Leitartikel

Hohlworte

06/2018 - von Christoph Eder


Christoph Eder
Chefredakteur

Wer der österreichischen oder auch europäischen Politik nur halbwegs aufmerksam folgt, stößt häufig auf Schlagwörter wie Innovation oder Digitalisierung, die so richtig wichtig seien und daher von ebendieser Politik ganz dringend befördert werden müssen. Der wirtschaftsliberale Publizist Wolf Lotter nannte diese Begriffe unlängst bei einem Vortrag in Wien Hohlworte, weil es so trefflich möglich ist, über sie zu reden und – noch besser – sich zu ihnen zu bekennen, dabei aber konsequent der Frage aus dem Weg zu gehen, was diese Dinge eigentlich bedeuten. Sozialunternehmen und Start-ups teilen dieses Schicksal. Auch die findet die Politik super und bekennt sich quasi selbstverständlich und über alle Weltanschauungen hinweg zu ihrer Förderung. Leider kann auch hier niemand genau sagen, was ein Sozialunternehmen oder ein Start-up wirklich ausmacht.

Dabei ist es mehr als wünschenswert, wenn gesellschaftliche Probleme auf unternehmerische Weise gelöst werden. Klar ist auch, dass es nicht einfach ist, ein Unternehmen zu gründen und damit erfolgreich zu wachsen – obwohl das ebenfalls in vielerlei Hinsicht wünschenswert wäre. Und selbstverständlich ist Innovation ebenso für jede Organisation eine stetige Herausforderung wie Digitalisierung ein Phänomen ist, das vom Weltkonzern bis zum Einzelnen wirklich jeden betrifft und zukünftig noch stärker betreffen wird. Und natürlich sind bei all diesen Themen auch die Politik und die öffentliche Verwaltung gefordert.

In der Praxis sind beispielsweise Strategien ein probates Mittel zur Begleitung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. In Österreich stehen wir hier vor zwei spezifischen Herausforderungen: Zum einen tun wir uns mit Strategien ohnehin schon nicht leicht – obwohl es eine Menge davon gibt. Dazu kommt, dass die Politik gerne Fördertöpfe befüllt und mitunter neue Institutionen schafft, aber die Phänomene, die diese adressieren sollen, nicht immer zu Ende denkt.

Weil das so ist, können wir in der Realität einen spannenden Effekt beobachten: Die Begriffe irrlichtern mittlerweile überall herum. Beispielsweise sind Außenwirtschaft ohne Innovation und Nachhaltigkeit ohne Digitalisierung praktisch nicht mehr anzutreffen. Und selbst für die globale Entwicklung – wo Österreich an sich eher selten vorne mit dabei ist – scheinen Start-ups mittlerweile so etwas wie der heilige Gral zu sein, insbesondere dann, wenn sie auch noch sozial, innovativ und digital sind.

Die Politik verliert beim geschäftigen Jonglieren mit diesen Begriffen ein wenig ihre eigentliche Aufgabe aus dem Blick: Ökosysteme zu schaffen, in denen Menschen und Unternehmen ohne Angst vor der Zukunft mit Veränderungen umgehen und diese auch gestalten können. Und sie läuft Gefahr, dass die politische Strategie dabei selbst zum Hohlwort wird.

© corporAID Magazin Nr. 76

 

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