendung künstlicher Intelligenz zur Risikoerkennung und -vorhersage entlang der Lieferkette Schlagzeilen. Mit dem global ausgespannten Informationsdienst zu insgesamt acht Risikokategorien will Prewave laut Gründerin Lisa Smith „reaktives Nachhaltigkeitsmanagement proaktiv machen“ (mehr im Interview).

Produkte mit Story Als viel versprechendes Anwendungsgebiet für Blockchain erweist sich der Konsumgüterbereich, wo die Lieferketten vom Produzenten über Zwischenhändler, Großhändler, Logistikdienstleister, Einzelhändler bis hin zum Kunden zahlreiche Akteure einschließen können, wodurch leicht Grauzonen entstehen. Blockchain bringt Licht in das Geschehen, da es sämtliche Akteure über ein einheitliches Format in Echtzeit miteinander verbindet und zudem eine weitestgehend automatisierte Aufzeichnung des Prozesses ermöglicht. Die valide Rückverfolgung von Produkten, auf konventionellem Weg schwierig und langwierig, wird zur Sekundenangelegenheit. Konzerne wie Nestlé oder Carrefour haben sich auf Blockchain eingelassen. Weltmarktführer Walmart will die Technik als nächstes bei Frischobst und -gemüse breitflächig implementieren, um dadurch lebensmittelbedingte Krankheitsfälle rasch aufklären und Rückrufaktionen gezielt einleiten zu können, ohne Produzenten unnötig zu bestrafen.
Aus der Einbeziehung des Endverbrauchers in die Blockchain via QR-Code auf der Verpackung können Unternehmen weitere Vorteile ziehen: Dem britischen Modelabel Jarglaard ging es darum, die Wertschätzung des Käufers für das Produkt durch Nähe zu den Produzenten zu erhöhen, die niederländische Lebensmittelkette Albert Heijn will so das Konsumentenvertrauen in das Produkt stärken (siehe Text unten).

Eine Studie zu Anwendungsfällen und Potenzialen der Blockchain im Handel, die der Handelsverband mit dem Austrian Institute of Technology AIT und der Wirtschaftsauskunftei CRIF im April 2018 präsentierten, zeigte, dass österreichische Verbraucher gegenüber Blockchainanwendungen aufgeschlossen sind, ein Großteil kann sich die Nutzung einer entsprechenden App vorstellen. Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will wünscht daher, dass sich auch der heimische Handel an innovative Pilotprojekte heranwagt, um von der Entwicklung zu profitieren. Das neue Austrian Blockchain Center steht ab 2019 als wissenschaftlicher Partner zur Verfügung.


Hofer hat mit Check-the-product bei Produkttransparenz Pionierarbeit geleistet.

Vorläufer Mit dem Check-your-product Service hat die deutsche Kette Aldi Süd und ihre Österreichtochter Hofer die Transparenz-Bewegung im Handel quasi vorweggenommen – ganz ohne Blockchain. Der Service wurde 2014 eingeführt und funktioniert heute, datenbankbasiert, im Prinzip für Fisch, Fleisch, Eier und Soja. Zugang zu den Infos bietet ein Tracking-Code. Im Fall einer Packung Tiefkühlgarnelen kann man so erfahren, dass diese Meeresfrüchte aus Ecuador stammen, konkret aus der Region Guayas, dass sie semi-intensiv und biologisch im Teich gezüchtet und von der Firma Escal in Straßburg verarbeitet wurden. Alles in allem: Es muss nicht immer Blockchain sein, wenn weiterreichende Zielsetzungen fehlen, genügt eine herkömmliche Datenbank. Auch das ist ein Ergebnis der Studie des Handelsverbands.


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Technik: Brücke zum Hersteller

Blockchain-Pilot in der Modewelt

"Gestrickt für Martine Jarlgaard aus grauschiefriger und kamelfarbiger Alpakawolle von Two Rivers Mill,“ so lauteten die Erstinformationen zu einem Pulli der in London niedergelassenen Designerin, gefolgt von Berichten mit Fotos und Zeitstempeln zu jedem Schritt in der Lieferkette, eingegeben vom jeweiligen Bearbeiter. Die Information ist über einen QR-Code am Label erhältlich. Jarglaards wollte ihren Käuferinnen „ein Fenster in eine Welt öffnen, die bisher unbekannt und daher unbedeutend erschien“. Sie setzte das Pilotprojekt 2017 mit der britischen Blockchainfirma Project Provenance um.


Kontakt: Grüßen mit Like2Farmer

Blockchain-Tool für Frischeprodukte

Die niederländische Supermarktkette Albert Heijn und der Saft- und Frischgetränkeabfüller Refresco haben mit dem Rohstoffkonzern Louis Dreyfus in diesem Jahr Blockchain-Technologie in die Lieferkette von Albert Heijns Eigenmarke für Orangensaft eingeführt. Seit September 2018 können Kunden die gesamte Route des Produkts aktuell abrufen – und somit auch erfahren, mit welchen Standards an jeder Schnittstelle gearbeitet wird. Alfred Heijn-Verkaufsleiterin Marit von Egmond hält Transparenz in der Lieferkette für immer wichtiger, als nächstes Produkt sollen die Eier getrackt werden. Die Technologie wurde mit der niederländischen Firma Supply Chain Information Management SIM entwickelt.

© corporAID Magazin Nr. 79
Text: Ursula Weber
Bilder: IBM, Wood2m, BSR, Mihai M. Mitrea, Prewave, Hofer, Provenance, Heijn

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