Neue Märkte

Kolumbiens Comeback

12/2017 - Kolumbien ist auf einem guten Weg, zum neuen Stern Lateinamerikas aufzusteigen. Etliche der mittlerweile drei Dutzend Austro-Unternehmen, die vor Ort tätig sind, bezeugen den Aufschwung – und die Herausforderungen.


Bogotá Haupt- und Megastadt auf 2.600 Metern Seehöhe

Kolumbien war über Jahrzehnte Schauplatz eines Kriegs zwischen Guerillagruppen, Paramilitärs und den Streitkräften des Landes. Seit der freiwilligen Entwaffnung der Guerillaeinheit FARC scheint dieser im Juni 2017 zu Ende gekommen zu sein. Damit rückt das Land ins Blickfeld von Unternehmen. Zwar kann Kolumbien bei den klassischen Wirtschaftsindikatoren mit seinen lateinamerikanischen Peers noch nicht mithalten, künftig will es aber zu den Top-Volkswirtschaften gehören. Präsident Juan Manuel Santos verfolgt sogar das Ziel, dass das Land in die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD aufgenommen wird – dem Club der Industrieländer gehören aus Lateinamerika bereits Chile und Mexiko an.

Stärken entwickeln Dass das Wirtschaftswachstum Kolumbiens in den vergangenen Jahren von mehr als sechs Prozent 2011 auf zuletzt nur mehr zwei Prozent zurückfiel, führt allerdings nicht nur zur Verzögerung mancher Vorhaben, sondern auch zu Misstrauen in der Bevölkerung. „Was den Höhenflug bremst, sind vor allem die niedrigen Weltmarktpreise für Erdöl, von dessen Export Kolumbien immer noch stark abhängig ist, und der Wegfall des traditionellen Handelspartners Venezuela. Dies hat zu einem negativen Außenhandelssaldo geführt“, erklärt Hans-Jörg Hörtnagl, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Bogotá (siehe auch Interview im Link). Andererseits habe sich Kolumbien dadurch weiter geöffnet und fördere nun die Produktivität etwa in der Landwirtschaft, in der Konsumgüter- oder Baustoffindustrie. „Kolumbiens Außenwirtschaft profitiert vom Abschluss mehrerer Handelsabkommen, darunter mit den USA und der EU, sowie der Beteiligung an der Pazifik-Allianz, einer Freihandelszone mit Chile, Peru und Mexiko“, sagt Hörtnagl. So konnte sich Kolumbien etwa bei 60 Gütern – von Kaffee und Blumen über Sicherheitskleidung bis hin zu Fenstern, Metallrahmen und Fliesen – als einer der Top 3-Lieferanten der USA etablieren.

Zugleich tut sich mit dem Tourismus ein Sektor auf, der das an Naturparadiesen reiche Land aus Sicherheitsgründen lange gemieden hatte. 2017 wurden bereits mehr als sieben Millionen Gäste verzeichnet – und es sollen noch mehr werden. Anfang Dezember wurde El Dorado, der Flughafen der Hauptstadt Bogotá, nach zuletzt erfolgtem Ausbau um 140 Mio. Dollar feierlich wiedereröffnet. Die Kapazitäten wurden auf 43 Millionen Fluggäste pro Jahr erweitert, womit man sich für den wachsenden Tourismus gerüstet weiß. Zum Vergleich: Der Flughafen Wien brachte es 2016 auf 23 Millionen Passagiere.


Werner Prislan
genießt, so oft er kann, Kolumbiens herrliche Natur.

Nutzen für KMU Im Land sei eine Aufbruchsstimmung fühlbar, sagen zwei Österreicher, die in Kolumbien seit Jahren im Handel tätig sind. Werner Prislan lebt seit Anfang der 1990er Jahre in Bogotá und ist hier als Generalvertreter für Vorprodukte anerkannter Markenhersteller – unter anderem Uhrenarmbänder von Hirsch und Schmuckkristalle von Swarovski – im Land unterwegs. Prislan betont, dass sich vor allem auch die Sicherheitslage verbessert hat, so sei etwa Diebstahl am Zoll heute kein Thema mehr. Mit dem Guerillakrieg ist er nie in Berührung gekommen, für einen Großteil der Bevölkerung und zum Teil auch für seine Mitarbeiter sei das aber ein sensibles Thema. Mit großem Interesse schaut er dem wachsenden Tourismus entgegen, von dem auch seine Kunden, die Accessoire-, Schmuck- und Modebranche, profitieren werden.

Für den oberösterreichischen Stempel- und Laserplotterhersteller Trodat Trotec hält Kolumbien aktuell ebenfalls Chancen bereit. Seit mehr als zwanzig Jahren ist die Gruppe Marktführer bei Stempeln, mittlerweile steigt auch der Absatz bei Lasergeräten zum Markieren, Gravieren und Schneiden. „Zuletzt kam viel Nachfrage von den Universitäten“, sagt Regionalchef Reinhard Kulterer. Er leitet das Geschäft von der peruanischen Hauptstadt Lima aus und hat in Kolumbien einen Generalvertreter. Kulterer hält Kolumbien aufgrund der offenen und unternehmensfreundlichen Wirtschaftspolitik für eines der angenehmsten Länder, um in Lateinamerika Geschäfte zu machen. Er sieht nun in jenen Regionen, die bisher von den FARC-Rebellen besetzt waren, neue Märkte entstehen.


Spitze bei Sicherheit im Luftraum: ein von Frequentis ausgestatteter Militärflugplatz in Kolumbien


Thomas Zehetner, unterwegs für das Lateinamerika-
Geschäft von Frequentis.

Mustergültig Kolumbien leistet sich moderne Technologie nicht erst seit dem Hauptstadtflughafen, sondern verfügt etwa über eine IP-vernetzte landesweite militärische und zivile Luftraumüberwachung auf allerletztem Stand der Technik. Die entsprechende hochsicherheitskritische Technologie wurde von Frequentis geliefert. Dabei hatte Kolumbien vor rund 15 Jahren ein erstes Frequentis-System in den USA gekauft, sagt Regionalbetreuer Thomas Zehetner. „Als wir 2008 zufällig in Bogotá waren, empfing uns der Kunde mit offenen Armen, weil das System ohne jedes Problem permanent in Betrieb war, und gab den Auftrag für ein Gesamtsystem.“ Die Kolumbianer legen Wert darauf, von der Zentrale in Wien direkt betreut zu werden, sagt Zehetner. Die wegen Antikorruptionsbestimmungen sehr aufwändig gewordene Angebotslegung und die Servicierung der laufenden Systeme hat Frequentis aber an zwei lokale Ingenieurbüros ausgelagert. Kolumbien biete noch viele Marktchancen, ist der Manager überzeugt, etwa im maritimen Sektor.

Mit Andritz Hydro ist ein weiterer Technologieführer aus Österreich in Kolumbien tätig – und das seit mehr als 100 Jahren. Seit dem ersten Auftrag im Jahr 1913 brachte es der Turbinenhersteller bis dato auf weitere 170 Projekte im Land. Bei sämtlichen größeren Kraftwerken war Andritz Hydro, das in Bogotá eine Niederlassung unterhält, dabei. Aktuell versucht mit Global Hydro Energy auch ein österreichisches KMU, sich einen Platz in Kolumbiens Energiewirtschaft zu sichern. Die Oberösterreicher werden 2018 ihr erstes schlüsselfertiges Kleinwasserkraftwerk im Land aufstellen. Die Gründung der Tochterfirma in Medellín – sie wird von einem Ingenieur aus Venezuela geleitet, der in Österreich studiert hat – sei schnell und unkompliziert vonstatten gegangen, sagt Gesellschafter Marius Hager. Er ist zuversichtlich, in den durch den Frieden zugänglich gewordenen Regionen, die über hohes, aber bisher ungenütztes Wasserkraftpotenzial verfügen, Folgeaufträge zu generieren.

Mega-Ausbaupläne Nachholbedarf hat Kolumbien vor allem bei der Verkehrsinfrastruktur. Der Masterplan für intermodalen Verkehr sieht bis 2035 Investitionen von rund 60 Mrd. Dollar für den Ausbau von Straßen, Häfen und Flughäfen sowie die Schiffbarmachung von Flüssen vor – wofür private Investoren gesucht werden. Zudem soll die Eisenbahn ausgebaut, das Stromnetz überholt und bei erneuerbarer Energie diversifiziert werden. Investitionen in den Gesundheitssektor sowie in Abfallwirtschaft und Umwelttechnik stehen ebenfalls auf dem Programm. Zwei österreichische Firmen konnten sich hier bereits einbringen. So ist der Baukonzern Strabag am Ausbau der insgesamt 176 Kilometer langen Autobahn von Medellín an die Küste beteiligt. Und Doppelmayr errichtet für das öffentliche Verkehrsnetz in Bogotá eine Stadtseilbahn. Durch die Verhandlungen über die Grundstücksablöse habe sich der Baubeginn verzögert, sagt Projektleiter Lorenz Mehl. Mit den zwei lokalen Baufirmen, mit denen Doppelmayr kooperiert, ist er jedenfalls zufrieden: „Die Baufirmen sind besser aufgestellt, als man meint – auch wenn sie nicht europäisches Niveau erreichen.“ Die Seilbahn wird kommenden Mai eröffnet. Mehl hofft, bis dahin neue Projekte in der Tasche zu haben.

Beim Bau der U-Bahn in Bogotá will wiederum die Linzer Ingenieursfirma D2 Consult International zum Zug kommen. Der Tunnelbauspezialist ist derzeit mit konzessionellen Baufirmen vor allem im Straßenbereich im Land tätig. Dass ein kolumbianischer Ingenieur die Akquisition vor Ort betreibt, sieht Geschäftsführer Andreas Beil als Voraussetzung für den Erfolg. „Es passiert in Kolumbien viel auf der persönlichen Ebene“, sagt er. Die Geschäftskultur erachtet er als Herausforderung: Bürokratie habe einen hohen Stellenwert, die Regularien seien sehr strikt. Dazu kommt: „Es gibt sehr gut ausgebildete Ingenieure, aber leider zu wenige“, sagt Beil.


Tann Colombiana, hochmoderner Betrieb in der Nähe von Medellín

Hot Spot für Investoren Aufgrund hoher Anreize und attraktiver Aussichten ist Kolumbien seit Jahren auch bei Investoren beliebt, 2016 war es nach Brasilien und Mexiko mit knapp 14 Mrd. Dollar der drittgrößte Empfänger ausländischer Direktinvestitionen in Lateinamerika. Aus Oberösterreich heraus tätigte vor bereits mehr als vierzig Jahren der Hersteller für Mundstückbelagpapier Tann in der Kleinstadt La Ceja unweit von Medellín seine erste Auslandsinvestition. Der nunmehrige Vorstandsvorsitzende, Christian Trierenberg, leitete das Werk anfangs selbst. „Tann Colombiana hat von Anfang auf Qualität gesetzt und zur Verbesserung der Lebensqualität in der Region beigetragen“, erklärt Felipe Arango, der heutige Geschäftsführer von Tann Colombiana. „Das macht das Unternehmen bis heute erfolgreich.“ Arango beklagt die steigende Steuer- und Abgabenbelastung im Land, sieht aber vor allem den Infrastrukturausbau positiv – so soll demnächst ein nahegelegener Hafen, wo derzeit nur Bananen umgeschlagen werden, ausgebaut werden. Was die Zukunft anlangt, ist Arango vorsichtig. Entscheidend sei das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2018. Da werde über die Fortsetzung des Friedenspfades entschieden, der das Land bisher schon sehr viel gekostet hat.


Porsche ist dabei, in Kolumbien Boden zu gewinnen.


Viktoria Kaufmann-Rieger
treibt mit 120 Mitarbeitern den Verkauf von VW, Audi, Seat und Skoda voran.

Die Ankunft von Investoren und Unternehmen im Land beflügelt auch das Geschäft von Viktoria Kaufmann-Rieger, Geschäftsführerin der seit 2012 bestehenden Niederlassung der Salzburger Porsche-Holding. Die Österreicherin betreut mit knapp 120 Mitarbeitern ein landesweites Netz von 47 Standorten und 32 Händlergruppen und importiert PKW der Marken VW, Audi, Seat und Skoda sowie VW LKW, Nutzfahrzeuge und Busse aus Brasilien, Mexiko, Argentinien und Europa. Kaufmann-Rieger: „Porsche Colombia wird mit einem Marktanteil von rund 5 Prozent in 2017 wieder ein Rekordjahr erreichen.“ Die Managerin sieht großes Potenzial im Land, das sie in den nächsten Jahren erschließen will. Durch die neuen Freihandelsabkommen werde der Import der Fahrzeuge stetig attraktiver, sagt sie, und kompensiere zum Teil die bessere Ausgangslage einiger lokal produzierter Marken wie Chevrolet, Renault und Toyota.

Einstiegshilfe Heute sind 34 österreichische Unternehmen in Kolumbien tätig: fünf im produktiven Sektor, neun im Projektgeschäft, die übrigen im Vertrieb und Service. „Da gibt es ganz sicher noch Raum für mehr“, sagt Wirtschaftsdelegierter Hans-Jörg Hörtnagl. Um auf die Potenziale des aufstrebenden Landes aufmerksam zu machen, legte er dieses Jahr einen Schwerpunkt auf Beratung und Engineering sowie Bau- und Infrastruktur und lud im Oktober zu einem Austria Showcase nach Bogotá, zu dem zehn österreichische Top-Unternehmen aus dem Infrastrukturbereich anreisten. 350 Unternehmen aus ganz Kolumbien fanden sich zu einem Treffen mit den Österreichern ein. Auch die Tourismusministerin und der Bürgermeister von Bogotá empfingen die Firmen und bekundeten großes Interesse an einer Zusammenarbeit.

„Für 2018 stehen urbane Technologie, Umwelttechnologie und Energiewirtschaft im Fokus, dazu ist im Herbst wieder ein Austria Showcase geplant“, informiert Hörtnagl über das kommende Programm. 2019 wird der Schwerpunkt auf Agrarwirtschaft und Tourismus liegen – wenn Kolumbien auf Kurs bleibt, wird der Wirtschaftsdelegierte wohl wieder mit einem vollen Haus rechnen können.

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DATEN UND FAKTEN


Ballungsräume in vier Klimaregionen

Land mit sechs Millionenstädten
Bevölkerung 48,7 Mio.
Fläche 1.141.750 km2
BIP-Wachstum 1,8 Prozent ↑
BIP/Kopf 14.160 Dollar
Ö. Importe 38 Mio. Euro ↑
Ö. Exporte 99 Mio. Euro ↑
Quelle: WKO

© corporAID Magazin Nr. 73
Text: Ursula Weber
Fotos: Wikimedia Frequentis, DiAustria, Frequentis, D2consult, Tann, Porsche-Holding

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