Großes Interview

Mit Futtermitteln auf Wachstumskurs

08/2017 - Bevölkerungswachstum und sich ändernde Ernährungsgewohnheiten machen Tiergesundheit weltweit zu einem wichtigen Thema. Jan Vanbrabant, Vorstandsvorsitzender des Biotechnologieunternehmens Erber Group, will an diesen Trends nicht nur teilhaben, sondern sie aktiv mitgestalten.



Jan Vanbrabant
leitet seit 2016 die Erber Group.

corporAID: Wie schätzen Sie die aktuelle Wirtschaftslage ein?

Vanbrabant: Die Beurteilung der globalen Wachstumsaussichten überlasse ich lieber den Experten, und die erwarten für die nächsten Jahre eine Beschleunigung des Weltwirtschaftswachstums auf rund 3,5 Prozent. Die Wirtschaftslage der Erber Group kann ich besser beurteilen: Wir blicken auf erfolgreiche Jahre mit einem Wachstum von durchschnittlich 16 Prozent zurück, wir konnten unseren Umsatz in den vergangenen fünf Jahren verdoppeln. Uns kommt zugute, dass Verbraucher weltweit heute mehr denn je Wert auf Lebensmittelsicherheit zu einem leistbaren Preis legen. Die Erber Group ist hier bestens aufgestellt: Wir sind in mehr als 120 Ländern tätig, in rund 50 mit einer eigenen Niederlassung – die weltweite Streuung des Umsatzes ist eine solide Basis für Wachstum.

Wo liegen die Wachstumsmärkte der Erber Group jetzt und zukünftig?

„Den Großteil
unseres Umsatzes erwirtschaften wir in Europa. Es wird aber nur mehr wenige Jahre dauern, bis Asien aufschließt.“

J. Vanbrabant

Vanbrabant: Den Großteil unseres Umsatzes erwirtschaften wir in Europa, der wichtigste Einzelmarkt ist immer noch Österreich. Es wird aber nur mehr wenige Jahre dauern, bis Asien aufschließt. Auch Südamerika hat ein starkes Wachstumspotenzial. Zwar investieren wir nach wie vor auch in Europa, der Schwerpunkt liegt aber zunehmend außerhalb Europas. Für uns sind alle Märkte mit einer wachsenden Bevölkerung und steigenden Einkommen interessant. Aktuell stellen wir ein neues Werk in China fertig, und auch für Indien und Myanmar gibt es entsprechende Pläne.

Was verbinden Sie mit Globalisierung?

Vanbrabant:Ich bin Belgier und erst vor einigen Wochen nach Österreich übersiedelt, nachdem ich die vergangenen acht Jahre in Singapur gelebt habe. Wenn Sie so wollen, lebe ich Globalisierung. In vielen europäischen Ländern werden die Themen Globalisierung und Internationalisierung aber mehr auf einer emotionalen und weniger auf einer inhaltlichen Ebene diskutiert – man hat das speziell am Beispiel der transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP und CETA gesehen. Hier dreht sich die Diskussion zumeist nicht um die großen Zusammenhänge, sondern um kleinteilige Fragen wie die Herkunft von Lebensmitteln. Viele Menschen verunsichert die Vorstellung, amerikanische Milch und brasilianisches Geflügel zu konsumieren und ihre vergleichsweise hohen Standards in Bereichen wie Umweltschutz und Nahrungsmittelsicherheit im Tausch gegen Handelserleichterungen und ein etwas höheres Wirtschaftswachstum aufzuweichen oder zu verlieren. Für österreichische Unternehmen wie die Erber Group hat die Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten fantastische Möglichkeiten geschaffen, weltweit Märkte zu erschließen und die eigenen hohen Standards vom Standort Getzersdorf aus in die ganze Welt zu tragen.

Wie beurteilen Sie den Standort Österreich für international tätige Unternehmen?

Vanbrabant: Die Erber Group ist ein österreichisches Familienunternehmen – die Eigentümer bekennen sich zum Standort Österreich und legen ihren Schwerpunkt auf nachhaltiges regionales Wirtschaften. Trotz globaler Expansion sind zahlreiche strategische Kernbereiche in Österreich angesiedelt. So sind etwa am Biomin Research Center in Tulln mehr als hundert Wissenschafter tätig. Unterstützt werden sie von acht Zentren für angewandte Tierernährung und einem globalen Netzwerk akademischer und wissenschaftlicher Einrichtungen. Darüber hinaus ist Österreich aufgrund seiner Infrastruktur, Sicherheit und Lebensqualität ein attraktives Land.

Die Erber Group ist ein forschungsintensives Unternehmen. Wie treiben Sie Innovation voran?

Vanbrabant:Innovation im Interesse der Kunden war von Beginn an die treibende Kraft und ist sowohl in den Köpfen der Mitarbeiter als auch in den Strategien der Erber Group verankert. Als Familienunternehmen haben wir die Möglichkeit, hier langfristig zu agieren. Innovationen bedürfen oft großer Anfangsinvestitionen, die sich mitunter erst nach zehn Jahren refinanzieren. Wir sind aber auch als Marktführer gefordert, am Ball zu bleiben. Dank unserer Zusammenarbeit mit mehr als 200 Labors und Forschungseinrichtungen rund um den Globus sind wir auf vielen Gebieten Vorreiter. Gerade diese Partnerschaften inspirieren uns, Grenzen auf dem Gebiet der Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit zu überschreiten und an der Entwicklung kundenorientierter Lösungen weiterzuarbeiten. Die Erber Group beteiligt sich dabei auch am Ausbau universitärer Einrichtungen wie beispielsweise dem Erber Research Center an der Kasetsart University in Thailand.

Wie sehen Sie den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit?

„Die Erber Group möchte dazu beitragen, dass die wachsende Nachfrage nach tierischem Protein in Entwicklungsländern nachhaltig befriedigt werden kann.“

J. Vanbrabant

Vanbrabant: Wir sind ein Familienunternehmen und sehen auch unsere Kunden und Geschäftspartner als Teil davon. Langfristige Beziehungen sind die Basis unseres Erfolgs. Wir wollen uns daher gemeinsam mit unseren Kunden in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie den sich verändernden Anforderungen der Zukunft stellen. Für die Erber Group bedingen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit einander. Wir sind hier, um zu einer Verbesserung der Effizienz, Qualität und Sicherheit von Lebens- und Futtermittelprodukten beizutragen. Die Fleischproduktion wird oft in ein schlechtes Licht gerückt, dabei ist Fleisch eine gesunde und günstige Proteinquelle. Mit unseren Produkten können gesündere Tiere ohne Antibiotika schneller wachsen – das verringert den ökologischen Fußabdruck enorm und ist zudem auch für den Konsumenten besser. Als Erich Erber das Unternehmen 1983 gründete, war er der erste, der Futtermittel aus natürlichen Zutaten und ohne Antibiotika auf den Markt brachte. Heute möchte die Erber Group dazu beitragen, dass die wachsende Nachfrage nach tierischem Protein in Schwellen- und Entwicklungsländern nachhaltig befriedigt werden kann. Das ist besonders in Indien, Südostasien und mittlerweile auch in Afrika ein wichtiges Thema.

Welche Trends verändern Ihr Geschäft?

Vanbrabant:Die Trends zu nachhaltiger Landwirtschaft und Tierhaltung sind einem ständigen Wandel unterworfen – wir sehen hier die Chance, diesen Veränderungen nicht nur zu folgen, sondern sie vielmehr mitzugestalten. Dazu kommen Trends wie „Tierwohl ist das neue Bio“, die den steigenden Qualitätsanspruch des Endkonsumenten widerspiegeln. Solche Veränderungen passieren aber nicht nur in Europa. Als ich vor acht Jahren in Singapur für die Erber Group zu arbeiten begann, gab es in Asien wenig Interesse daran, Antibiotika als Wachstumsförderer in der Tiernahrung einzuschränken – in Europa war das zu diesem Zeitpunkt bereits verboten. In manchen Ländern gab es zwar eine Nachfrage nach Alternativen, aber nur für den Export und nicht für die lokalen Märkte. In den vergangenen Jahren hat hier ein massiver Sinneswandel eingesetzt: Einige Länder wie Südkorea, Japan oder Thailand haben Antibiotika als Wachstumsförderer bereits verboten, Vietnam und Indonesien befinden sich gerade in diesem Prozess, China und Indien haben entsprechende Pläne. Treibende Kraft dieses Wandels sind aber nicht gesetzliche Vorgaben, sondern die Konsumenten, die sich mehr und mehr bewusst werden und aktiv darüber entscheiden, was sie essen und welche Auswirkungen diese Entscheidung für sie selbst und auch für die Gesundheit und das Wohlergehen der Tiere hat.

Welche spezifischen Herausforderungen stellen sich in Schwellen- und Entwicklungsländern?

Vanbrabant: Die globale Präsenz der Erber Group wächst beständig, wir sind heute in vielen Ländern Lateinamerikas und Asiens vertreten. Unser Unternehmen ist sehr dezentral organisiert. Wir versuchen, lokale Beziehungen und Partner zu fördern und zu beauftragen. Speziell im Vertrieb ist es uns wichtig, dass unsere Kunden Ansprechpartner haben, welche die Region und ihre Herausforderungen gut kennen. Das stärkt das Vertrauen als Voraussetzung für langfristige Beziehungen. Nach Möglichkeit produzieren wir daher in der Region, wir glauben nämlich nicht, dass es Sinn macht, unsere Produkte um die halbe Welt zu transportieren. Das Wachstum der Gruppe basiert vielmehr auf lokalen Geschäftsbeziehungen und einer langfristigen, regionalen Weiterentwicklung.

Verfügen Sie über spezielle Produkte für ärmere Länder?

Vanbrabant: Wir bieten überall auf der Welt Qualitätsprodukte mit einem fairen Preis-Leistungs-Verhältnis an. Das ist die Voraussetzung, weil es letztlich überall um das Gleiche geht: Landwirte kaufen nur Produkte, die sich für sie rechnen. Ausgehend von unserer zentralen Forschung in Österreich entwickeln wir kundenspezifische Produkte für regional unterschiedliche Bedürfnisse, weswegen wir natürlich in Afrika andere und mitunter auch günstigere Lösungen anbieten als etwa in den USA.

Was bedeutet unternehmerische Verantwortung für die Erber Group?

„Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht Unternehmergeist und soziales Bewusstsein.“

J. Vanbrabant

Vanbrabant: Wir sind davon überzeugt, dass eine zukunftsfähige Gesellschaft zwei Dinge braucht: Unternehmergeist und soziales Bewusstsein. Wir setzen daher auch zwei Schwerpunkte: Auf der einen Seite steht das philanthropische Engagement der Eigentümerfamilie. Hier unterstützen wir Sozialprojekte in den Bereichen Bildung, Agrarentwicklung, Landwirtschaftstechnik, Trinkwasserqualität, Katastrophen- und Flüchtlingshilfe. Auf der anderen Seite hat sich die Erber Group der Nachhaltigkeit verpflichtet, beispielsweise in ihren Unternehmenspolicies zu Facility Management und Einkauf. In allen Divisionen wird über die gesamte Produktionskette nach Möglichkeiten der Reduktion von Treibhausgasen gesucht. Unsere Maßnahmen reichen von globalen Ansätzen wie der Reduktion des Einsatzes von nicht-erneuerbaren Ressourcen bis hin zu einzelnen Optimierungen in unseren Prozessen. Bis 2023 wollen wir CO2-neutral sein. Verantwortung und Nachhaltigkeit spielen aber auch bei unseren Produkten eine zentrale Rolle: Das ist nicht nur bei der Tiergesundheit so, sondern auch bei der Lebensmittelsicherheit. Durch den Klimawandel steigt beispielsweise das Risiko der Kontamination von vor allem Getreide mit Schimmelpilzgiften, und wir sind Weltmarkführer beim Mykotoxin-Risikomanagement. Dadurch kann in vielen tropischen und subtropischen Teilen der Welt Getreide bedenkenlos verzehrt werden.

Was macht Ihrer Meinung nach ein Unternehmen zukunftsfähig?

Vanbrabant:Für mich ist das die Kombination aus den Ambitionen der Eigentümer und jenen der Mitarbeiter. Wenn wir unseren Wachstumskurs weiter verfolgen, werden wir unser Business in den nächsten fünf Jahren wiederum verdoppeln. Das stellt uns im Recruiting natürlich vor Herausforderungen. Allein heuer werden wir weltweit 150 Mitarbeiter neu einstellen, davon rund 50 in Österreich. Wir vereinen die Vorteile eines langfristig denkenden Eigentümers und sehr kurzer Entscheidungswege. Zusammen mit einer starken finanziellen Basis macht uns das zukunftsfähig.

Vielen Dank für das Gespräch.


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ZUR PERSON:

Jan Vanbrabant gehört seit 2016 dem Vorstand der Erber AG an und wurde im April 2017 zum Vorstandsvorsitzenden ernannt. Der 50-jährige Belgier ist seit 2009 im Unternehmen tätig und war als Managing Director der Tochtergesellschaft Biomin Asia Pacific bis zuletzt maßgeblich am Ausbau des Geschäfts in der Region beteiligt. Vanbrabant promovierte im Fach Biochemie an der Universität in Gent und hat zudem einen Bachelorabschluss in Wirtschaft sowie einen MBA in Marketing. Er blickt auf eine internationale Karriere in leitenden Funktionen in der Pharma-, Agro- und Biotechnologiebranche zurück.

ZUM UNTERNEHMEN


Zentrale der Erber Group in Getzersdorf

Biotechnologie aus Niederösterreich


Die Erber Group wurde 1983 von Erich und Margarete Erber in Pottendorf gegründet und ist heute weltweit führend im Bereich der Lebens- und Futtermittelsicherheit, mit Schwerpunkt auf natürlichen Futterzusätzen, Futter- und Lebensmittelanalytik sowie Pflanzenschutz. Die nach wie vor in Familienbesitz stehende Unternehmensgruppe umfasst aktuell mehr als 50 Tochter-gesellschaften und ist – Vertriebspartner mitgerechnet – in mehr als 120 Ländern vertreten. Sie ist in fünf Divisionen organisiert: Biomin Additives, Biomin Animal Nutrition, Romer Labs, Sanphar und EFB. Im Geschäftsjahr 2016 erwirtschaftete die Erber Group mit weltweit 1.400 Mitarbeitern einen Umsatz von mehr als 290 Mio. Euro.

© corporAID Magazin Nr. 71
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Christoph Eder, beigestellt

 

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