Speiseinsekten

Superfood mit Imageproblem

05/2018 - In vielen Erdteilen sind Raupen, Käfer und Heuschrecken gängige Nahrungsmittel. Dank der neuen EU-„Novel Food“-Verordnung werden Insekten vermehrt auch auf dem europäischen Markt angeboten. Ob sie populär werden, ist wohl nicht nur eine Frage kulinarischer Aufgeschlossenheit, sondern auch eine des Preises.

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Interview mit Massimo Reverberi, Bugsolutely

Fleischbällchen mit Kartoffelpüree, brauner Sauce und Preiselbeeren: Für viele Menschen ist dies der kulinarische Fixpunkt eines IKEA-Möbelhausbesuchs. Rund zwei Millionen „Köttbullar“ werden jeden Tag weltweit verkauft, eine Speise, die zur Ikone geworden ist. Doch der schwedische Konzern entwickelt sein Essensangebot stetig weiter. Dieses soll künftig besonders gesund, geschmackvoll und nachhaltig sein. Vor kurzem hat Ikeas Forschungspartner Space10 einige Neuinterpretationen für gängige Snacks präsentiert. Pflanzliche Zutaten wie Wurzelgemüse und Mikroalgen finden sich darin, aber auch für europäische Gaumen besonders Gewöhnungsbedürftiges: die Köttbullar und Burger-laibchen der Zukunft werden nämlich mit Mehlwürmern, genauer gesagt mit den Larven eines Schwarzkäfers, angereichert. Noch lassen sich die neuen Kreationen nur im Testlabor verkosten, ein Einzug in die Restaurants des schwedischen Möbelhauses steht vorerst nicht an.


70 Hausgrillen („Heimchen“) verarbeitet Finnlands Bäckerei-Kette Fazer in einen Laib „Sirkkaleipä“.

Die Grille im Riegel Entomophagie – der Verzehr von Insekten – ist in Europa noch eine Randerscheinung. Doch Speiseinsekten finden sich immer öfter in den Regalen konventioneller Händler. Zu den Pionieren gehört die Schweizer Handelskette Coop, die seit Sommer 2017 Mehlwurmburger und -bällchen sowie Grillen-Riegel verkauft.

Der finnische Lebensmittelkonzern Fazer führt in seinen Bäckereien seit November 2017 Brot mit Grillenmehl, der deutsche Handelsriese Metro bietet wiederum seit März in der Düsseldorfer Zentrale testweise Spätzle und Tagliatelle mit Mehl aus gemahlenen Buffalowürmern an. Ihre neuen kulinarischen Angebote kommentieren die Unternehmen mit: „Wir wollen an vorderster Front der Nahrungsmittelrevolution stehen“ (Fazer) oder: „Wir gestalten die Zukunft mit“ (Coop).

Österreichische Händler halten sich hingegen noch zurück. „Dazu ist die Abneigung der Österreicher gegen das Krabbelgetier zu groß“, meint Spar-Sprecherin Nicole Berkmann, bei Hofer heißt es: „Wir beobachten die Ernährungstrends und Entwicklungen in diesem Bereich sehr genau“, bei Rewe Österreich gibt es derzeit „keine konkreten Pläne, insektenhaltige Nahrungsmittel ins Sortiment aufzunehmen“.

Neuer Markt Insekten gelten gemeinhin als Proteinquelle der Zukunft. Die Welternährungsorganisation FAO veröffentlichte schon vor fünf Jahren einen umfangreichen Report, in dem sie angesichts der stetig wachsenden Weltbevölkerung zum Essen von Insekten aufruft. Es sei ökologisch sinnvoll, denn im Vergleich mit der Fleischproduktion sei der Verbrauch von Wasser, Energie und Ackerfläche bei der Insektenzucht deutlich geringer. Darüber hinaus seien Insekten meist reich an hochwertigen Proteinen und guten Fetten, an Magnesium, Eisen und Zink – und sie lassen sich ohne Zusatz von Chemikalien, Hormonen oder Antibiotika züchten.




Die Produktion von Insektenprotein ist für Umwelt und Klima deutlich schonender als die Herstellung von klassischem Fleisch. Und Massentierhaltung ist sogar artgerecht.

Bei mehr als zwei Milliarden Menschen von Südamerika bis Asien stehen Käfer, Raupen, Bienen und Co ohnehin auf dem Speiseplan, lautet ein gängiges Argument von Entomophagie-Anhängern. Marktstudien gehen davon aus, dass die Fangemeinde nun auch in westlichen Ländern größer werden wird und damit ein dynamischer Geschäftszweig entsteht: Der globale Markt für essbare Insekten soll laut den im März veröffentlichten Prognosen des Branchen-analysten Meticulous Research ab 2018 jährlich um fast 24 Prozent zulegen und 2023 ein Volumen von nahezu 1,2 Mrd. Dollar erreichen. Wachstumstreiber seien vor allem Konsumenten in den USA und Kanada.


Gaumenfreuden rund um „Grillen, Heu-schrecken und Co“, AT Verlag 2016, EUR 30,80

Die gesetzlichen Grundlagen für den Verkauf von Speiseinsekten sind recht unterschiedlich: In Entwicklungs- und Schwellenländern gelten sie meist als traditionelle lokale Spezialität, die unverpackt auf Märkten verkauft werden darf – sie sind also mehr akzeptiert denn reguliert. In englischsprachigen Ländern wie USA, Kanada oder Australien sind Import und Verkauf von für den menschlichen Konsum gezüchteten Insekten grundsätzlich erlaubt. In der EU entschied bis vor kurzem jedes Mitgliedsland selbst, ob Insekten einer Zulassungspflicht unterliegen. Großbritannien, die Niederlande, Belgien, Finnland, Dänemark und auch der Nicht-EU-Staat Schweiz haben bestimmte Arten bereits zugelassen. In Österreich werden seit einigen Jahren ganze, gezüchtete Insekten als Lebensmittel toleriert, und das Gesundheitsministerium hat im Vorjahr dazu Leitlinien für Anbieter veröffentlicht.

Seit Jänner 2018 gibt es dank einer neuen Verordnung nun einen kräftigen Harmonisierungsschub im EU-Raum: Insekten gelten seither als „Novel Food“ – das sind neuartige Lebensmittel, die vor dem Stichtag 15. Mai 1997 in keinem nennenswerten Umfang in der EU verzehrt wurden. Ihre Sicherheit muss aufgrund fehlender Erfahrungswerte vor einem Inverkehrbringen erst belegt werden. Für die Zulassung ist nur noch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zuständig. Gibt sie für eine bestimmte Insektenart grünes Licht, gilt das Okay für den gesamten EU-Raum. Zu den ersten Kandidaten gehören Mehlwürmer und Grillen, beides im Übrigen Insekten, die aufgrund ihrer relativ einfachen Zucht und ihres neutralen Geschmacks als „Einstiegs“-Tierchen gelten. Unternehmen, die bereits vor 2018 Insekten in Europa verkauft haben, dürfen dies während einer Übergangsphase weiterhin tun.


Seit April bei Rewe Süd in Deutschland erhältlich: der Bux Burger aus zermahlenem Buffalowurm – das ist die Larve des Getreideschimmelkäfers.

Vorbehalte Trotz der gesundheitlichen und ökologischen Vorzüge wird es wohl einiges an PR brauchen, um den Durchschnitts-europäer von insektenbasierter Nahrung zu überzeugen. Massimo Reverberi, Produzent einer Cricket-Pasta – neben Weizen enthält diese zu 20 Prozent pulverisierte Grille – bittet im Gespräch mit corporAID (siehe Interview), „im Artikel keine Menschen zu zeigen, die in eine ganze Heuschrecke beißen. Solche Horrorbilder verängstigen nur.“ Denn während man zwar in China, Südostasien oder Mexiko Insekten tendenziell auf Straßenmärkten und in Restauraunts gerne im Ganzen isst, gehe der Trend im Westen eher zu verarbeitetem Kleingetier: „Früher wurden Insekten nur als Ganzes verkauft, später etwa mit Schokolade überzogen. Dann kamen Cookies und Chips, in denen sich nur noch kleine Stücke fanden – und jetzt werden Insekten häufig zu feinem Mehl verarbeitet“, erklärt Reverberi. Es seien vorwiegend westliche Produzenten, die an nahezu neutralen Darreichungsformen tüfteln. Und so lässt sich Insektenprotein heute als geschmacklich fast unauffällige Zutat von Teigwaren, Fitnessriegeln, Cracker, Dips und Saucen genießen – auch die anfangs erwähnten Pionierhändler setzen alle auf‘s dezent verpackte Insekt.


Nicht Billig Acht Gramm Heu-schrecken kosten beim österreichischen Anbieter Zirp 7,90 Euro.

Allerdings: Für das kleine Geldbörserl sind Wurm & Grille heute eher nichts. Bei Metro kosten beispielsweise 250 Gramm Wurm-Nudeln 5,99 Euro, beim Wiener Händler Zirp gibt es acht Gramm Heuschrecken um 7,90 Euro und 90 Gramm Tomatenpesto mit Buffalowurm um 8,50 Euro. Dabei ist gerade in verarbeiteten Produkten der Insektenanteil mit zehn bis 20 Prozent oft gar nicht besonders hoch: „Das ist mehr eine Kosten- denn eine Geschmacksfrage“, sagt Reverberi. Die meisten Zuchtfarmen sind eher klein und kaum automatisiert, Insektenzucht ist daher relativ teuer. Viele der in Europa konsumierten Speiseinsekten stammen übrigens aus einem Betrieb in Holland, der aufgrund der erwarteten steigenden Nachfrage aktuell stark in den Ausbau der Buffalowurm-Zucht investiert. Dank der „Novel Food“-Regelung werden wohl auch neue Insektenfarmen aufmachen, in Finnland sollen schon die ersten Landwirte den Umstieg von Schwein auf Hausgrille überlegen.

Speziell für Entwicklungs- und Schwellenländer könnten sich hier ebenfalls Businesschancen ergeben – allein schon deswegen, weil Insekten für ein starkes Wachstum warme Temperaturen benötigen. Und aufgrund des vorhandenen Know-hows: China hat beispielsweise viel Expertise in der Raupenzucht für die Seidenherstellung, und Seidenraupen würden sich auch für den menschlichen Verzehr gut eignen. In Malaysia und Indonesien gibt es wenige, aber professionelle Insektenfarmen, die ebenfalls mehr Angebot schaffen könnten.

Der Italiener Reverberi hat seine Pasta-Firma Bugsolutely in Thailand gegründet, weil dort die Produktionskosten für Grillenzucht deutlich niedriger seien als im Westen. „Ein Kilo Grillenmehl kostet in den USA im Großhandel 50 Dollar, in Europa zwei Mal mehr – und in Thailand weniger als 25 Dollar“, so Reverberi. Die fast 20.000 registrierten Grillenfarmer in Thailand züchten rund 7.500 Tonnen Insekten im Jahr, und laufend entdecken neue Start-ups und Investoren die Sparte für sich. Das thailändische Landwirtschaftsministerium will die Zucht- und Verarbeitungsbetriebe professionalisieren und hat erst kürzlich als erstes Land Leitlinien für die Grillenzucht herausgegeben, die durch Trainingsprogramme bereits implementiert werden. Das Ziel: die Grille als neues Exportprodukt für westliche Märkte zu positionieren.


Industrielle Larvenzucht: AgriProtein will 200 Fabriken eröffnen – in Kooperation mit Christof Industries aus Österreich. Die Partner sind überzeugt: Larvenmehl ist eine ideale Alternative zu Fischmehl. Bei Fischfutter handelt es sich übrigens um einen 100 Mrd. Dollar-Markt.

Ökofreundliches Futter Auch „indirekt“ könnten Menschen künftig mehr Insekten zu sich nehmen, beispielsweise, wenn sie Zuchtfisch essen. Seit Juli 2017 ist in der EU insektenbasierte Nahrung für die Fischfütterung zugelassen, andere Weltregionen erlauben dies auch für die Landwirtschaft. Ökologisch erscheint dies sinnvoll: Die Verwendung von Nutzinsekten kann eine Alternative zum weitverbreiteten Einsatz von Fischmehl und Soja in der boomenden Aquakultur sein und damit der Überfischung der Meere und der Ausweitung des Sojaanbaus entgegenwirken.

Das vielfach prämierte „Nährstoff-Recycling“-Konzept von AgriProtein zeigt vor, wie viel Innovation in dieser Sparte steckt: Das südafrikanische Unternehmen züchtet Fliegenlarven mithilfe von biologischen Abfällen. Die Schwarze Soldatenfliege eignet sich dafür besonders, da sie mit fast allen organischen Reststoffen fertig wird. Ihre Insektenlarven werden getrocknet und zu Eiweißmehl gemahlen, das sich für die Fisch- und Geflügelfütterung eignet. Damit lassen sich gleich „zwei Fliegen mit einer Klappe“ schlagen, nämlich Abfälle reduzieren und hochwertige Proteine herstellen. Vor drei Jahren hat AgriProtein die erste kommerzielle Anlage in Kapstadt eröffnet, in naher Zukunft sollen viele weitere dazu kommen – und das mithilfe österreichischer Expertise: Mit dem steirischen Anlagenbauer Christof Industries wurde eine Standard-Fabrik entworfen, in der 8,5 Milliarden Fliegen 250 Tonnen Abfälle verarbeiten – und zwar pro Tag. Jährlich sollen 25 schlüsselfertige Fliegen-Fabriken an Lizenznehmer auf der ganzen Welt übergeben werden.

Auch in Indonesien arbeitet man daran, der Lebensmittelindustrie Insekten schmackhaft zu machen. Das Start-up „Biteback“ hat eine Methode entwickelt, um aus Insekten Öl zu extrahieren, das zu Speiseöl, Butter, Fettalkohol und Biokraftstoff verarbeitet werden kann. Das junge Unternehmen will das Insektenöl vor allem als Alternative zu Palmöl etablieren, da der Ölbaum-Anbau gerade in Indonesien und anderen südostasiatischen Ländern zu massiven Regenwaldrodungen führt. Superwurmlarven hingegen „können auf der gleichen Landfläche fast 40 Mal mehr Ertrag als Palmöl abwerfen, und sie können von Abfällen der Agroindustrie gefüttert werden“, heißt es bei Biteback.

Übrigens: Zehntausende Insektenpartikel, versteckt in Kaffee, Bier, Gebäck, Ketchup oder Schokolade, verspeist der Mensch auch jetzt schon jedes Jahr, denn so etwas wie eine insektenfreie Lebensmittelproduktion gibt es nicht. Bewusst oder unbewusst nimmt also jeder von uns regelmäßig das wertvolle Protein zu sich.

© corporAID Magazin Nr. 75

Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Thomas W. Fiege/Wikimedia, Zirp, Fazer, Bugfoundation, Bugsolutely, AgriProtein, AT Verlag

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