Großes Interview

Begeistert von Wertschöpfung

12/2017 - Für den Vollblutunternehmer Veit Schmid-Schmidsfelden, geschäftsführender Gesellschafter der Rupert Fertinger Gruppe, bedeuten disruptive Entwick-lungen in der Automobilbranche letztlich große Chancen. Sein Erfolgsrezept: mit Kunden auf der ganzen Welt wachsen. Demnächst wagt der Mittelständler deshalb den Schritt nach Mexiko.



Veit Schmid-Schmidsfelden geschäftsführender Gesellschafter der Rupert Fertinger Gruppe

corporAID: Was bedeutet Globalisierung für Sie?

Schmid-Schmidsfelden: Die Globalisierung ist eine riesige Chance für Österreich. Globalisierung bedeutet für mich Präsenz auf den Weltmärkten und die Verbreitung unserer Technologie; internationale Zusammenarbeit durch Kundenkontakte in anderen Regionen; und die bessere Verständigung der Nationen durch die Konvergenz der Kompetenzen, etwa in internationalen Supply Chains. Gerade für Mittelständler, die nicht selbst über alle Technologien verfügen können, ergeben sich aus der internationalen Zusammenarbeit neue Wettbewerbsvorteile. Ich kann daher die Negativbesetzung der Globalisierung nicht nachvollziehen. Manche träumen von einem geschlossenen Markt – zu glauben, dass man durch das Abschneiden von Konkurrenz den Lebensstandard sichern kann, ist aber eine sehr kurzsichtige Perspektive. Denn je offener der Markt ist, desto mehr Informationen gibt es: Das bringt die Unternehmen weiter, das öffnet aber auch die gesellschaftliche Perspektive – und führt letztlich zu einem höheren Lebensstandard für alle.

Wie profitiert Fertinger von der Globalisierung?

„Zu glauben, dass man durch das Abschneiden von Konkurrenz den Lebensstandard sichern kann, ist eine sehr kurzfristige Sichtweise.“

V. Schmid-Schmidsfelden

Schmid-Schmidsfelden: Fertinger umfasst zwei große unterschiedliche Bereiche. Eine Non-Automotive Schiene, das ist die Sänitärtechnik und das ursprüngliche Programm der Fertinger Gruppe. Hier sind wir Nischenanbieter und sehr stolz auf einige Marktführerpositionen in Österreich. Und dann gibt es den viel größeren Bereich Automotive, wo wir einerseits im Bereich autoelektrische Versorgung im Fahrzeug und andererseits für Klimatechnik und Temperaturmanagement Lösungen anbieten. In diesem Bereich wachsen wir sehr stark, da sind wir international tätig – was ohne Globalisierung so nicht möglich wäre. Wir produzieren an vier Standorten in Niederösterreich und einem in Polen. Und sind gerade mit der Planung von einem Standort in Mexiko befasst.

Welche Rolle spielt Wachstum für Ihr Unternehmen?

Schmid-Schmidsfelden: Meine Familie ist seit 300 Jahren in der Metallindustrie tätig. Da geht es darum, dass man immer wieder aufs Neue jene Bereiche forciert, die das Unternehmen weiterbringen. Der Schlüssel zum Wachstum ist zweifellos die dem Kundennutzen dienende Innovation. Aus unserer Erfahrung als Mittelständler lag das Erfolgsrezept immer darin, den Kunden auf der ganzen Welt zuzuhören und rasch Technologien und Verfahren bieten zu können, die unseren Kunden Vorteile bringen. Wir werden unsere Entwicklungsgeschwindigkeit weiter erhöhen und unsere Entwicklungstätigkeit auch mit den internationalen Kunden vor Ort vorantreiben. Eine besondere Herausforderung sind derzeit disruptive Entwicklungen – und zwar nicht nur bei Digitalisierung und Vernetzung, sondern auch bei den Produktionstechnologien.

Wie geht Fertinger mit diesen disruptiven Entwicklungen um?

Schmid-Schmidsfelden: Jede Innovation ist letztlich eine Chance. Gleichzeitig kann es zum Ausscheiden aus dem Markt führen, wenn man disruptive Entwicklungen zu spät erkennt. Ein Thema ist beispielsweise der 3D-Druck von Metallen, wodurch es heute bereits möglich ist, einbaufertige Komponenten in einer unfassbaren Komplexität herzustellen. Ein weiteres Thema ist Elektromobilität, die die Angebotspalette in vielen Unternehmen nachhaltig verändern wird. Dabei weiß niemand wirklich, wie die Entwicklungskurve verlaufen wird. Als Tier 2-Zulieferer der Automobilindustrie ist Elektromobilität bei Fertinger bereits täglich präsent: Denn Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeuge erfordern mehr Temperaturwechselaufgaben und elektrische Anbindungen im Fahrzeug. Ich kenne eine ganze Reihe von Unternehmen aus dem Automotivebereich, die bereits überlegen, in welche Anwendungen in den neuen Mobilitätslösungen die vorhandenen Erfahrungen und Kompetenzen einfließen können. Hier muss man teilweise ganz neu denken. Als die Elektronik eingeführt wurde, haben das viele abgelehnt, weil damit bisherige Verfahren obsolet wurden – klug war das nicht. Im Grunde sind wir gut beraten, wenn wir Innovation als Chance sehen und nicht als negativen Einfluss auf unsere Geschäftstätigkeit.

Wie sehen Sie den internationalen Wettbewerb im Bereich Innovation?

„Die Erfahrung zeigt, dass man in einem Markt nur langfristig wachsen kann, wenn man vor Ort auch wertschöpfend
tätig ist.“

V. Schmid-Schmidsfelden

Schmid-Schmidsfelden: Die Innovationsgeschwindigkeit in Ländern wie China oder auch Indien nimmt zu, und ich sehe das sehr positiv und als Herausforderung für Europa. Denn Innovationen in diesen Ländern, die gerade im Begriff sind, Industriegesellschaften zu werden, sind für uns eine Anregung und stellen eine Chance dar, unsere eigenen Innovationsstrukturen weiterzuentwickeln. Damit das funktioniert, müssen Unternehmen bereit sein, in Varianten zu denken und das, was man immer schon gemacht hat, in Frage zu stellen. Diese Grundhaltung muss sich von der Geschäftsführung über die technische und kaufmännische Leitung bis in die Werkstätte durchziehen.

Sie haben erwähnt, einen Standort in Mexiko zu eröffnen. Wo liegen für Mittelständer wie Fertinger bei diesem Schritt die Herausforderungen?

Schmid-Schmidsfelden: Ich war im Vorfeld oft in Mexiko und habe jedes Mal dazugelernt. Zum Beispiel habe ich meine Meinung zum schließlich ausgewählten Standort komplett geändert. Wichtig ist es, Politik und Verwaltung zu verstehen, und auch Sicherheits-fragen, die viele Investoren abschrecken, zu klären. Dazu kommen klassische Themen wie Arbeitskultur, Lohnbildung, Sozialversicherung, Bilanzierungsrichtlinien und steuerliche Gesichtspunkte. Hier muss man abklären, inwiefern die Situation mit der eigenen Strategie und dem Risiko, das man einzugehen bereit ist, zusammenpasst. Die große Herausforderung liegt aber darin, die richtigen Mitarbeiter zu finden, damit wir dort den Kunden verlässliche Prozesse anbieten können. Wir müssen uns mit Themen wie Einschulung und Ausbildung von Mitarbeitern beschäftigen. Es geht aber vor allem darum, Mitarbeiter für die Betriebskultur zu gewinnen und damit sicherzustellen, dass sie auch längerfristig im Unternehmen tätig sein möchten. Wir wollen keine Jobhopper beschäftigen, die wegen 50 Pesos den Arbeitsplatz wechseln. Kundenseitig sehe ich weniger Herausforderungen, da das ja internationale Konzerne sind, die wir heute schon von Österreich aus beliefern.

Was können heimische Unternehmen international beitragen?

Schmid-Schmidsfelden: Die Erfahrung zeigt, dass man in einem Markt nur langfristig wachsen kann, wenn man vor Ort auch wertschöpfend tätig ist. Wir bringen die Expertise, die die österreichische Industrie in den vergangenen 300 Jahren aufgebaut hat, in neue Märkte mit, weil wir unsere Standards und Werte ja nicht ändern. So prägen wir nicht nur die Beziehungen zu den Mitarbeitern, sondern auch zu den Sublieferanten und Behörden vor Ort. Dazu gehört die wertschätzende Zusammenarbeit von Unternehmen und Mitarbeitern in der Sozialpartnerschaft ebenso wie die Ausbildung von Lehrlingen durch die Betriebe. Übrigens ist auch das eine positive Seite der Globalisierung.

Wie fit sind österreichische Unternehmen für den Schritt in Emerging Markets?

Schmid-Schmidsfelden: Es ist schon viel Mut notwendig, um in volatilen und politisch unsicheren Märkten zu investieren. Hier ist viel Informationsarbeit notwendig um aufzuzeigen, wo die Risiken liegen. Zum einen macht die Außenwirtschaftsorganisation der Wirtschaftskammer einen hervorragenden Job und ist sehr bemüht, relevante Informationen bereitzustellen. Zum Teil sind aber auch lange Vorarbeiten notwendig, um tatsächlich den Informationsstand zu bekommen, der notwendig ist, um eine gute Investitionsentscheidung treffen zu können.

Was macht ein Unternehmen in Ihren Augen zukunftsfähig?

Schmid-Schmidsfelden: Ganz zentral ist es zu verstehen, wo man derzeit steht. Das betrifft die Branche und deren Umfeld ebenso wie eine realistische Einschätzung der benötigten Kompetenzen – jener, die das Unternehmen hat, und jener, die es nicht hat. Es hat keinen Sinn, Strategien zu verfolgen, die in der eigenen Wertschöpfungskette nicht darstellbar sind. Wichtig sind weiters ein sehr bewusstes Kommunizieren der Ziele des Unternehmens an die Mitarbeiter sowie ein klares Bild der Entwicklung der eigenen Produkte für die Erfüllung des Bedarfs jener Kunden, die man langfristig bedienen will. Vor allem die Orientierung der eigenen Wertschöpfung am Kundennutzen ist der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg.

Was bedeutet unternehmerische Verantwortung für Sie?

„Das ist das Schöne am Unternehmertum: Man muss sich jeden Tag aufs Neue bewähren.“

V. Schmid-Schmidsfelden

Schmid-Schmidsfelden: In erster Linie ist Corporate Social Responsbility für mich der verantwortungsbewusste Umgang mit den Menschen im Unternehmen und die Frage, welche Rolle ein Unternehmen für die Weiterentwicklung der Region spielen möchte. Mein Engagement in der Wirtschaftskammer und Industriellen-vereinigung hat viel mit meiner Überzeugung zu tun, dass man sich in die Entwicklung eines Standortes, an dem man Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang tätig ist, einbringen soll. Die Wechselbeziehung zwischen dem Unternehmen und der Region sollte bewusst gelebt werden. Dazu gehört auch das Thema Schulung und Weiterbildung, weshalb Fertinger zwei Akademien gegründet hat. In der Weinviertler Mechatronik Akademie bilden wir derzeit 30 Lehrlinge aus, und seit 1. September schulen wir in der Weinviertler Technik Akademie arbeitssuchende Menschen auf Berufe mit Wachstumspotenzial wie Werkzeugtechniker oder Schweißer um. Für mich sind auch die Stakeholderbeziehungen sehr relevant. In der Praxis zeigt sich, dass erfolgreiche Unternehmen ihre Verantwortung gegenüber ihren Stakeholdern wahrnehmen – dazu gehört auch die Kommunikation. Die Fertinger Gruppe hat voriges Jahr eine Fabrik bei Krakau eröffnet und einige Arbeitsplätze nach Polen verlegt. Hier war es wichtig, den Mitarbeitern, aber auch den Verantwortlichen in der Regionalpolitik zu erklären, wieso das mittel- und längerfristig eine Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit und damit auch des Standorts Wolkersdorf bedeutet und dass das strategische Tun nicht im Widerspruch mit den Zielen der Region steht.

Was treibt Sie persönlich als Unternehmer an?

Schmid-Schmidsfelden: Ich bin begeistert von Wertschöpfungs-prozessen. Ich habe eine große Freude damit zu sehen, wie durch ein sinnvolles Organisieren Mehrwert entsteht, der letztlich allen nutzt. Und daran hängen weitere Themen: Beispielsweise müssen die Prozesse qualitätsgesichert sein, sie müssen innovativ und zeitgemäß sein und jederzeit wiederholbar und zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sein. Die für mich faszinierende Aufgaben-stellung liegt darin, diese Wertschöpfungsprozesse so zu gestalten, dass letztlich die Mitarbeiter zufrieden sind und das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist und Gewinne erzielt. All das unter einen Hut zu bringen, ist unglaublich vielschichtig. Das ist das Schöne am Unternehmertum: Man muss sich jeden Tag aufs Neue bewähren und wird täglich von den Kunden gefordert. Und es ist gerade diese Dynamik, die mich begeistert.


Vielen Dank für das Gespräch!

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ZUR PERSON

Veit Schmid-Schmidsfelden ist seit 2002 geschäftsführender Gesellschafter der Rupert Fertinger Gruppe. Er ist zudem Obmann-Stellvertreter der Bundessparte Industrie der Wirtschaftskammer Österreich, Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Sozial-politik der Industriellenvereinigung und Verhandlungsführer der Arbeitgeber bei den jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen der metalltechnischen Industrie.



ZUM UNTERNEHMEN


Fertinger-Zentrale in Wolkersdorf

Präzisionsmetall aus Wolkersdorf
Die Fertinger Gruppe ist ein 1944 in Wien gegründetes Unternehmen, das sich auf Hochpräzisionsmetallprodukte für den Automobil- und Sanitärsektor sowie Armaturenkomponenten spezialisiert hat. Die zweite Generation der Gründerfamilie verkaufte das Unternehmen 2002 an die Schmid-Schmidsfelden Beteiligungsgesellschaft. Am Industriestandort Wolkersdorf wurde seit 1967 hochwertige Badezimmertechnik gefertigt, heute bilden Temperaturmanagement im automotiven Bereich und die Versorgung der elektrischen Anbindungen durch Kabelstränge den Schwerpunkt der Entwicklungs- und Produktionstätigkeit der Rupert Fertinger GmbH. Mit vier Produktionsstandorten in Niederösterreich und einem 2016 gegründeten Standort in Niepolomice, Polen, beschäftigt das Unternehmen heute rund 300 Mitarbeiter und beliefert als Tier-2 Lieferant Märkte in ganz Europa, Afrika, Nord- und Südamerika sowie Südkorea.


© corporAID Magazin Nr. 73
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai M. Mitrea, Fertinger

 

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