ADA-Wirtschaftspartnerschaft

Biogasmobilität für Brasiliens Bauern

10/2017 - Die Landwirte Brasiliens füllten bisher Diesel in die Tanks ihrer Traktoren. Dies soll sich bald ändern. Das Wiener Innovationsunternehmen Spirit Design hat für landwirtschaftliche Regionen in Entwicklungsländern ein umfassendes Mobilitätssystem auf Biogasbasis zur Marktreife geführt, das billiger und umweltfreundlich ist.





CH4PA Der Prototyp befindet sich bereits auf brasilianischem Boden. Im Hintergrund die neu errichtete Pilotanlage für die Biogas­treibstoff­herstellung.

Wenn Georg Wagner, Mitbegründer der Wiener Innovationsfirma Spirit Design, auf die vergangenen fünf Jahre zurückblickt, kann er nur sagen: „Wahnsinn.“ Gerade hat er die letzte Gruppe von insgesamt 150 brasilianischen Bauern verabschiedet, die seit Juni nach Wien gekommen sind, um österreichische Biogastechnologie kennenzulernen. Wagner ist mit seiner Idee, einen Traktor für Landwirte in Entwicklungsländern zu designen, aber nun am Ziel. Im November wird er das Ergebnis intensiver Arbeit und Forschung vor Bauern und Investoren in Brasilien präsentieren: ein ökologisch wie ökonomisch vorteilhaftes Mobilitätssystem für ländliche Regionen in Entwicklungsländern. Und dann soll es richtig losgehen.


Biogas ist ein Nebenprodukt der Landwirtschaft. Umgewandelt in Treibstoff erhöht sich sein Wert um das Vierfache.

Ausgangspunkt Brasilien war von Anfang an die Pilotregion, in der der Unternehmer seinen Haflinger für Entwicklungsländer zur Marktreife führen wollte. Das gesuchte Gefährt mit Traktoreigenschaften – belastbar, geländegängig, auch bei niedriger Drehzahl leistungsstark, mit einer Tonne Zuladung – gibt es dank Finanzierung der Wirtschaftsagentur Wien WAW als Einzelanfertigung seit Ende 2014. Das neue Transport- und Arbeitsfahrzeug ist als Klein-LKW typisiert und wird daher auch auf Brasiliens Schnellstraßen fahren dürfen – als Traktor wäre es nicht zugelassen. Über seinen größten Vorzug gibt aber sein Name Aufschluss: Der CH4PA, brasilianisch-portugiesisch ausgesprochen Schapa, was Kumpel bedeutet, wird nicht mit Diesel, sondern mit dem um die Hälfte billigeren CH4, nämlich Methangas, angetrieben. Dieses wird aus Biogas gewonnen, das die Bauern durch die Vergärung biogener Abfälle in Brasilien teilweise verpflichtend schon bisher selbst erzeugten, allerdings halbherzig, denn die Abgabe des Biogases für die Stromerzeugung war finanziell wenig lukrativ, und eine andere Verwertung gab es nicht. Demgegenüber hat Wagner nun eine attraktives Geschäftsmodell anzubieten: „Aufgrund der hohen Dieselpreise steigt der Wert von Biogas um 400 Prozent“, erklärt er, „wenn man es reinigt, verdichtet und als Treibstoff nutzt.“ Dass das Nebenprodukt der Biogaserzeugung hochwertiger Dünger ist, macht die Sache rund.

Wegbegleiter Wagner war das Projekt von Anfang an mit einer Reihe von Partnern angegangen. Für den technischen Teil hatte er neben AVL List, Landtechnik Tobias und dem Green Tech Cluster die Universität für Bodenkultur, die Technische Universität Wien, die Austrian Energy Agency sowie das Forschungsinstitut Cibiogas mit Sitz im landwirtschaftlich geprägten brasilianischen Bundesstaat Paraná gewonnen. Cibiogas war vor acht Jahren von der Betreibergesellschaft des Wasserkraftwerks Itiaipu – dem leistungsmäßig größten Wasserkraftwerk der Welt – gegründet worden, um Lösungen für die Grundwasserverschmutzung durch Gülle zu finden, und erwies sich als Schlüsselpartner für Wagners Vorhaben. Unter dem Motto „Atmove – Biogas Innovations“ wurde die Kooperation zwischen Spirit Design und Cibiogas 2015 besiegelt. Cibiogas erreichte dann auch die offizielle Zulassung von Biogas als Treibstoff und den steuerfreien Eigenverbrauch des gereinigten Biogases als Kraftstoff. Dazu stellte es Gelder für die Weiterentwicklung des Projekts seitens der Regierung und der Weltbank auf.

Wagner brachte selbst auch Finanzierung mit. Anfang 2016 konnte er eine Förderung der Austrian Development Agency ADA im Rahmen einer Strategischen Allianz erreichen. Martin Ledolter, Geschäftsführer der ADA, begründet das ADA-Engagement dabei mit der „vielversprechenden Verschränkung von Forschung, Lehre, Entwicklung und praktischer Umsetzung, um Brasilien bei der Bewältigung seines Treibhausgasproblems zu unterstützen und der Landwirtschaft Zugang zu einer Schlüsseltechnologie zu eröffnen, die lokal weiterentwickelt wird“.


Meilenstein Georg Wagner von Spirit Design (links) präsentiert mit Cibiogas-Präsident Rodrigo Regis die erste Biomethantankstelle in Paraná.

Vom Modul zum System Das Fahrzeug war entwickelt, was fehlte, war das Drumherum und ganz zentral: die Möglichkeit, Biogas zu tanken. Durch die ADA-geförderte Strategische Allianz konnte Wagner hier entscheidend vorankommen. Zum einen wurde der CH4PA erfolgreich durch den Zoll gebracht und in Brasilien eingeführt, um ihn vor Ort zu testen, den Prototypen zur Serienreife zu bringen und die Produktion vorzubereiten. Fest steht bereits, dass die Brasilientochter von AVL List die Serienentwicklung managen wird, und für die Finanzierung hat die Arnold Schwarzenegger-Stiftung R20 Unterstützung zugesagt. Daneben wurde bei Cibiogas eine Pilotanlage für die Treibstoffherstellung aus Biogas sowie eine zugehörige Tankstelle errichtet. „Damit ist ein Gesamtsystem Realität geworden“, konstatiert Wagner. Die Anlage wurde bereits von einer Delegation der Vereinten Nationen und Regierungsvertretern aus ganz Lateinamerika besichtigt.

Im Rahmen der Strategischen Allianz wurde von den bestehenden Partnern auch ein Biogas-Innovationszentrum initiiert, das den österreichisch-brasilianischen Technologietransfer vorantreiben und weitere Produktlösungen für den brasilianischen Markt finden soll. Erstes handfestes Ergebnis ist ein Konzept für eine mobile Biogasaufbereitung, berichtet Wagner. Außerdem schlossen die Universität für Bodenkultur und die TU Wien mit brasilianischen Universitäten Kooperationen ab, um das Wissen um die hochwertige Nutzung von Biogas auch in der universitären Bildung zu verankern. Dies führte zu Forschungsaufenthalten in Österreich und soll sich auch noch in neuen Studiengängen niederschlagen. Parallel arbeitet Cibiogas auch mit österreichischen Experten an einem Online-Kurs zum Thema.

Die Zeit ist also reif für Biogas in Brasilien. Im Zuge des mehrtägigen Abschlussevents für diese erste Phase im November will Wagner nun nächste konkrete Schritte setzen. Er sieht Atmove als eine Consultingfirma für Bauern und Kooperativen. Daneben soll eine Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft entstehen, die auf Lizenz produzieren lässt. Wagner ist voller Ideen und will keine Zeit verlieren. Immerhin warten schon Anfragen aus Indien und Afrika.

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DAS UNTERNEHMEN

Der Zeit voraus
Die Spirit Design – Innovation and Brand GmbH ist ein 1993 von Georg Wagner und Daniel Huber in Wien gegründetes Unternehmen für strategisches Design. Das KMU berät Unternehmen bei Innovationsprozessen – sei es bei Produkten, Services, Marken oder beim Geschäftsmodell. Die Kundenliste ist lang und reicht von der A1 Telekom Austria bis zum Werkzeugbauer Zoerkler Gears. Spirit Design beschäftigt aktuell 20 Mitarbeiter und ist immer öfter auch im Ausland gefragt.

© corporAID Magazin Nr. 72
Text: Ursula Weber
Fotos: Spirit Design

 

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