Jenseits von Afrika
07/2010 - Löwen, Savannen, bittere Armut – die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent ist eine gute Gelegenheit für eine Auseinandersetzung mit vorherrschenden Stereotypen. Verschiedene Initiativen setzen sich für ein differenziertes Afrika-Bild ein.
Public Viewing mit Ke Nako
Rahmenprogramm: Sensibilisierung statt Couch und Dosenbier






Bilder im Kopf: Safari und Daktari, Hunger und Armut, Diktatoren in Leopard und mit Lametta
Am 11. Juni 2010 um 4 Uhr nachmittags richteten sich Millionen Augen gebannt auf Johannesburg. Es lag an einem Mann in kurzen Hosen und gelbem Leiberl, Millionen Herzen höher schlagen zu lassen – durch einen kurzen Pfiff, der den Beginn des Eröffnungsspiels der 19. Fußball-Weltmeisterschaft markierte. Vier Wochen lang gilt das internationale Interesse Südafrika – zumindest das des fußballaffinen Teils der Menschheit, immerhin rund 1,5 Milliarden weltweit.
Zum ersten Mal in der Geschichte wird eine Weltmeisterschafts-Endrunde auf afrikanischem Boden ausgetragen. Und ist damit mehr als nur ein Sportgroßereignis. „Natürlich sind wir als Unternehmen bei der Fußball-WM aktiv dabei“, sagt etwa Ute Hennig vom österreichischen Wettanbieter bwin. „Bei einem Großereignis in einem Land wie Südafrika ist es uns aber auch wichtig, über den Stadionrand hinauszuschauen.“
Ignoranz und Projektionen Ein vergleichbares Interesse für Südafrika gab es das letzte Mal vor 16 Jahren, bei der Wahl Nelson Mandelas zum Staatspräsidenten. Daher verwundert es nicht, dass unser Wissen über Südafrika bescheiden ist, über viele seiner Nachbarländer kaum existent.
Gleichzeitig wird kein anderer Kontinent so pauschal in Schubladen gesteckt wie der afrikanische. Immer dabei sind Armut und Rückständigkeit, die detaillierteren Assoziationen variieren von Safari-Romantik über ausgemergelte Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen bis hin zu verrückten Diktatoren, von Booten voller verzweifelter Flüchtlinge über Dürre-Katastrophen bis zu archaischen Stammesritualen. Die Bilder sind immer die gleichen.
Dabei ist Afrika eigentlich ein Sinnbild für Vielfalt: Eine Milliarde Menschen lebt auf dem Kontinent in 53 Ländern, die mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen – und schon in sich überaus heterogen sind. In Europa, wo gerne gelacht wird über die plumpe Ignoranz der US-Amerikaner gegenüber der Welt, werden sie dennoch nur zu gern vereinheitlicht. Nur wenige sind in der Lage, aus dem Stegreif Mosambik auf der Landkarte zu zeigen oder die Hauptstadt Nigerias zu nennen.
Historische Chance Als der Präsident des Weltfußballverbands FIFA, Joseph Blatter, 2004 Südafrika als Austragungsort der heurigen Weltmeisterschaft verkündete, war die Euphorie groß. Ganz Afrika sei der Gewinner, so Blatter damals. Wäre es nach ihm gegangen, hätte schon 2006 ein afrikanisches Land anstelle von Deutschland die WM organisieren sollen. Vier Jahre später ist es soweit. Das offizielle Motto der Endrunde, „Ke Nako“, verwendet zwei Worte aus der Sotho-Sprache, die so viel bedeuten wie „Es ist Zeit.“ Der Zusatz „Celebrate Africas Humanity“ und das Logo mit den stilisierten Umrissen des Kontinents zielen darauf ab, das Bild von Rückständigkeit und Unsicherheit für ganz Afrika zu widerlegen. „Die wichtigste Aufgabe 2010 wird sein, das Bild zu erneuern, das die Menschen von Afrika haben“, sagte der ivorische Starfußballer Didier Drogba im Vorfeld der WM. Seinen Wunsch teilen die Menschen quer über den Kontinent – und vielleicht am meisten jene, die außerhalb Afrikas leben und im Alltag die Konsequenzen des verqueren Bildes spüren.
Gerade aus südafrikanischer Sicht ist viel symbolisches Kapital im Spiel. Großereignisse wie eine Fußball-Weltmeisterschaft – immerhin das zweitgrößte globale Sportereignis nach den Olympischen Spielen – dienen dazu, die Leistungsfähigkeit eines Landes zu demonstrieren, sein Prestige zu erhöhen und es so für Investoren wie Touristen attraktiv zu machen. Ein neues Afrika-Bild ist notwendig, um Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe und eine Wahrnehmung der afrikanischen Staaten als ernst zu nehmenden Partner für die Lösung globaler Probleme zu ermöglichen.



Ke Nako Afrika: Entwicklungscontainer im Wiener MuseumsQuartier
Ke Nako Auch in Österreich lehnt man sich an den offiziellen Slogan an, um die Aufbruchsstimmung rund um das Sportereignis greifbar zu machen. Mit „Ke Nako Afrika – Afrika Jetzt!“ finden während der Fußball-WM über 200 Veranstaltungen in ganz Österreich statt. Über hundert Kulturveranstalter, migrantische und entwicklungspolitische Organisationen, Fußballvereine, Schulen, Medien, Gastronomen, Städte und Gemeinden gestalten das Programm mit. Die Organisatoren der Initiative, die Austrian Development Agency ADA und das Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit VIDC sowie die Afrika Vernetzungsplattform, wollen mit Ke Nako Afrika Stereotype und Widersprüche in unseren Afrika-Bildern thematisieren.
Das Sport-Großereignis fungiert als willkommener Anlass zu zeigen, dass Afrika mehr zu bieten hat. Und zwar auch jenen Menschen, die normalerweise mit Entwicklungszusammenarbeit nicht viel anfangen können. „Wir versuchen natürlich, den einen oder anderen Fußballfan mit unserem Angebot abzuholen“, sagt Heidi Liedler-Frank, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der ADA. „Unser größtes Anliegen war aber, die Initiative möglichst breit anzulegen, um die Sichtbarkeit zu erhöhen.“
Ke Nako will ein vielfältiges Bild zeigen, Fußball ist dafür der Ausgangspunkt, aber nicht der einzige thematische Fokus; das Spektrum – von Public Viewing über Lesungen, Ausstellungen, Konzerte und Workshops – soll der Vielfalt des Kontinents Rechnung tragen. Im Hof des Wiener MuseumsQuartiers hat Außenminister Spindelegger wenige Tage vor Beginn der Fußball-WM den Entwicklungscontainer der ADA eröffnet – eine Ausstellung, die mit interaktiven und intermedialen Tools das „andere“ Afrika begreifbar machen möchte. Welche Aspekte dieses andere Afrika bestimmen, ist dabei nicht eindeutig festzustellen. Ke Nako Afrika möchte ein junges, urbanes Afrika zeigen. Auch Südafrikas Botschafter Xolisa Mfundiso Mabhongo sprach im Rahmen der Ausstellungseröffnung von der Notwendigkeit neuer Bilder. Er möchte sein Land in erster Linie als attraktives Investitionsziel präsentieren.
Zwischen Extremen Mit ein Grund, warum sich die Klischees über Afrika so hartnäckig halten, ist die Berichterstattung in den europäischen Medien. Afrika wird reduziert auf Armut, Krieg, Korruption und humanitäre Katastrophen. Dass viele Staaten gewaltige Probleme haben, ist eine Tatsache. 31 der 47 ärmsten Länder der Welt liegen auf dem afrikanischen Kontinent, auch die meisten gescheiterten Staaten finden sich hier: Im Sudan, in Somalia oder in der Demokratischen Republik Kongo sind gewalttätige Konflikte an der Tagesordnung.
Bezeichnend ist das Ausmaß, in dem das Thema Sicherheit vor der Weltmeisterschaft die Schlagzeilen dominierte. Als während des diesjährigen Afrika-Cups in Angola ein Anschlag auf die Nationalmannschaft von Togo verübt wurde, erhielt die Panikmache zusätzliche Nahrung. Obwohl der Anschlagsort 1.000 Kilometer von Südafrika entfernt ist, häuften sich die öffentlichen Angstbekundungen. Das sei so, als ob man in Europa einen Vorfall in Tschetschenien mit der Situation in Großbritannien in Verbindung zu bringen versuchte, relativierte WM-Kommunikationschef Rich Mkhondo. Allen Erklärungen zum Trotz, eine latente Unsicherheit blieb.
Von Afro-Pessimismus sprachen Beobachter bereits Monate vor der Weltmeisterschaft. Dagegen kommen rationale Argumente schwer an. Das „Only bad news are good news“-Prinzip verstärkt das negative Bild. Erfolgsgeschichten aus Afrika sind eine Seltenheit. Die funktionierenden Demokratien in Botswana oder Ghana werden genauso wenig thematisiert wie afrikanische Wissenschaftler oder Intellektuelle zu Wort kommen. Auch Wirtschaftsdaten zu Afrika finden sich selten. Obiageli K. Ezekwesili, Vizepräsidentin der Weltbank für die Afrika-Region, betonte bei einer Veranstaltung der ADA in Wien die positiven Prognosen für den Kontinent: Afrikas BIP soll 2010 um 3,8 Prozent, 2011 sogar um 4,6 Prozent zulegen. Bis 2015 wird die wachsende Mittelschicht 200 Millionen neue Konsumenten generieren – beeindruckende Zahlen. Diese andere Realität Afrikas will nicht so recht ins Bild passen: Die Katastrophenregion als Business Opportunity?


Kap Transmissions bietet Einblicke in das „andere“ Südafrika und setzt dazu auf Multimedia.
Graustufen Auch NGOs, die eine Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung zum Ziel haben, spielen eine ambivalente Rolle, indem sie die Opferrolle der afrikanischen Länder in den europäischen Köpfen zementieren. Denn obwohl die Entwicklungszusammenarbeit sich weiter entwickelt hat und zunehmend als gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Nord und Süd verstanden werden möchte – das plakatierte afrikanische Kind mit den großen traurigen Augen funktioniert immer noch am besten, um Spenden zu lukrieren. Das Bild der hilflosen Afrikaner, deren Leben wir durch unseren Großmut verbessern, hat sich eingebrannt. Dass immer weniger Medien eigene Korrespondenten nach Afrika entsenden, und die Öffentlichkeitsarbeit der NGOs immer professioneller wird, verstärkt die Einseitigkeit der Berichterstattung. Die einen brauchen Geschichten, die anderen mediale Aufmerksamkeit, so der Deal.
Den von den Medien transportierten Bildern möchte Kap Transmissions etwas entgegen setzen. Das Projekt des Wiener Medienbüros name*it ergänzt durch alternative Berichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft die Schwarz-Weiß-Malerei durch Zwischenstufen: In Kooperation mit südafrikanischen Medien wird die Aufmerksamkeit rund um die WM für die Darstellung politischer und sozialer Realitäten genutzt – in Artikeln, Audio- und Video-Beiträgen. Neben dem Ausgangsthema Fußball geht es um Politik, Kunst und Kultur sowie das ganz normale Leben. Dabei sollen positive Aspekte genau so viel Platz haben wie negative. Kap Transmissions wurde Mitte April in den Räumlichkeiten des Wettanbieters bwin, der das Projekt sponsert, präsentiert.
Die Themen der Reportagen reichen vom Alltag in den Townships über die Entwicklungsgeschichte des Fußballs bis zu ökologischer Energieproduktion in Südafrika. Junge südafrikanische Künstler werden ebenso vorgestellt wie innovative Entwicklungsprojekte rund um Fußball.
Fußballfans sind nur ein kleiner Teil der Zielgruppe, erklärt Clemens Foschi von name*it: „Kap Transmissions richtet sich an Medienkonsumenten, die sich für Südafrika abseits der Stadien interessieren. Die Vielfalt an Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven soll die heterogenen Realitäten Südafrikas abbilden.“ Durch die Zusammenarbeit mit Ö1, der Wiener Zeitung und FM4 erreicht das Webjournal ein breites Publikum. Kap Transmissions setzt auch auf Social Media und kann auf Facebook und Twitter verfolgt werden. Auf verschiedenen Blogs erhält der Leser vielfältige Eindrücke aus dem Gastgeberland.
Für Sponsor bwin ist Kap Transmissions besonders interessant, weil es mit dem Internet das Medium verwendet, mit dem bwin sein Geschäftsmodell erfolgreich umsetzt. „Das Konzept von Kap Transmissions passt hervorragend zu unserem CSR-Leitgedanken „Share and Win“: Es nutzt neue Kommunikationstechnologien, die Mittel des Internets, um Wissen unabhängig von Zeit und Raum zu vermitteln und offen der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen,“ sagt CSR-Managerin Ute Hennig.„Das Projekt bedeutet für uns einen Aufbruch, den Auftakt zu mehr Engagement in neuen Betätigungsfeldern.“ Bisher habe sich bwin vor allem im Kerngeschäft mit seiner unternehmerischen Verantwortung beschäftigt. „Die Förderung von sozialer Entwicklung durch Technologie und Kommunikation verbindet unsere Interessen,“ sagt Foschi.
And the winner is… Ums eigentliche Geschäft müssen sich die Sportwettenanbieter jedenfalls keine Sorgen machen – Wettbüros haben Hochsaison, sie zählen zu den großen Gewinnern dieser Weltmeisterschaft. bwin verzeichnet schon nach der Gruppenphase der Fußball-WM doppelt so viele aktive Kunden wie im bisher stärksten Sportwettmonat. Wie die Bilanz von Südafrika und dem ganzen Kontinent ausfällt, ist noch schwer zu sagen. Sportlich spricht momentan nicht viel für einen afrikanischen Weltmeister. Vielleicht wäre ein verändertes Image der afrikanischen Staaten im Rest der Welt aber ohnehin der größte Gewinn für den Kontinent. Auch damit sich die 40.000 afrikanischen Migranten in Österreich nicht mehr mit der Charakterisierung abfinden müssen, derzufolge sie unter dem Generalverdacht stehen, drogendealende Asylwerber zu sein.
Initiativen wie Ke Nako und Kap Transmissions geben einen wichtigen Anstoß, die vorherrschenden Stereotype zu hinterfragen. Ob sich nach dem finalen Abpfiff am 11. Juli jedoch bleibende Veränderungen in der Wahrnehmung Afrikas feststellen lassen werden, ist ungewiss. Wetten werden noch angenommen.
© corporAID Magazin Nr. 28
Text: Christina Bell
Fotos: MIH, ADA/Hellmrich, Apaots Dest, Flickr
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