Nach dem Finale
07/2010 - Der afrikanische Kontinent erlebt gerade seine erste Fußball-WM. Für Gastgeber Südafrika erfüllt sich damit ein lang gehegter Traum. Was bleibt dem Land, wenn der Ball nicht mehr rollt?
Bafana Bafana: Die Euphorie um die südafrikanische Nationalmannschaft ist groß

Endlich mittendrin statt nur davor. Der Countdown zur 19. Fußball-Weltmeisterschaft hat mit dem Eröffnungsspiel im südafrikanischen Durban am 11. Juni sein Ende gefunden. Und mit Beginn des größten Sportereignisses des Jahres 2010 ist Gastgeber Südafrika für vier Wochen zum Mittelpunkt der Welt avanciert. Hunderte Millionen Menschen verfolgen derzeit die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden. Für die meisten ist vor allem die Zeit zwischen An- und Abpfiff der 64 Spiele spannend. Nicht wenige interessieren sich aber auch dafür, wie souverän das Schwellenland Südafrika das Fußball-Fest stemmt.
Schließlich wurde der aktuelle WM-Gastgeber schon kritisch beäugt, seit er im Mai 2004 vom Weltfußballverband FIFA den historischen Auftrag zur Ausrichtung der WM bekam. Denn gegen eine internationale Konkurrenz hätte sich Afrikas südlichste Nation damals vermutlich nicht durchgesetzt. Aber FIFA-Präsident Sepp Blatter kam dem Land durch das – mittlerweile wieder aufgehobene – Rotationsverfahren entgegen: Demnach sollten Weltmeisterschaften ab 2010 im kontinentalen Wechsel stattfinden, und das bisher unberücksichtigte Afrika als erstes zum Zug kommen.
Afrikas Powerhouse Gegen die Mitbewerber Ägypten und Marokko konnte sich Südafrika jedenfalls problemlos durchsetzen. Und das sicher nicht nur wegen des Einsatzes von Politlegende Nelson Mandela. Sondern weil die Kap-Nation auf einem Kontinent, der oft nur mit Katastrophe, Krieg und Korruption assoziiert wird, als Hort der Stabilität gilt – und als wirtschaftliches Zugpferd: Mit seinen knapp 50 Millionen Einwohnern, rund fünf Prozent der gesamtafrikanischen Bevölkerung, erwirtschaftet Südafrika fast ein Viertel des BIPs des Kontinents. Es gehört zu den weltgrößten Förderern von Platin, Chrom, Gold und Diamanten, ist der am stärksten industrialisierte Staat Afrikas und einer der größten Agrarexporteure. Das Land begrüßt fast zehn Millionen Touristen im Jahr, hat ein gut entwickeltes Finanz- und Rechtssystem und verfügt mit Johannesburg über eine international relevante Börse. Und auch südafrikanische Unternehmen können sich sehen lassen: Etwa SAB Miller, mittlerweile in London ansässig und weltweit zweitgrößter Braukonzern, oder Mobilfunk-Anbieter MTN mit Netzen in vielen Ländern Afrikas und im Nahen Osten.
Gleichzeitig sind etliche internationale Unternehmen am Kap aktiv, um sowohl für den Weltmarkt zu produzieren als auch von hier aus den afrikanischen Markt zu bearbeiten. Wichtige Säule der südafrikanischen Industrie ist etwa die Automobilbranche mit namhaften Herstellern von Daimler über Toyota bis Volkswagen. Auch 350 österreichische Unternehmen sind in Südafrika tätig, eigene Niederlassungen haben etwa Zuckerproduzent Agrana und Technologiekonzern Andritz.
Trotz der positiven Entwicklung des Landes seit dem Ende der Apartheid 1994 liegen bis heute genügend Probleme auf dem Tisch von Regierungschef Jacob Zuma: Die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, fast jeder Vierte ist arbeitslos, die HIV-Rate liegt bei 18 Prozent. Hohe Kriminalität, ungleich entwickelte Infrastruktur und unsichere Stromversorgung machen dem Land zu schaffen – und waren gerade für die Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft keine kleinen Hürden.
Teure Spiele Die südafrikanische Regierung musste daher einiges in Bewegung setzen, um den Regeln und Wünschen des Turnier-Eigentümers FIFA gerecht zu werden. Sie beugte sich dem strikten FIFA-Marketingprogramm, das etwa traditionelle fliegende Händler in den lukrativen Fanparks und in Stadionnähe verbietet. Sie gewährte dem Verband großzügige Steuerbefreiungen und baute in Kapstadt und Durban neue Stadien, obwohl bereits Arenen vorhanden waren. Nicht zuletzt investierte sie kräftig in Flughäfen, Busnetze, Sicherheit und mehr.
Geschätzte 3,3 Mrd. Euro müssen die südafrikanischen Steuerzahler direkt für die WM aufbringen, mehr als das Doppelte des ursprünglich anvisierten Budgets. Zusätzlich legte die Regierung ein langfristiges Investitionsprogramm zur Entwicklung von Infrastruktur wie Häfen, Straßen und Eisenbahnlinien auf, das mindestens weitere 20 Mrd. Euro gekostet hat.
Dass sich diese Investments für Südafrika auszahlen würden, davon ging man zumindest 2008 noch aus: Nach damaligen Schätzungen eines regierungsbeauftragten Unternehmensberaters hätte die WM mehr als 400.000 Jobs schaffen, bis zu einer halben Million Touristen und bis zu zwei Prozent zusätzliches Wirtschaftswachstum bringen sollen.

Investitionen: Viele Arbeitsplätze wurden nur temporär geschaffen.
Turnier-Erbe Jüngere Analysen sehen das nicht mehr so rosig: Sie gehen nur noch von maximal einem halben Prozent aus, die der World Cup zum prognostizierten BIP-Wachstum von 2,3 Prozent beitragen wird. Viele der Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft oder im Tourismus haben nur temporären Charakter, und vermutlich werden weniger als 300.000 Touristen den südafrikanischen Winter live erleben.
Was wird dem Land also bleiben, wenn Sportler, Medien und Zuschauer abgereist sind? Ex-Post-Studien vergangener Sportfeste warnen jedenfalls vor zu viel Optimismus: Diese hatten im besten Fall einen unwesentlichen Einfluss auf die Makroökonomie, im schlechteren Fall verschuldeten sich öffentliche Haushalte über Jahrzehnte.
Auch für Südafrika erwartet Richard Tomlinson von der Universität Melbourne, der die langfristigen Effekte – die Legacy – von Weltmeisterschaften untersucht hat, kaum ökonomische Profite. Zudem sieht er die Gefahr, dass die WM zu mehr Ungleichheit führe – denn Investitionen gingen vor allem in die neun Gastgeberstädte und in für Sportler und Touristen relevante Bereiche. Davon würden die ärmere Bevölkerung und ländliche Gebiete kaum profitieren. Viel Geld, das in überdimensionierte Flughäfen und wohl bald leere Stadien geflossen ist, hätte in Bildung oder Sozialwesen investiert, für die Entwicklung des Landes wohl mehr gebracht, sagt Tomlinson.
Auch die Goodwill-Projekte der FIFA, die selbst mit Einnahmen von 2,6 Mrd. Euro rechnet, sind wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Blatter, der in Afrika „ein Vermächtnis hinterlassen will“, lässt etwa Jugendliche mit neuen Fußballplätzen und Bildungsmaßnahmen unterstützen.
Nicht fassbar und doch da Aber es gibt auch die so genannten weichen Faktoren: Die Fußball-WM rückt Südafrika einen Monat lang ins internationale Scheinwerferlicht, das Land kann sich als interessantes Urlaubsziel positionieren, vielleicht verstärkt auch ausländische Direktinvestitionen anziehen. Ein gelungenes Turnier steigert den Wert der Marke Südafrika, möglicherweise strahlt das positive Image auf den übrigen Kontinent aus.
Und auch ein innerer Wandel wird erhofft: Schließlich zeigt sich die Kap-Nation auch sechzehn Jahre nach Ende der Apartheid noch nicht geeint, ist eher Heimat von Parallelgesellschaften. Für Danny Jordaan, Chef des Organisationskomitees, bietet die WM die Chance auf ein neues Miteinander: „In Südafrika bauen wir eine neue Gesellschaft. Und für den sozialen Kitt braucht es gemeinsame Projekte wie die WM.“ So wie er hoffen viele, dass das Fußballfest die Menschen ähnlich eint wie einst die von Südafrika ausgerichtete Rugby-WM 1995. Der Unterschied zu heute: Damals hat Südafrika das Sportspektakel auch gewonnen.
© corporAID Magazin Nr. 28
Text: Katharina Kainz
Bilder: Flickr, Graeme Williams, Chris Kirchhoff (2), Media Club South Africa, Shane Diaz/Flickr, Doka

