Interview

Besser vor Ort

06/2018 - Außenwirtschaft Austria-Chef Michael Otter ist überzeugt, dass afrikanische Märkte für heimische Unternehmen große Chancen bieten. Für die Kooperation mit der Entwicklungszusammenarbeit nimmt er sich die nordischen Staaten zum Vorbild.


Michael Otter 49, leitet seit 2017 die Außenwirtschaft Austria der Wirtschaftskammer Österreich mit 800 Mitarbeitern und 110 Stützpunkten weltweit. Der Absolvent der Handelswissenschaften war zunächst in der Unternehmensberatung in den Niederlanden tätig. 1998 wechselte der Steirer zur Außenwirtschaft der WKO und betreute als Wirtschaftsdelegierter die Stützpunkte Abu Dhabi, New York, Seoul und Tokio.

corporAID: Sind Sie mit der heimischen Außenwirtschaft zufrieden?

Otter: Österreich hat 2017 mit einem Exportwachstum von acht Prozent gegenüber 2016 wieder einen neuen Exportrekord aufgestellt. Das Wachstum verteilt sich dabei enorm breit. Fast mit allen Regionen der Welt verzeichnet unser Außenhandel Zuwächse. Ausnahmen bilden Nordafrika sowie Saudi Arabien und Katar im Nahen Osten, was mit der politischen Lage in diesen Ländern zu tun hat. Besonders positiv hat sich Südostasien entwickelt. Auch einzelne Länder in Südamerika und Westafrika verzeichnen enorme Zuwächse, wobei wir dort teilweise sehr niedrige Ausgangswerte haben. Mir ist wichtig zu betonen, dass hinter diesen Erfolgszahlen konkrete Unternehmen stehen, die mutig in neue und schwierige Märkte investieren und dabei mit ihren Mitarbeitern eine unglaubliche Knochenarbeit leisten.

Gibt es interessante Märkte, die unterschätzt werden?

Otter: Wir sind überzeugt, dass wir gerade die afrikanischen Märkte verstärkt bearbeiten sollten. Insgesamt hat sich die politische Stabilität dort deutlich verbessert, die Wirtschaftspolitik hat an Qualität gewonnen und auch die Finanzindikatoren zeigen nach oben. Aber nur rund ein Prozent der österreichischen Exporte gehen in die mehr als 50 afrikanischen Länder. Die heimischen Exporte in diese Region haben sich seit 1995 zwar fast verdoppelt, sie entsprechen mit 1,6 Milliarden Euro aber nur unseren Exporten nach Schweden. Dabei hat Afrika mehr als eine Milliarde Ein-wohner. 80 Prozent der österreichischen Exporte nach Afrika verteilen sich heute noch auf nur sieben Staaten. Die Chancen liegen für die österreichischen Betriebe insbesondere in den Bereichen Infrastruktur, Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, Gesundheit oder Ausbildung im Tourismus. Vor allem Ostafrika ist meines Erachtens im Kommen.

Wo setzen Sie an, um heimische Unternehmen vermehrt nach Afrika zu bringen?

„Wir sind überzeugt, dass wir gerade die afrikanischen Märkte verstärkt bearbeiten sollten.“

Michael Otter

Otter: Die allgemeinen Daten zum Wirtschaftswachstum in Ruanda helfen Unternehmen nicht weiter. Sie interessiert, wo die konkreten Chancen für ihr Business liegen. Und auch um Aufwand und Kosten abschätzen zu können, brauchen sie Information. Da können wir helfen. Bei einem weiteren wichtigen Erfolgsfaktor für schwierige Märkte können wir eher nur begleiten als direkt unterstützen, nämlich bei der Geduld und Ausdauer, die man aufbringen muss, um langfristig ins Geschäft zu kommen. Was wir konkret machen, ist die Pflege der Netzwerke vor Ort: die Geschäftsleute, die Projekte, die Entscheider in den lokalen Institutionen, die etablierten Unternehmen und die Start-ups, die Politiker und oft auch die zumeist chinesischen General-unternehmer. Je stärker die Vor-Ort-Präsenz ist, desto bessere Netzwerke hat man, desto mehr Chancen erkennt man und desto besser kommt man ins Projektgeschäft. Das können wir vor allem dann zur Geltung bringen, wenn wir mit Mitarbeitern direkt vor Ort vertreten sind. Wir können aber nicht in jedem Land ein Außenwirtschaftscenter unterhalten. Daher arbeiten wir mit agilen Netzwerken, die wir über Kooperationen mit ausgewählten Personen und Institutionen bilden. In Ruanda haben wir uns mit einem Start-up zusammengetan, wir arbeiten mit verschiedenen Büros der österreichischen Entwicklungsagentur ADA zusammen, wir gehen aber natürlich auch mit anderen europäischen Ländern Kooperationen ein, um möglichst überall on the ground zu sein.

Müsste in Afrika die Unterstützung nicht über das reine Unternehmensservice hinausgehen?

„Die Unternehmen interessiert, wo die konkreten
Chancen in ihrem Business liegen.“

Michael Otter

Otter: Da haben Sie recht. Gerade in Afrika geht es auch darum, einzelne Themen wie klimaeffizientes Bauen oder Energielösungen in ausgewählten Regionen voranzutreiben. Wir haben dafür eine Grundsatzstrategie, die auf vier Pfeilern aufbaut. Der erste Pfeiler ist die politische Türöffner-Funktion, die darin besteht, das Thema am Markt, in der Politik und bei Verbänden zu platzieren und ein Bewusstsein für die damit verbundenen Chancen zu schaffen. Da hilft es auch schon, mögliche Finanzierungsinstrumente abzustimmen, die für die Entwicklung des Themas in Frage kommen. Der zweite Pfeiler ist die Marktöffner-Funktion. Wenn die lokale Regierung an Maßnahmen des energieeffizienten Bauens Interesse findet, dann müssen wir Unternehmen heranführen, Machbarkeitsstudien aufsetzen und zum Projektgeschäft überleiten. Dritter Pfeiler ist die Ausbildung. Wir möchten in Afrika Ansätze der dualen Ausbildung vorantreiben, wobei wir hier am Anfang stehen und für diese Aufgabe stark auf Partner wie ICEP setzen. Da gehen wir also in die Entwicklungsarbeit, und zwar aus der Überzeugung, dass es den Unternehmen wirklich weiterhilft. Der vierte Pfeiler ist Innovation und zielt darauf ab, neue Konzepte, Geschäftsmodelle und technologische Ideen nach Österreich zu bringen. Wir hatten vor kurzem einen Workshop mit Experten der Universität Stanford und einem Dutzend österreichischer Unternehmen, der gerade auch dank der Vernetzung der Firmen untereinander sehr vielversprechend verlief und aus dem sicherlich das eine oder andere Produkt hervorgehen wird. Das Gleiche machen wir mit der ETH Zürich oder mit der Universität Shanghai, und das möchten wir zukünftig auch in Afrika umsetzen. Von der Start-up-Szene in Nairobi etwa können unsere Unternehmen einiges lernen.

Wie sehen Sie das Thema frugale Innovation im Zusammenhang mit Emerging Markets?

Otter: Die Unternehmen tun sich zumeist schwer damit, Innovation frugal anzulegen. Sie sind technologiegetrieben und denken eher in Kategorien von höher, besser, weiter. Daher halte ich es für einen vielversprechenden Ansatz, Lösungen für Probleme in diesen Ländern in Partnerschaft mit lokalen Stellen zu erarbeiten. Aus dieser gemeinsamen Herangehensweise können dann frugale Innovationen entstehen. Ein Beispiel: Unser Wirtschaftsdelegierter ist angesichts der Wasserkrise in Kapstadt zur Stadtverwaltung gegangen und hat eine Agri-Water Innovation-Challenge vorgeschlagen. Diese ist auf den Vorschlag eingegangen, wollte aber Technologien und Dienstleistungen, die für sie passen und lokal anwendbar sind. Wir haben das in Österreich ausgeschrieben, und die Stadtverwaltung von Kapstadt hat unter 50 Einreichungen zwölf Unternehmen ausgewählt, deren Vorschläge sie präsentiert bekommen wollte. Das Grazer Start-up Fluvicon steht nun kurz vor einem beachtlichen Geschäftsabschluss.

Wie funktioniert die Kooperation mit der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit?

„Wir brauchen in Österreich eine deutlich stärkere und auch professionellere Entwicklungs-
zusammenarbeit.“

Michael Otter

Otter: Die Kooperationen, die wir mit fünf Büros der ADA in Entwicklungsländern eingegangen sind, sind schöne Vorzeigeprojekte und geben die Richtung vor: Wir müssen viel mehr kooperieren. Wir diskutieren und setzen uns auch regelmäßig mit der ADA zusammen um zu überlegen, wie man unsere außenwirtschaftliche und deren entwicklungspolitische Agenda besser verzahnen kann. Die nordischen Staaten zeigen uns ja, dass diese Verzahnung praktisch zum wechselseitigen Nutzen funktioniert. Der Blick nach Dänemark oder in die Niederlande zeigt aber auch, dass es dazu eine entsprechend gut aufgestellte staatliche Entwicklungszusammenarbeit braucht. Hier fehlt uns in Österreich noch Einiges, und ich meine nicht nur die finanziellen, sondern ganz ausdrücklich auch die personellen Ressourcen und vor allem eine echte strategische Ausrichtung. Wir sind im gemeinsamen Grundverständnis weitergekommen, nämlich, dass Wirtschaft und Entwicklung zusammengehören. Wir sind auf der operativen Ebene bei den Auslandsbüros weitergekommen. Ich halte auch das Instrument der Wirtschaftspartnerschaften für sehr hilfreich. Wir brauchen in Österreich aber eine deutlich stärkere und auch professionellere Entwicklungszusammenarbeit, um die Potenziale auszuschöpfen, die in der Kooperation mit österreichischen Unternehmen für die globale Entwicklung liegen.

Danke für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 76
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Foto: Mihai Mitrea

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