Interview

Die Welt ist unsere Spielwiese

06/2018 - Das Familienunternehmen Teufelberger ist seit knapp 230 Jahren auf Seile spezialisiert. CEO Florian Teufelberger erklärt, wie das Welser Unternehmen zu einer globalen Firmengruppe wurde, warum auch Europa ein Wachstumsmarkt ist, und dass Seile auch nach 30.000 Jahren noch nicht das Ende ihrer Entwicklung erreicht haben.




Florian Teufelberger im Gespräch

corporAID: Welche drei Schlagworte verbinden Sie mit Globalisierung?

Teufelberger: Frieden, Chancen und Herausforderungen. Durch das Zusammenrücken der Welt hat das Bewusstsein, dass das Miteinander für alle wichtig ist, an Bedeutung gewonnen – und man kann sich Konflikte mit stark negativen Auswirkungen viel schwerer vorstellen. Globalisierung bedeutet Chancen und Herausforderungen für die wirtschaftliche Entwicklung: Mein Großvater hat 95 Prozent des Umsatzes in Österreich gemacht, und die restlichen fünf Prozent in „exotischen“ Gegenden wie München oder Bozen. Wir machen heute zehn Prozent des Umsatzes in Österreich und sind praktisch auf der ganzen Welt aktiv. Mein Großvater hatte aber auch nur fünf Wettbewerber in Österreich, während ich mich heute damit auseinander setzen muss, ob ein argentinischer oder indonesischer Mitbewerber für mich eine Chance oder eine Bedrohung darstellt.

Wie sehen Sie die österreichischen Rahmenbedingungen für ein international tätiges Unternehmen?

„Wir sind vor allem in Geschäftsfeldern tätig, wo wir weltweit schon unter den Top 3 sind oder mittelfristig dorthin kommen können.“

Florian Teufelberger

Teufelberger: Wir gehen von einer guten Ausgangslage aus, ich würde mir aber wünschen, dass sich vieles schneller zum Positiven verändert. Für mich ist Bildung das Thema, wo wir den größten Nachholbedarf haben. Denn die Weiterentwicklung des Bildungs-systems ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Österreich nachhaltig wettbewerbsfähig bleibt. Alles andere ergibt sich daraus. Wenn zu den Rahmenbedingungen auch die Mentalität der Österreicher zählt, sind wir hier in Oberösterreich jedenfalls mit weltoffenen, tatkräftigen und selbstbewussten Menschen sehr gut aufgestellt.

Wie beurteilen Sie die Wirtschaftslage?

Teufelberger: Die Großwetterlage ist gut, gleichzeitig sind Wolken am Horizont sichtbar, aber noch schwer zu interpretieren. Für uns gibt es gemischte Signale: Im wichtigen Bereich der Erdöl-Offshore-Förderung kommt gerade ein Aufschwung auf uns zu, während man in anderen Bereichen sieht, dass momentan eine neue Orientierung entsteht.

Wie darf man sich den Markt für Seile vorstellen?

Teufelberger: Er teilt sich in verschiedene Produkt-Markt-Kombinationen. Beispielsweise haben wir bei Yachtseilen ganz andere Wettbewerber und Kunden als bei Sicherheitsseilen: gleicher Rohstoff, ähnliche Herstellungsverfahren, aber von dort weg völlig unterschiedliche Marktdynamiken. Wir sind vor allem in Geschäftsfeldern tätig, wo wir weltweit schon unter den Top 3 sind oder mittelfristig dorthin kommen können. Manchmal braucht man auch viel Ausdauer, wie zum Beispiel im Fall von Stahlseilen für den Bergbau. Wir haben uns vor fünf Jahren entschieden, dort eine Rolle spielen zu wollen. Das ist eine sehr konservative Industrie, der Kunde testet ein neues Produkt oft länger als ein Jahr, bis er entscheidet, ob das Seil seinen Ansprüchen entspricht. Bei diesen Zyklen ist man ganz schnell bei einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren, bis man beurteilen kann, ob man erfolgreich ist oder nicht. Wir fertigen beispielsweise ganz bewusst keine Aufzugseile. Die großen Aufzughersteller haben ihre Lieferanten, die darauf spezialisiert sind. Mit den Maschinen, mit denen wir Kranseile produzieren, lassen sich Aufzugseile nicht effizient herstellen.

Wo liegen die Wachstumsmärkte von Teufelberger geografisch gesehen?

Teufelberger: Die Welt ist unsere Spielwiese: Rund ein Drittel unserer Umsätze erzielen wir außerhalb von Europa. Relativ hohe Bedeutung haben für uns die USA, mittlerweile kommen aber auch fast zehn Prozent des Umsatzes aus Asien. Ich rufe zudem immer wieder in Erinnerung, dass Europa nach wie vor ein Wachstums-markt ist, auch wenn wir dort schon zu Hause sind. Die Emerging Markets sind zwar wichtig und werden auch immer wichtiger, sie sind jedoch noch nicht unser zentrales Thema. Wir haben aber eine kleine Produktionsstätte in Thailand, wobei wir dort im Wesentlichen für Nordamerika und Europa fertigen.

Wie bearbeiten Sie diese Märkte?

Teufelberger: Jedes Land ist anders, weshalb es gilt, jeweils das richtige Segment zu identifizieren und den passenden Weg hinein zu finden. Letztlich sind unsere Produkte so spezifisch, dass wir vor Ort ganz selten jemanden finden, der in der Lage ist, uns wirklich zu vertreten. Wir arbeiten daher überwiegend mit eigenen Verkäufern, die die Welt bereisen und die Vorteile unserer Produkte vermitteln.

Müssen Familienunternehmen wachsen?

„Über Jahrtausende waren die Menschen gewohnt, dass man mehr nur haben konnte, wenn man anderen etwas wegnahm. Daher ist Wachsen kulturell negativ besetzt.“

Florian Teufelberger

Teufelberger: Wenn man als Unternehmen eine Zukunftsperspektive haben möchte, muss man Mitarbeiter begeistern können und ihnen die Möglichkeit bieten, sich weiterzuentwickeln. Das geht nur, wenn sich auch das Unternehmen weiterentwickelt. An Wachstum führt kein Weg vorbei, und das ist ja auch nichts Schlechtes. Wenn man nicht mehr wächst, muss man sich schon die Frage stellen, ob man als Unternehmen noch lebendig ist.

Warum wird Wachstum oft vor allem mit Kollateralschäden assoziiert?

Teufelberger: Mir hat diese Erklärung geholfen: Über Jahrtausende hat ein Hektar Land 400 Kilo Weizen produziert. Und erst in den vergangenen 300 Jahren ist es gelungen, durch produktivitätssteigernde Maßnahmen auf der gleichen Fläche mehr Getreide zu produzieren. Über Jahrtausende waren die Menschen gewohnt, dass man mehr nur haben konnte, wenn man anderen etwas wegnahm. Daher ist Wachsen kulturell negativ besetzt. Wenn ich mein Feld aber besser bestelle als im Jahr davor, kann ich wachsen, ohne dass ich jemandem etwas wegnehme. Ich muss es allerdings in einer Art und Weise machen, dass ich es in fünf oder zehn Jahren auch noch zu Wege bringen kann.

Was heißt das für Teufelberger?

Teufelberger: Ich muss sicherstellen, dass ich als Vertreter der siebenten Generation das Unternehmen so weiterentwickle, dass es bei der Übergabe an die achte Generation über eine gesunde Struktur und Zukunftsmöglichkeiten verfügt, dass ich das also nicht durch Verbrennen der eigenen Ressourcen erreiche und eine ausgewogene Balance zwischen kurzfristigem Erfolg und langfristigen Potentialen finde.

Sie haben vor kurzem einen italienischen Mitbewerber übernommen. Welches Risiko war damit verbunden? Familienunternehmen stehen allgemein eher für Risikoaversion, selbst auf Kosten von Wachstum.

Teufelberger: Dieses Dilemma gibt es. Das Bedürfnis nach Kontrolle ist sicherlich ein Begrenzungsfaktor, der es einem Familienunternehmen in gewissen Branchen erschwert, nachhaltig erfolgreich zu sein, weil dadurch notwendige Wachstumsschritte nicht gemacht werden. In unserem Fall hat es gut funktioniert. Wir haben zwei Standbeine, die wir nach wie vor zu 100 Prozent als Familie führen: Faserseile und Kunststoffextrusion. Für das dritte Standbein Stahlseile haben wir einen Partner gefunden, der es uns ermöglicht hat, einen Schritt zu machen, den wir aus eigener Kraft nicht geschafft hätten. Wir gehen den Weg gemeinsam über die nächsten zehn Jahre, das ist lange genug, um ein solches Projekt zum Erfolg zu führen und sich damit die Möglichkeit zu schaffen, die Anteile wieder zurück zu kaufen. Auf die Übernahme zu verzichten, hätte langfristig eine Gefährdung in unserer Entwicklung bedeutet, weil wir als Unternehmen zu klein geworden wären. Damit hätten wir die Selbstbestimmtheit irgendwann aufgeben müssen, und dies zu einem Zeitpunkt und zu Konditionen, die wir nicht selbst bestimmt hätten.

Wo liegen die Innovationsfelder bei Seilen?

„Man entwickelt Dinge, und oftmals braucht es eine Weile, bis jemand dafür auch die passende Anwendung entdeckt.“

Florian Teufelberger

Teufelberger: Innovation ist ein breiter Begriff, der von Handgriffen, die man anders macht, bis zu neuen Seiltypen reicht. Das Erschließen neuer Märkte kann ebenso ein innovativer Schritt sein wie die Art und Weise, wie man an Kunden herangeht. Wir haben Aggregate im Herstellungsprozess, die wir selbst entwickelt haben und die dem Seil Eigenschaften geben, die man nur mit unserer Methode erreichen kann. Wir arbeiten aber auch seit mehr als zehn Jahren an einem Seil, das das Stahlseil in bestimmten Kränen ersetzen soll und das bei gleichem Durchmesser und gleicher Tragkraft ein Vielfaches an Lebensdauer und ein Siebtel des Gewichtes hat und damit einfach eine neue Dimension des Seiles darstellen kann. Das Seil ist zwar seit 30.000 Jahren ein vom Menschen genutztes Werkzeug, aber noch lange nicht am Ende der Entwicklung.

Sie haben auch ein kompostierbares Seil für den Segelsport entwickelt.

Teufelberger: Wir haben Bootstauwerk entwickelt aus Fasern, die sich unter bestimmten Bedingungen kompostieren lassen. Aber nicht jede Idee ist auch eine Innovation – darüber entscheidet letztlich der Kunde. Wenn Sie ein Seil kaufen, um damit Ihr Schiff am Hafen festzubinden, dann ist das vorherrschende Problem-bewusstsein nicht, dass das Seil sich unter Einwirkung von Sonnenlicht, Luft und Wasser in seine Einzelbestandteile auflöst – es hat sich leider nicht als der Renner herausgestellt. Man entwickelt Dinge, und oftmals braucht es eine Weile, bis jemand dafür auch die passende Anwendung entdeckt. Für das kompostierbare Seil haben wir den Interessenten noch nicht gefunden.

Was macht ein Unternehmen zukunftsfähig?

Teufelberger: Menschen. Ein Unternehmen ist dann zukunftsfähig, wenn es in der Lage ist, Menschen zu gewinnen, die sich im Unternehmen engagieren und einbringen.

Welche Rolle spielen Werte? Wie hat sich das für Ihr Familienunternehmen geändert?

Teufelberger: Werte sind gelebte Selbstverständlichkeit: Wir haben natürlich festgeschriebene Werte, die auch kommuniziert werden, aber wirklich entscheidend ist, wie sie gelebt werden. Ganz oben steht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, und die kann ich nicht anordnen, die kann ich nur vorleben. Und ich denke nicht, dass wir vor 20 Jahren bewusst Dinge gemacht hätten, von denen wir heute sagen würden, das ist nicht nachhaltig. Das Bedürfnis, verantwortungsbewusst zu arbeiten und sicherzustellen, dass man mit seiner Umwelt, seinen Mitarbeitern, seinem Umfeld und seinen Kunden verantwortungsvoll umgeht, ist heute nicht anders. Was sich geändert hat ist, dass man stärker kommunizieren muss, was man eigentlich tut.

Wie internationalisieren Sie die Unternehmenswerte?

Teufelberger: Wir waren bis vor zehn Jahren im Wesentlichen ein österreichisches Unternehmen und sind nun laufend damit beschäftigt, Systeme zu implementieren, die dem Umstand Rechnung tragen, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der Mitarbeiter nicht mehr in Österreich tätig ist. Im Zuge der Übernahme des italienischen Unternehmens haben wir uns sehr intensiv mit der Frage der kulturellen Annäherung auseinandergesetzt und haben das unter professioneller Begleitung mit viel Energie und Zeit bearbeitet. Wir haben seit Anfang des Jahres eine Stelle für internationale Human Resources, um hier auch einen globalen Blick zu erhalten. Es ist Teil eines Reifeprozesses zu erkennen, dass man sich diesen Themen nicht mehr nur im unmittelbaren Umfeld widmet, sondern dass wir langfristig auch die Frage beantworten können müssen, wie unsere Werte in Thailand aussehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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ZUR PERSON

Florian Teufelberger hat 2004 die Leitung des Welser Seilherstellers Teufelberger Holding AG von seinem Vater übernommen. Der 48-jährige Unternehmer studierte Wirtschaftswissenschaften in Wien und Paris und war unter anderem in der internationalen Strategieberatung sowie beim Schweizer Wägesystem-Hersteller Mettler-Toledo tätig, bevor er 2001 in siebter Generation ins Familienunternehmen einstieg.

ZUM UNTERNEHMEN

Welser Seilspezialist auf Expansionskurs


Breites Portfolio Vom Kletter- bis zum Gondel-Zugseil

Das Unternehmen Teufelberger wurde 1790 als Hanfseilerei durch Jakob Teufelberger in Bad Wimsbach, Oberösterreich, gegründet. Der einstige Ein-Mann-Betrieb ist heute eine international tätige Firmengruppe mit 1.300 Mitarbeitern und Betriebsstätten in Österreich, Tschechien, Schweden, Italien, den USA, China und Thailand. Das in siebter Generation von Florian Teufelberger geführte Familienunternehmen entwickelt und produziert Stahlseile etwa für Seilbahnen, Krane und Bohranwendungen, Faserseile für den Segelsport, den Rettungs- und Forstbereich sowie Kunststoff-Umreifungsbänder zur Transportsicherung. Zur Stärkung der Stahlseilsparte hat Teufelberger 2017 den italienischen Traditionsbetrieb Redaelli Tecna übernommen – der bisher größte Expansionsschritt in der 228-jährigen Firmengeschichte. 2017 erzielte das in Wels ansässige Unternehmen – gemeinsam mit Redaelli – einen Umsatz von 230 Mio. Euro, rund 90 Prozent davon im Ausland.


© corporAID Magazin Nr. 76
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Julia Weninger

 

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