Interview

Absoluter Einsatz

04/2018 - Für McKinsey-Expertin Irene Yuan Sun führt der Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung Afrikas zwangs-läufig über Industrialisierung. Eine gewichtige Rolle kommt dabei chinesischen Firmen zu – auch abseits des Staats-kapitalismus. Deren Unternehmergeist findet Sun inspirierend, sie rät auch europäischen Unternehmen zum Sprung nach Afrika.


Irene Yuan SUN ist Absolventin der Harvard Business School und arbeitet für die Beraterfirma McKinsey & Company. Sie gilt als führende Expertin für chinesisch-afrikanische Wirtschaftsbeziehungen und hat dazu unter anderem das Buch „The Next Factory of the World“ (Harvard Business Review Press 2017) verfasst.

corporAID: Frau Sun, mehr als 10.000 chinesische Unternehmen sind mittlerweile in Afrika aktiv, vor allem auch in der Fertigung. Wer ist der chinesische Unternehmer, der bereit ist, nach Afrika zu gehen und dort eine Fabrik aufzubauen?

Sun: Die mutigsten Unternehmer findet man sicher nicht im Silicon Valley, sondern unter den Chinesen in Afrika. Sie kaufen sich ein One-Way-Ticket, ziehen nicht in die großen Städte wie andere Expats, sondern dorthin, wo Land günstig ist, und leben selbst irgendwo auf ihrem Fabrikgelände. Solange die Fabrik noch kein fließendes Wasser hat, haben sie selbst auch noch keines. Für viele dieser Unternehmer ist es zudem das erste Mal, dass sie China überhaupt verlassen. Sie müssen alles von Grund auf neu aufbauen und stecken alles, was sie haben, in ihre Unternehmens-idee: Ihr privates Erspartes, ihre Skills und ihre Zeit. Das ist eine Form von absolutem persönlichem Commitment, die ich unglaublich inspirierend finde. Ausgeprägter kann ein Unternehmergeist nicht sein.

Warum sind gerade die Chinesen genau dazu bereit?

Sun: Ich habe kürzlich eine in Bau befindliche pharmazeutische Fabrik in Äthiopien besucht. Die Bedingungen waren schwierig, doch der chinesische Unternehmer hat zu meinen Bedenken nur gesagt: „Ich bin in Westchina aufgewachsen und wir waren ärmer als die Menschen hier, hatten nicht mal richtige Dächer. Und wir haben dort auch eine Pharmafabrik gebaut. Warum sollten wir dies hier nicht können?“ Instinktiv haben die chinesischen Unternehmer genau das, was es braucht, denn sie sind ähnliche Wege unter ähnlichen Umständen bereits in China gegangen.

Warum sind so wenige europäische Unternehmen in Afrika aktiv?

Sun:Das würde ich so gar nicht sagen. Wenn ich auf Kenia oder Äthiopien schaue, dann gelten ganz wichtige Exporte dem europäischen Blumenmarkt. Wenn Sie zum Nakurusee nach Kenia fahren, dann sehen Sie all diese Gewächshäuser, die fast alle von Europäern aufgebaut wurden, in europäischem Besitz sind oder in die Europäer investieren. Und das ist nur ein Beispiel. Es ist nur so, dass in der Fertigung – dem vielversprechendsten Sektor für ökonomische Entwicklung in Afrika – die europäischen Unternehmen ihren Weg nach Afrika noch nicht gefunden haben. Beziehungsweise nur die ganz Großen, Unilever zum Beispiel. Aber wenn man auf die chinesischen Unternehmer schaut: Viele von ihnen sind keine globalen Brands, sondern Mittelständler, die in China Erfolg hatten und Afrika nun als ihren Türöffner in die Welt verstehen. Die meisten europäischen Unternehmen dieser Größenordnung haben über den Sprung nach Afrika bislang noch nicht nachgedacht, obwohl der Kontinent für sie ebenfalls sehr vielversprechend sein könnte. Die Margen in der Produktion in Afrika sind so hoch wie nirgends sonst.

Woran fehlt es noch? Zu wenig ausländische Investitionen oder mangelhafte Bedingungen vor Ort?

Sun: An beidem. Natürlich spielen auch die Regierungen eine wichtige Rolle. Äthiopien ist da ein gutes Beispiel. Das Land hat beim Vorantreiben der Industrialisierung die aggressivste Regierung in Afrika. Diese arbeitet gerade an zehn speziellen Wirtschaftszonen, das sind große Produktionszentren, mit Firmen, die der selben Wertschöpfungskette angehören und die sich durch die Zusammenlegung gegenseitig wettbewerbsfähiger machen. Dafür geht die äthiopische Regierung sehr aktiv auf ausländische Investoren zu. Nicht nur aus China, ebenso aus Südkorea, Indien und auch aus Europa. Das Timing hängt vom Privatsektor, aber auch von den jeweiligen Regierungen ab. Sind diese bereit, Koordinierungsarbeiten zu übernehmen und gemeinsam mit dem Privatsektor zu investieren?

Was verrät das über Entwicklung?

Sun: Wir müssen gemeinsam einen Schritt zurücktreten und die größeren Zusammenhänge in den Blick nehmen. Trotz der besten Absichten, haben wir im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika zu lange in Dinge investiert, die nicht für wirklichen Wandel sorgen. Dabei lag die Antwort die ganze Zeit vor Ort vor unseren Augen: Der Weg zu Wohlstand in Entwicklungsländern führt über Industrialisierung. Es ist kein schöner Prozess, nicht die brillante Idee, die sich schön in Davos präsentieren ließe und wahrscheinlich die unaufregendste Möglichkeit, die ich vorschlagen kann, aber es ist die eine, die funktioniert. Wenn Sie auf die Geschichte der Länder schauen, die es geschafft haben, sich zu entwickeln, dann eint sie eins: Die Entwicklung lief über Industrialisierung, die verarbeitende Industrie, bis diese schließlich von der Dienstleistungsgesellschaft abgelöst wurde. Und ich glaube nicht, dass es auf diesem Weg eine Abkürzung gibt. Gehen wir zurück zum Anfang. Reden wir für Afrika über das, was wirklich funktioniert, und das ist: Industrialisierung.

Welche afrikanischen Eigenheiten müssen beachtet werden?

Sun:Natürlich gibt es diverse Eigenheiten. Die hat es auch in allen entwickelten Ländern hinsichtlich Größe, Regierungsformen, Zentralisierungsgrad, Geschichte und Kultur gegeben. Wenn Länder, die so unterschiedlich sind wie die USA und China oder Österreich und Japan, die Industrialisierung erfolgreich gemeistert haben, dann gibt es für mich keinen Grund zu sagen, dass Afrika es nicht schaffen könnte. Ich glaube sogar, dass Afrika die Möglichkeit hat, die Fehler der industrialisierten Länder zu vermeiden. Ein offensichtliches Beispiel ist, wie China seine Umwelt während des Prozesses der Industrialisierung zerstört hat. Die Menschen, die die Industrialisierung in Afrika voranbringen, sollten sich fragen: Wie verhindern wir eine solche Entwicklung?

Sind die chinesischen Unternehmer in Afrika denn dazu bereit?

Sun:Die chinesische Community in Afrika ist alles andere als homogen. Auf der einen Seite hat man die Fabrikanten der alten Schule, die rein profitgetrieben sind, aber es gibt auch eine andere Seite, die man in den chinesischen sozialen Medien in Afrika beobachten kann. Jüngere Menschen, die herausfinden wollen, wie sie in Afrika in Einklang mit ihren Werten wirtschaften und leben können. In Kenia gibt es junge Chinesen, die sehr leidenschaftlich Social Entrepreneurship betreiben. Sie erproben Geschäftsmodelle, die sie in China nicht verwirklichen könnten. Ein großes chinesisches Unternehmen in Kenia hat beispielsweise ein Ausbildungsprogramm für junge Kenianer ins Leben gerufen und vermittelt ihnen technische Jobs.

Führt das chinesische Engagement in Afrika auch zu Geschäftsmöglichkeiten für europäische Unternehmen?

Sun: Auf jeden Fall. In Äthiopien gibt es nun eine spezielle Wirtschaftszone für Pharmafabriken, mit viel Engagement von der Regierungs- und der chinesischen Seite. Jedoch gibt es im Land zum Beispiel keinen einzigen Styropor-Hersteller, also wird das gesamte Styropor containerweise aus Deutschland importiert. Ist es nicht Wahnsinn, einen gesamten Container mit Styropor zu füllen? Jetzt wird also ein Partner gesucht, der in eine Styropor-Fabrik in Äthiopien investiert. Auch da geht es also wieder nicht um die riesigen Brands, die wir alle kennen, sondern mehr um Nischen, die gefüllt werden sollten.

Welche Rolle spielt die Entwicklungszusammenarbeit?

Sun: Die verarbeitende Industrie braucht eine lange Reihe an Zulieferern. Jedoch sind viele lokale Hersteller noch nicht so weit, dass sie den Wünschen der chinesischen Unternehmer entsprechen können. Hier werden dringend Investitionen benötigt, um diese lokalen Unternehmen mit besserer Technologie zu unterstützen, damit diese ihre Waren zu bestmöglichen Konditionen an die chinesischen Firmen weitergeben können. Die chinesischen Unternehmer wollen lieber von lokalen Produzenten kaufen als ihre Materialien den ganzen Weg aus China herbeizuschiffen. Die lokalen Zulieferer brauchen dafür aber mehr Kapital und hier kommen die globalen Finanz- und Entwicklungsinstitutionen ins Spiel. Es geht um Kredite, technische sowie Management-unterstützung. Das ist die Art von Entwicklungsinvestment, die sich wirklich auszahlt.

Danke für das Gespräch!

© corproAID Magazin Nr. 75
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Foto: Mihai Mitrea

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