Elektroschrott

55 Milliarden Euro Schrott

05/2018 - Das weltweite Elektroschrottaufkommen wächst rapide an – und damit auch die Menge an Wertstoffen, die darin enthalten sind. Doch nur 20 Prozent der Altgeräte werden recycelt. Österreich hat das dichteste Sammelnetz Europas, dennoch landen tausende Tonnen im Ausland und letztlich in Straßengräben oder auf wilden Deponien. Besonders drastisch zeigen sich die Ausmaße des globalen Problems in Ghana.

Zum Thema:

Interview mit Markus Spitzbart, GIZ




Allein auf weiter Flur In Österreich ist dies heutzutage ein seltenes Bild – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern.

Der alte Kühlschrank steht nun schon eine ganze Weile im Keller herum und nimmt dort nur Platz weg. Da kommen die beiden Herren, die via Zettel im Briefkasten anbieten, Altgeräte mitzunehmen und einem so die Fahrt zu einer Sammelstelle zu ersparen, doch wie gerufen. So verlockend der Service auch sein mag, dieser bequeme Entsorgungsweg ist auf mehreren Ebenen höchst problematisch. Nicht nur, dass es sich um einen Verstoß gegen das Abfallwirtschaftsgesetz handelt, wenn ein Altgerät an nicht lizensierte Müllsammler übergeben wird. Auch die folgende Weiterverwertung sollte Bauchschmerzen bereiten. Dass der alte Kühlschrank nach Osteuropa geschafft und dort letztlich nicht korrekt entsorgt wird – darauf kann man sprichwörtlich Gift nehmen.


Korrekte Verwertung von Kühlgeräten in Wien.

Thomas Maier, Geschäftsführer der Elektro Recycling Austria ERA, erklärt die korrekte industrielle Verwertung eines ausgedienten Kühlschrankes: „Zuerst wird der Kühlkreislauf angestochen und das Kältemittel abgesaugt. Dann geht der ganze Kühlschrank in eine hermetisch abgeschlossene Anlage, in der das Gerät zerkleinert wird. So gewinnt man den Isolierschaum zurück, der ebenfalls klimaschädliche Gase enthält.“ Anstatt in der Atmosphäre zu landen, wie es bei unprofessioneller Demontage der Fall wäre, werden die Schadstoffe dadurch erfasst. Und die Wertstoffe bleiben übrig, im Falle eines Kühlschrankes sind das etwa Kupfer, Eisen und Aluminium.

Elisabeth Giehser, Geschäftsführerin der Elektroaltgeräte Koordinierungsstelle, schätzt den Schaden durch illegalen Elektroschrottexport für die österreichische Wirtschaft auf etwa zehn bis 20 Millionen Euro jährlich. 15.000 bis 20.000 Tonnen Elektroaltgeräte gehen ihrer Schätzung nach jedes Jahr illegal über die Grenze, das entspricht bei 83.000 offiziell gesammelten Tonnen 15 bis 20 Prozent des verwerteten Gesamtaufkommens. Trotz dieser Probleme steht Österreich im Elektrorecycling im internationalen Vergleich sehr gut da. „Die österreichische Abfallpolitik der vergangenen 30 Jahre ist eine Erfolgsgeschichte. Noch bis Anfang der 1990er Jahre landeten viele Elektrogeräte auf wilden Deponien irgendwo in der Landschaft. Das ist eines der Probleme, die wir durch konsequente Abfallpolitik zunehmend in den Griff bekommen“, sagt Maier. Dazu tragen auch das dichteste Sammelnetz Europas (ca. 2.100 kommunale und mehrere tausend gewerbliche Rückgabestellen) und Menschen wie Elisabeth Giehser bei, die unermüdlich für den korrekten Umgang mit alten Elektrogeräten wirbt, wobei mit ihren Infokampagnen vor allem Schüler erreicht werden sollen. Wirklich zufrieden ist Giehser aber erst, wenn auch dem letzten Zweifler klar wird, „dass die Weitergabe von Elektroaltgeräten an Müllsammler kein Kavaliersdelikt, sondern ein relevantes Vergehen ist“.


Bergeweise Elektroschrott verarbeitet die Firma Müller-Guttenbrunn in Amstetten.

Klares Regelwerk Dabei gibt es genügend Regularien, die dem entgegenwirken sollten. Die 2003 in Kraft getretene und 2012 deutlich erweiterte WEEE-Richtlinie (Waste Electrical and Electronic Equipment) der EU verpflichtet die Hersteller, den gesamten Verwertungs- und Recyclingkreislauf zu finanzieren. Die österreichische Elektroaltgeräteverordnung setzt die WEEE-Richtlinie hierzulande um: Verbraucher können ihre elektronischen Abfälle kostenfrei auf den Sammelstellen zurückgeben, die Hersteller müssen die Sammlungen finanzieren und verwerten. Das als Reaktion auf die Giftmüllskandale der 1970er und 1980er Jahre ins Leben gerufene Basler Übereinkommen verbietet zudem bereits seit 1989 den Export von gefährlichen Abfällen, darunter fällt auch Elektroschrott. 186 Länder haben die Vereinbarung ratifiziert, Österreich bereits im Jahr 1993, als einziges Industrieland lehnen die USA eine Ratifizierung ab.

Erst kürzlich haben sieben Organisationen der Vereinten Nationen eine erneute Absichtserklärung verfasst, die eine verstärkte Koordination und Kooperation zwischen den wesentlichen Akteuren im Elektrorecycling auf den Weg bringen soll. Damit sollen vor allem Entwicklungsländer unterstützt werden, denn mit den ökologischen Folgen unsachgemäßer Verwertung des Elektroschrotts haben vor allem sie zu kämpfen. „Im Vergleich zu Afrika oder Asien sind die heutigen Probleme in Österreich und Europa Probleme siebenter Ordnung“, sagt Maier.


Rüdiger Kühr VN-Elektroschrott­experte

Zunehmende Technisierung In der Tat wächst die weltweite Elektroschrottmenge von Jahr zu Jahr. Im Jahr 2016 kamen laut Vereinten Nationen 44,7 Millionen Tonnen neu hinzu. „Die zunehmende Technisierung schlägt sich hier deutlich nieder. Und obwohl die Thematik mittlerweile auf politischen Agenden zu finden ist, sehen wir keine Kehrtwende zum Besseren, ganz im Gegenteil“, sagt Rüdiger Kühr, Leiter des Programms für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen und Mitautor einer aktuellen Elektroschrottstudie. Die VN erwarten, dass ab dem Jahr 2020 jährlich mehr als 50 Millionen Tonnen Elektroschrott anfallen werden. „Natürlich sind das Schätzungen. Unser Ziel ist es aber nicht, hier medienwirksam mit horrenden Zahlen hausieren zu gehen. Wir haben, ganz im Gegenteil, sehr konservativ gerechnet“, sagt Kühr.

Großteil Kleingeräte Kleingeräte machen fast die Hälfte des globalen Elektroschrott­aufkommens aus (links). In einem Kühlschrank ist ein bunter Mix aus Wertstoffen zu finden.

Diese konservative Berechnung besagt auch, dass nur rund 20 Prozent des weltweiten Elektroschrotts korrekt recycelt werden, und dies aus mehreren Gründen, wie Kühr erklärt: „Das Müllsammler-Business ist ein großes Problem. Häufig lagern aber auch wir Konsumenten unsere alten Handys oder Computer jahrelang auf dem Dachboden oder im Keller. Das ist ja auch Elektroschrott, der sinnvollerweise frühzeitig in den Kreislauf zurückzuführen wäre, weil er Wertstoffe enthält und weil Komponenten wieder genutzt werden können. Viele der kleinteiligen Geräte – elektrische Zahnbürsten, Kaffeemaschinen usw. – verschwinden zudem im Hausmüll und gehen damit in die Verbrennung. Die vierte Komponente ist der illegale Export, meistens klassifiziert als Wiederverwendung, nach Afrika und Asien. In einer Studie, die wir gemeinsam mit Interpol gemacht haben, kommen wir zu dem Ergebnis, dass aus der EU etwa zehn bis 25 Prozent des Elektroschrotts in Entwicklungsländer exportiert werden.“

Und dort zeigen sich die Auswirkungen besonders drastisch, etwa auf der Elektroschrottdeponie in Agbogbloshie, einem Stadtteil der ghanaischen Hauptstadt Accra. Bei einem Besuch fällt der Blick auf eine 1.600 Hektar große Fläche, auf der sich alte Fernseher, Klimaanlagen, Geschirrspüler und weiterer Müll stapeln. Barfüßige Kinder klettern über diese Müllberge. Einige hämmern auf die Geräte ein, um die Wertstoffe zu extrahieren, andere verbrennen die Isolierungen der Kabel und stochern, von grünlichem Qualm umgeben, mit Eisenstangen nach freigelegtem Kupfer. Auch ausrangierte Kühlschränke spielen eine wichtige Rolle. Ihre Verwertung hat mit der eingangs beschriebenen jedoch nichts gemein. Die Arbeiter zertrümmern den Kühlschrank mit Brachialgewalt, um an den Isolierschaum zu kommen, den sie als Brandbeschleuniger für ihr Feuer brauchen. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut dem deutschen Umweltbundesamt bei höchstens 40 Jahren. Die Deponie wurde von der Umwelt­schutz-NGO „Pure Earth“ im Jahr 2013 zu einem der zehn verseuchtesten Orte der Welt erklärt.


Verbrannt, ...


... geschraubt ...


... und gehämmert, wird auf der Deponie in Ghana.

95 Prozent Sammelquote Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen hat sich in Agbogbloshie ein informelles Wirtschaftssystem entwickelt, das tausenden Menschen ein Auskommen sichert. Dabei handelt es sich für viele, die aus Nordghana auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt gekommen sind, um die einzig mögliche Erwerbsquelle. „Besser als verhungern“, sagt einer der Arbeiter, nachdem er von seinen steten Kopfschmerzen berichtet hat.

Gleichzeitig ist Ghana angesichts mancher Kennzahlen ein Elektroschrott-Musterschüler. So werden laut der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ in Ghana rekordverdächtige 95 Prozent des Elektroschrottaufkommens gesammelt. Hier setzt die GIZ auch mit ihrem Projekt „Umweltgerechte Entsorgung und Recycling von Elektroschrott in Ghana“ an, das ein Jahr nach einem Besuch des deutschen Entwicklungsministers Gerd Müller im April 2015 ins Leben gerufen und mit fünf Millionen Euro budgetiert wurde. Das Projekt, das vom österreichischen Recycling-Experten Markus Spitzbart (siehe Interview) geleitet wird, fördert einen schrittweisen Übergang vom informellen System in eine reguläre Recyclingwirtschaft und baut auf die Potenziale der etablierten Wertschöpfungsketten.

Funktionstüchtig Aktuell scheint es kaum machbar, den illegalen Export von Elektroschrott aus Europa, Nordamerika oder China zu unterbinden. VN-Umweltwissenschafter Kühr gibt einen Einblick in die Schwierigkeiten: „Im riesigen Hamburger Hafen gibt es nicht einmal eine Handvoll Personen, die entsprechende Kontrollen überhaupt durchführen können. Und dann stehen Sie als Hafen- oder Zollmitarbeiter vor so einem Container, und der ist bis oben hin mit Fernsehern vollgestapelt. In den ersten Reihen stehen nur Geräte, die funktionstüchtig sind und damit exportiert werden dürften. Dann müssen Sie sich als Hafenmitarbeiter die Mühe machen, jeden Fernseher auszuladen und zu überprüfen: Ist der wiederverwendbar? Das ist ein schwarzes Loch, das gar nicht zu überprüfen ist.“

Dazu kommt, dass sich der Begriff „funktionstüchtig“ recht weit ausdehnen lässt – von Geräten, die wirklich noch einen zweiten Frühling in Afrika haben werden, bis zu jenen, die sich gerade noch einschalten oder notdürftig reparieren lassen. Aus Konsumentenperspektive bedeutet Funktionstüchtigkeit wiederum häufig etwas anderes: In Österreich wechseln die Menschen laut Arbeiterkammer durchschnittlich nach 18 bis 24 Monaten ihr Handy – es darf davon ausgegangen werden, dass die alten Geräte ihre vorgesehenen Leistungen zumeist noch erbringen.

Rüdiger Kühr möchte die Elektroschrottproblematik an der Wurzel packen und die Lebensdauer der Geräte verlängern: „Die größte Umweltlast Ihres Handys und Ihres Computers geht immer noch von der Herstellung aus“, sagt er. Experten aus Regierungen, der Recyclingbranche, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft erarbeiten gemeinsam unter dem Dach von Kührs „Step-Initiative“ (Solving the e-waste problem) neue Lösungsstrategien. „Eine liegt sicherlich darin, Kreisläufe zu schließen und zu dematerialisieren. Das heißt, dass ich nicht mehr den Computer kaufe, sondern nur den Service, den ich brauche: etwa das Surfen im Internet oder Web Processing. Die Hardware bleibt also weiterhin Eigentum des Herstellers oder Service Providers, und er wird sie austauschen, wenn ich etwas Neueres brauche“, sagt Kühr.

Go for Gold Solange sich aber noch Altgeräte in unseren Kellern und Schubladen stapeln, lässt sich auch auf andere Arten zu Kreislaufansätzen beitragen: In Wien setzen etwa das Reparatur- und Service-Zentrum R.U.S.Z. und das Demontage- und Recycling-Zentrum DRZ ausrangierte Elektroaltgeräte wieder instand, wobei zugleich Langzeitarbeitslosen die Chance auf eine Beschäftigung geboten wird.

„Wir sollten aufhören, durch fehlendes Recycling Geld aus dem Fenster zu werfen“, sagt Kühr und seine Zahlen geben ihm recht: Elektroaltgeräte können zu 85 Prozent recycelt werden – und die VN-Studie schätzt den weltweiten Wert von den Rohstoffen in Elektroschrott für 2016 auf rund 55 Mrd. Euro, Gold allein macht davon knapp 19 Mrd. Euro aus .

Die Top-7-Wertstoffe Kunststoffe, Leicht-
und Schwermetalle: Elektroschrott ist
Jahr für Jahr ein
Vermögen wert.

Und sogar der immaterielle Wert lässt sich steigern: Die Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio werden sich über Edelmetall freuen dürfen, das gänzlich aus Elektroschrott gewonnen wurde – dafür haben die Organisatoren landesweit 2.000 Sammelboxen aufgestellt und bitten die Bevölkerung nun um ihre ausrangierten Handys, Kameras und Laptops.


© corporAID Magazin Nr. 75
Text: Frederik Schäfer
Fotos: 2x ERA, Müller-Guttenbrunn Gruppe, Privat, Veronika Johannes, Agbogbloshie Makerspace/Flickr, Frederik Schäfer

Suche:  
Aktuelle Artikel

Speiseinsekten: Superfood mit Imageproblem

Elektroschrott: 55 Milliarden Euro Schrott

Kurzmeldung: Engere soziale Netze

Termine

7.6.2018 Multilogue: ABGESAGT - Development Investments

8.6.2018 Workshop: Business meets NGO

21.6.2018 Netzwerk-Event: Die Welt in Wien

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at