Globale Sport- und Freizeitindustrie

Business Sport

07/2010 - Sport war lange Zeit ein Vergnügen für privilegierte Schichten. Im 20. Jahrhundert
wurde es zu dem Massenphänomen, das wir heute kennen. Mittlerweile ist Sport
ein Business, das weltweit Milliarden bewegt – zunehmend auch in Schwellenländern.

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Am 11. Juli ist es soweit: Im Johannesburger Soccer City Stadium wird der nächste Fußball-Weltmeister gekürt. Für den Weltfußballverband FIFA ist das Finale lediglich der krönende Abschluss eines lukrativen Turniers: Noch nie hat der als Verein registrierte Verband soviel Geld eingenommen wie mit dem World Cup 2010. 2,6 Mrd. Euro werden TV-Rechte und Sponsorings bringen, in Deutschland vor vier Jahren waren es rund 1,8 Mrd. Euro.

Seit sich Sport im 20. Jahrhundert zum kommerziellen Massenphänomen entwickelt hat, lässt sich damit eben auch gutes Geld verdienen. In der gezielten Bewegung steckt viel Business – von Sportwetten bis zum Schiurlaub, vom Surfshop bis zum Fußballstadion, vom Millionen-Werbevertrag für einen Sportler bis zu den Milliarden-Einnahmen für TV-Übertragungsrechte. 2009 wurden allein über Eintrittsgelder für Sport-Events, Sponsorings, Merchandising und Medienrechte weltweit
114 Mrd. USD umgesetzt, ermittelte der Berater PricewaterhouseCoopers. Und die nächsten vier Jahre sollen – trotz Wirtschaftskrise – ein weiteres sattes Plus von 15 Prozent bringen.

Sport ist heute vor allem in Industrieländern ein – oft unterschätzter – Wirtschaftsfaktor, der im Schnitt rund zwei Prozent zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Als weltweit populärster Sport gilt Fußball, laut FIFA waren 2006 265 Millionen Vereins- und Freizeitspieler registriert.

Professionell und kommerziell gemanagt wie vor allem in Europa, ist auch das Spiel auf dem grünen Rasen ein Milliardengeschäft. Allein der deutsche Profi-Fußball soll, so Unternehmensberater McKinsey, 0,2 Prozent zum BIP beitragen, 110.000 Jobs schaffen und Deutschland jährlich rund 1,5 Mrd. Euro netto bescheren.


Real-Star Kaká: 2003 für 8 Mio. Euro nach Europa


Formel 1: Grandprix von China in Shanghai


25 Mrd. Euro: Winterspiele im russischen Sotschi

Global Player Topclubs aus England, Deutschland oder Spanien sind aber nicht nur in den Heimatmärkten aktiv: Ihre Spiele werden weltweit übertragen, Vereine wie Manchester United und Bayern München touren regelmäßig durch ausverkaufte Stadien in Afrika und Asien und gründen, wie auch Red Bull, eigene Fußballakademien von Ghana bis Brasilien.

Erfolgreicher Fußball ist aber nicht zwangsläufig made in Europe. Als weltbeste Nation gilt Brasilien: Der Rekordweltmeister führt die FIFA-Rangliste an, mehr als 500 Profivereine ringen in zahlreichen Ligen um Tore und Fans. Allein der Traditionsclub Flamengo aus Rio zählt mehr als 35 Millionen Anhänger. Die brasilianischen Top 20-Vereine haben 2009 rund 1 Mrd. USD eingenommen, so viel wie noch nie zuvor. Davon kommt ein Viertel vom Verkauf der weltweit begehrten Spieler ins Ausland. Auf die fußballbegeisterte Nation wartet 2014 ein besonderer Höhepunkt – dann wird Brasilien das zweite Mal nach 1950 eine Fußball-WM ausrichten. Nach dem aktuellen Turnier in Südafrika wird somit ein weiteres Mal ein Schwellenland zum Gastgeber des nach Zuschauerzahlen weltgrößten Sportereignisses.

Ein aktueller Trend, der sich nicht nur im Fußball abzeichnet: Denn die Lizenzinhaber wichtiger Sportereignisse wie der Formel 1-Veranstalter FOC, das Olympische Komitee IOC oder eben die FIFA weiten ihre Aktionsradien laufend aus (siehe Interview Peter Mann, S. 42). Im internationalen Sportkalender tauchen daher immer öfter neue Austragungsorte für Formel-1-Rennen, Olympische Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften auf. Neben Ländern des Mittleren Osten sind vor allem Emerging Marktes wie China, Brasilien, Russland oder Südafrika an der Ausrichterrolle interessiert. „Schwellenländer wollen sich durch Großveranstaltungen hervorheben und sich an die vorderste Front der Weltbühne bringen“, erklärt Greg Pellegrino, Autor einer Deloitte-Studie zu Sportevents.

Für besonders hochkarätige Veranstaltungen setzt sich auch die Politik massiv ein: Brasiliens Präsident Lula da Silva flog vorigen Herbst eigens nach Kopenhagen, um nach der Fußball-WM auch noch die Olympischen Sommerspiele – nach vier gescheiterten Versuchen – 2016 endlich nach Rio zu holen. Die Winterspiele in Sotschi 2014 gelten ohnehin als Liebkind von Russlands mächtigem Mann Wladimir Putin.

Hohe Kosten Die Anforderungskataloge der internationalen Verbände nehmen allerdings wenig Rücksicht auf den Entwicklungsstand eines Bewerbers. Schwellenländer müssen meist viel Geld aufbringen, um die Sport-Megaevents auf internationalem Niveau stemmen zu können. Der Aufwand für Sportstätten, Straßen und Unterkünfte ist aufgrund von infrastrukturellen Schwächen oft sogar um ein Vielfaches höher als in reicheren Ländern.
Mit rund 26 Mrd. Euro gelten die Olympischen Sommerspiele in Beijing 2008 als die teuersten überhaupt, Athen hat vier Jahre zuvor rund 9 Mrd. Euro investiert. Die Winterspiele in Sotschi werden insgesamt geschätzte 25 Mrd. Euro verschlingen, für Vancouver 2010 waren es rund 3,8 Mrd. Euro. Und Doppelveranstalter Brasilien wird besonders tief in die Tasche greifen: Anlässlich der Fußball-WM 2014 pumpen Staat und Privatwirtschaft schätzungsweise 33 Mrd. Euro in die Infrastruktur. Die Baumaßnahmen in Deutschland für die WM 2006 kosteten dagegen bescheidene 6 Mrd. Euro. Die Gesamtinvestitionen für die Sommerspiele in Rio werden derzeit auf bis zu 11 Mrd. Euro geschätzt.

Hohe Investments meist öffentlicher Gelder rechtfertigen Regierungen nicht nur mit dem potenziellen Plus am Imagekonto. Sie wollen mit den Sportevents auch den Ausbau von Infrastruktur beschleunigen und damit Entwicklung fördern. Sie hoffen darauf, wie derzeit etwa WM-Host Südafrika, dass Großevents den sozialen Zusammenhalt stärken und identitätsstiftend wirken. Und sie wollen die breite Masse vermehrt zum Sport führen – im Interesse der öffentlichen Gesundheit und der Entwicklung neuer Top-Athleten.


China spielt bereits auf der globalen Sportbühne.


Indien muss dafür noch einiges mobilisieren.

Indien will mitspielen Eine sportaffine Bevölkerung ist nicht zuletzt auch Prämisse für die Entwicklung des kommerziellen Potenzials, das im Sport steckt. Megaevents und erfolgreiche Athleten können das Interesse wecken, Turniere live zu erleben, Sportschuhe zu kaufen oder einen Aktivurlaub zu buchen.

China hat sich bereits zur Sportnation entwickelt: Die kommunistische Regierung sucht und fördert seit vielen Jahren systematisch Talente. Mit Erfolg: Allein bei den Sommerspielen 2008 hat der Gastgeber 100 Medaillen im Land behalten können. Längst gibt es professionelle Ligen für Fußball und Basketball, an Universitäten wird Sportmanagement gelehrt, immer mehr Menschen, vor allem der aufstrebenden Mittelschicht, verfolgen und betreiben Trendsportarten wie Golf und Tennis. Die Politik forciert den Sport- und Fitnessmarkt auch in nicht-traditionellen Bereichen wie etwa Schifahren. Das spürt auch die Wirtschaft: Die Sportindustrie wuchs laut chinesischer Sportverwaltung innerhalb von vier Jahren von 8,6 Mrd. USD auf 22,8 Mrd. USD (2008).

Auch in der Sportindustrie Indiens stecke großes Geld, ist Udit Sheth, CEO des indischen Infrastrukturunternehmens TransStadia, überzeugt. Er geht von einem jährlichen Marktpotenzial von einer Billion Rupien, mehr als 17 Mrd. Euro, aus. Und die gelte es zu entwickeln. Denn noch ist das Land sportlich gesehen ein schlafender Riese. In vielen Schulen fehlt es an Übungsplätzen und Trainern und selbst in großen Städten ist moderne Sportinfrastruktur rar. Abgesehen von Cricket spielt Indien auf der globalen Sportbühne nur eine Nebenrolle: Bei bisher 46 Olympischen Spielen errang es gerade einmal 20 Medaillen, im aktuellen FIFA-Ranking findet sich das indische Fußball-Team nur auf Platz 133.

Indische Unternehmen wollen nun dem sportlichen Erfolg auf die Beine helfen: Erst unlängst haben sich zwei große Mischkonzerne mit westlichen Partnern zusammengetan: Die Mahindra Gruppe hebt gerade mit der US-amerikanischen National Basketball Association NBA eine Basketball-Liga aus der Taufe. Und Reliance Industries hat ein Joint Venture mit dem US-Sportmarketingriesen IMG gegründet, der unter anderem das Tennisturnier in Wimbledon vermarktet und Stars wie Roger Federer managt. Das US-indische Gespann will in den nächsten Jahren professionelle und vermarktungsfähige Fußball- und Basketball-Ligen aufbauen und im ganzen Land moderne Sportakademien eröffnen.

Und auch Indien setzt auf Großveranstaltungen, um den Aufstieg zur Sportmacht zu beschleunigen: Im Oktober finden in Delhi erstmals die Commonwealth Games statt. Das Sportfest der ehemaligen britischen Kolonien ist der indischen Hauptstadt gut 2,5 Mrd. USD wert. 2011 ist Indien Mitausrichter der Cricket-WM und Delhi bekommt sein erstes Formel-1-Rennen.

Sportliche Peripherie Aber auch abseits der globalen Megaevents finden tagtäglich rund um dem Erdball unzählige Sportereignisse statt. So gibt es kaum ein Land ohne klassischen Langstreckenlauf – vom Inka-Marathon in Peru bis zum Mongolian Sunrise to Sunset Ultra Marathon. In vielen Weltteilen werden zudem Multi-Sport-Events abgehalten, bei denen sich Athleten in regional bedeutenden Sportarten messen: Heuer fanden beispielsweise in Bangladesch die South Asian Games statt, mit 2.000 Athleten aus acht Ländern, die in Wushu, Kabaddi und Taekwondo auf einander trafen. Nächstes Jahr richtet Mosambik die seit 1965 im Vier-Jahres-Takt stattfindenden Panafrikanischen Spiele aus. Neben den sportlichen Meriten haben diese Spiele ein weiteres Ziel: Die Austragungsorte für weitere, größere Sportevents fit zu machen. Wann jedoch Olympische Spiele nach Mosambik kommen werden, das wissen wohl nur die griechischen Götter.


© corporAID Magazin Nr. 28
Text: Katharina Kainz
Bilder: Bernt Rostad, Aufumy, Flickr (4)

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