Globale Energie: Ein Markt für Österreich?
07/2010 - Michael Spalek, Netzwerk Projekte International der AWO, diskutiert mit den Energie-Experten Rudolf Hüpfl, Erwin Smole, PwC, und Andreas Ranet, Pöyry Energy, über Spezifika und Herausforderungen von Energiemärkten in Entwicklungsländern sowie Chancen für österreichische Unternehmen.
3er Gespräch mit Rudolf Hüpfl, Michael Spalek, Erwin Smole und Andreas Ranet bei der IBWE-Konferenz „Entwicklung braucht Energie“

Spalek: Energie ist ein brennendes Thema für Entwicklungs- und Schwellenländer. Einerseits wächst die Nachfrage überproportional und kurbelt wirtschaftliche Entwicklung an. Andererseits müssen jede Menge Hindernisse überwunden werden, um ein funktionierendes und nachhaltiges Energiesystem in Gang zu bringen. Diese Länder brauchen nicht nur Kraftwerke, sondern nachhaltige, marktfähige und managebare Energielösungen. Kann Europa dazu etwas beitragen?

Rudolf Hüpfl ist für die Austrian Development Agency als Energieberater tätig. Er hat umfangreiche Praxiserfahrung in der Entwicklung von Wasserkraftprojekten in Entwicklungsländern.
Hüpfl: Europa sieht sich gerne als Technologielieferant. Der Konsument hat aber einen Energie- und keinen Technologiebedarf. Es geht also nicht darum, für ein Produkt den Markt zu suchen. Man sollte vielmehr aus der Konsumentenperspektive fragen: Welche Bedürfnisse kann ich abdecken? Gemessen am Haushaltseinkommen ist Energie im Entwicklungsland sehr teuer – am teuersten ist, wenn wir an Elektrizität denken, die Batterie. Gleichzeitig reden wir viel über Energieeffizienz – die Diskussion reduziert sich dabei leider weitgehend auf den Glühlampentausch. Ein viel wichtigeres Thema wäre zum Beispiel, dass Afrika nicht klimagerecht baut – gerade die Städte verzeichnen den höchsten Zuwachs am Stromverbrauch, und das vor allem für Kühlung.
Spalek: Wie differenzieren sich entwickelte und sich entwickelnde Märkten im Energiebereich?
Hüpfl: Der überwiegende Teil der Energie in Afrika oder auch in Asien stammt aus Biomasse. Eingesetzt wird diese vor allem für die Nahrungszubereitung und nicht für Licht. Hinzu kommt, in deutlich geringerem Ausmaß, die Antriebsenergie für industrielle Produktion.
Ein zunehmendes Problem aus Geberperspektive ist der aufkommende Einsatz von nicht-erneuerbaren Energieträgern. Gerade im afrikanischen Raum werden neue Erdöl- und Kohlequellen erschlossen – und wir beklagen uns, dass unser Modell der erneuerbaren Energieträger auf wenig fruchtbaren Boden fällt. In dieser Hinsicht hat die Gebergemeinschaft momentan sehr wenige Antworten.
Spalek: Die Weltbank etwa finanziert Kohle-Projekte grundsätzlich nicht.
Hüpfl: Auch die österreichische Entwicklungszusammenarbeit unterstützt nur Erneuerbare Energie. Dennoch müssen wir akzeptieren, dass andere Geber das anders sehen. Und wir können es im EU-Kontext durchaus begrüßen.

Erwin Smole ist Director bei PricewaterhouseCoopers und berät u. a. Energieversorgungs-
unternehmen in den Bereichen Marktliberalisierung, Regulierung und Erneuerbare Energie.
Spalek: Was muss ein Land bieten, um ein Engagement der Privatwirtschaft im Energiesektor anzuziehen?
„Der Bedarf an Energie und Infrastruktur ist immer da.“
Erwin Smole
Smole: Im Prinzip ist es gleichgültig, ob der Markt wenig oder hoch entwickelt ist: Bedarf an Energie und Infrastruktur ist immer vorhanden. Wenn man die Märkte vergleicht, zeigt sich sehr schnell: Entscheidend in Entwicklungsländern sind die Rahmenbedingungen, damit sich ein Investment auch langfristig rechnet. Eine Dieselanlage kann man schnell irgendwo aufstellen, Wasserkraft ist ein Investment für Generationen. Wenn der Staat in einem Entwicklungsland es nicht schafft, Garantien abzugeben, ist es praktisch unmöglich, Kraftwerke auch nur im kleinen Ausmaß auf die Beine zu stellen.
Gleichzeitig gibt es in Entwicklungsregionen weniger Altlasten. Man hat hier die Chance, neue, effiziente Technologien einzusetzen.
Spalek: Welche Grundvoraussetzungen müssen europäische Firmen, die dort erfolgreich sein wollen, bieten?
Smole: Einer der wichtigsten Punkte ist lokale Präsenz und lokale Vernetzung, denn man muss den Bedarf der Kunden kennen. Es zeigt sich oft, dass dabei die Österreicher gegenüber anderen Ländern einen Vorteil haben, denn wir Österreicher lösen Probleme pragmatischer und verstehen auch, wie die einzelnen Segmente am Markt funktionieren.
Spalek: Herr Ranet, Sie waren über zehn Jahre in Äthiopien tätig. Wie kann man sich als österreichisches Unternehmen in solchen Märkten bewegen?

Andreas Ranet ist Leiter des Bereichs Management Consulting der Pöyry Energy GmbH. Zuvor war er viele Jahre als selbstständiger Consultant und Manager im Energiebereich tätig.
Ranet: 1995 lag der Elektrifizierungsgrad in Äthiopien bei rund zehn Prozent. Der Bedarf an Energie und auch der Bedarf an Dienstleistungen im Energiesektor waren also gegeben – gute Rahmenbedingungen gab es nicht. Daher brauchte man einen Financier – wie die ADA oder die Weltbank – mit einer Kombination aus internationalen finanziellen Mitteln und lokalem Know-how. Seither ist der Elektrifizierungsgrad gestiegen und die Erfolgsfaktoren haben sich geändert. So haben wir am Anfang stark mit Grant-Elementen gearbeitet, später haben wir auf Betriebsförderung und Managementunterstützung gesetzt, die zwar weiterhin internationale Finanzierung brauchen, aber die lokale Seite stärker einbinden. Es gibt diesen Trend, von einem Seed-Financing zu einer direkten Beteiligung der privaten Wirtschaft über zu gehen.
Aber auch heute ist es weiterhin schwierig, dort direkt Geschäfte zu machen, einfach weil die Rahmenbedingungen noch nicht gut genug sind. In Schwellenländern hat sich hier inzwischen viel mehr getan.
„Nun gibt es das Modell, in Form von Clustern oder Netzwerken in diesen Ländern aufzutreten.“
Michael Spalek
Spalek: Die Schwierigkeit ist ja, dass die österreichischen Unternehmen nicht gerade groß sind und sich das Engagement – erstens weil es ja sehr langfristig und zweitens sehr kostspielig ist – oft nicht leisten können. Nun gibt es das Modell, in Form von Clustern oder Netzwerken in diesen Ländern aufzutreten. In Zentralamerika sind österreichische Unternehmen im Bereich Solarenergie in einem Cluster aktiv. Welche Chancen geben Sie dem Modell?
Smole: Unternehmen – durchaus auch große – bilden immer wieder Netzwerke, die zumeist sehr erfolgreich sind. Dabei geht es weniger um Synergien, sondern vor allem um das Teilen von Risiken. Weniger entwickelte Märkte bedeuten einfach mehr Risiko. Von dem aus ist es sehr empfehlenswert, dass Cluster vor allem im Energiebereich auch in Österreich ein Thema werden.
Spalek: Wo orten Sie als Consulter Opportunities für Österreichs Wirtschaft?
Ranet: Österreichische Unternehmen können sich gut an exotische Situationen anpassen. Ich denke etwa an österreichische Engagements in Bhutan, auch in Äthiopien und anderen Ländern. Diese pragmatische Flexibilität ist ein großer Vorteil. Und wir haben viel zu bieten, was den Export betrifft. Ich denke an den Anlagenbau: Die österreichische Industrie ist in diesem Sektor stark exportorientiert, und damit gibt es eine große Breite an Möglichkeiten, die Technologieführerschaft, also hohe Qualität, zu einem wettbewerbsfähigen Preis auch in Entwicklungsländer zu bringen. Das Gleiche gilt für Dienstleistungsunternehmen.
Folgendes erscheint mir wichtig: Es gibt einen allgemeinen und einen spezifischen Bedarf, und es gibt das Angebot. Die interessante Frage lautet: Wie bringe ich beides zusammen, damit Projekte entstehen.
„In Österreich gibt es wenige potenzielle Investoren.“
Rudolf Hüpfl
Hüpfl: Österreich hat zahlreiche gute Technologiebereitsteller, in etwas geringerer Zahl Konsulenten. Aus einem ganz einfachen Grund: Die Energiewirtschaft war in Österreich lange ein staatlicher, monopolistischer Bereich – daher gibt es wenige private Unternehmen und auch kaum Konsulenten. Durch Investitionsmodelle wurde in den vergangenen Jahren erst ein privater Markt geschaffen. Daher gibt es in Österreich wenige potenzielle Investoren – und die sind vielleicht in Mazedonien oder Bulgarien tätig, aber nicht darüber hinaus.
Spalek: Wir haben in der Energiekette mehrere Glieder: Anlagen, Verteilung und die Frage, inwieweit dieser Strom auch den richtigen Leuten zu Gute kommt – Stichwort Entwicklungszusammenarbeit. Wo kann Österreich hier einen Beitrag leisten?
Smole: Innerhalb der Wertschöpfungskette sind exportorientierte Länder wie Österreich vor allem in die Erzeugung involviert – insbesondere bei Wasser-, thermischen Solar- und Windkraftanlagen. Hier gibt es in der Regel einen Markt. Im Netzbereich ist das schon schwieriger. Da sind überwiegend staatliche Unternehmen tätig, und dort ist es daher schwierig, bei den Rahmenbedingungen mitzureden. Dabei ist Energieservice ein spannendes Thema.
Wenn Unternehmen in einen neuen Markt gehen, wollen sie im Prinzip Hardware verkaufen. Das heißt, eine Anlage hinstellen – und irgendjemand wird sich schon um den Betrieb kümmern. Aber dieser Ansatz funktioniert nicht mehr. Heute muss man sich überlegen, was die Kunden wollen. Strom ist ja ein simples Produkt. Aber es gibt auch andere Dienstleistungen: Wärme, Kälte und so weiter.
Man muss also den Investor, den Anlagenverkäufer und den Bedarf der Kunden zusammen bringen. Auch hier geht es um Rahmenbedingungen, etwa die Umsetzung von PPP-Modellen für mittelgroße Investitionen.

Michael Spalek leitet seit 2009 das Netzwerk Projekte International der Außenwirtschaft Österreich der WKO. Davor war er Handelsdelegierter u. a. in Strassburg und São Paulo.
Spalek: Herr Hüpfl, wie kann die Entwicklungszusammenarbeit zum Aufbau von Kompetenzen für funktionierende und marktfähige Energiesysteme beitragen?
Hüpfl: Ich möchte zuerst einmal ein Wort zur Entwicklungszusammenarbeit sagen. Wir sind oft unzufrieden mit den Ergebnissen: „Jetzt gibt es seit Jahrzehnten Entwicklungszusammenarbeit, und Afrika ist noch immer arm.“ Doch das Bild ist nicht ganz so düster, denn die Entwicklungszusammenarbeit hat viel bewegt und hat eine starke Brückenfunktion.
Heute muss man wirklich vor Ort tätig sein und lokale Kompetenzen aufbauen. Eine Konsulententätigkeit wie noch vor zwanzig Jahren funktioniert nicht: Man fährt hin, nimmt wie ein Staubsauger alle Informationen auf, packt sie in den Koffer, fährt hierher nach Europa, beginnt dann das Know-how anzuwenden und fährt dann wieder hin mit der Lösung. Hier hat ein Umdenkprozess stattgefunden. Und die Entwicklungszusammenarbeit bietet diese Brücke.
Spalek: Wie kann die Entwicklungszusammenarbeit nun österreichisches Know-how mit entsprechenden Auftraggebern in Entwicklungsländern zusammenbringen?
Hüpfl: Das eine ist der klassische Kapazitätenaufbau. Hier kann die Entwicklungszusammenarbeit mehr leisten als die Industrie. Das andere ist eine langfristige Begleitung, über mindestens zehn Jahre, also ein Denken in Programmen und nicht in isolierten Projekten. So erreicht man nicht nur eine Nutzung der Technologie, sondern auch eine nachhaltige Lösung des Problems – das geht nämlich über das reine Nutzen von Maschinen hinaus.
„Es ist wichtig, dass der Energiesektor in der Entwicklungs-
zusammenarbeit weiterhin eine wesentliche Bedeutung hat.“
Andreas Ranet
Spalek: Funktioniert die Kooperation?
Ranet: Sie funktioniert sehr gut, wenn sie stattfindet. Und das ist die Überleitung in Richtung eines Appells: Es ist wichtig, dass der Energiesektor in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit weiterhin eine wesentliche Bedeutung hat. Ich denke, dass hochwertige Dienstleistungen und Produkte mit integrierten Lösungsansätzen und intelligenten Konzepten weiterhin den größten Mehrwert schaffen können. Unser Wunsch ist, dass man auch in der Entwicklungszusammenarbeit auf hochwertige Leistungen nach internationalen Standards setzt.
Spalek: Vielen Dank für das Gespräch!
© corporAID Magazin Nr. 28
Fotos: Mihai Mitrea, ICEP
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