Interview

Werkzeug für Veränderung

07/2010 - Venture Capitalist Nikolaus Hutter über das Potenzial von Social Venture Capital, fehlende Messgrößen für sozialen Nutzen und Marktlogik.


Nikolaus Hutter Querdenker

corporAID: Was ist Social Venture Capital-Investing?

Hutter: Im Kern ist Social Venture Capital-Investing die Anwendung des Venture Capital Prinzips: Risikostreuung und hochriskante Investments. Das heißt auch: Scheitern ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Sicherheit. Ein Venture Capitalist muss also von Anfang an lernen, mit Stil zu scheitern: so früh wie möglich, so billig wie möglich und aus den richtigen Gründen – also aufgrund jener Fehler, die sich nicht vermeiden lassen. Venture Capital Investing gehört zu den aggressivsten Investment-Methoden mit den höchsten Ertragserwartungen von 30 bis 40 Prozent aufwärts, auf einen Fonds gerechnet. Von zehn Projekten knicken vier, fünf mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ein, zwei, drei bringen unglaubliche Renditen. Die gleiche Logik umgelegt auf das Erreichen von sozialen Veränderungen ist Social Venture Capital Investing.

Mit sozialen Projekten will man doch nicht scheitern ...

Hutter: Stimmt, aber mit Social Venture Capital will ich nicht nur ein bisschen Impact mit Faktor 2 oder 3 haben, wie bei einer Spende. Ich nehme ein hohes Risiko, aber wenn es funktioniert, habe ich einen Impact-Faktor von 200 oder 300. Angesichts der gesellschaftlichen Probleme, vor denen wir stehen, ist es die einzige richtige Herangehensweise, um herauszufinden, was funktioniert. Das Geld ist das Werkzeug für Veränderung. Ich sehe was skalierbar ist, womit Veränderung in großem Maßstab erreicht werden kann, und erst dort stecke ich meine Ressourcen hinein.

Ein Venture Capitalist sucht nach den finanziellen Renditen, ein Social Venture Capitalist sucht nach dem Social Benefit oder einer Mischung aus finanzieller und sozialer Rendite.

Wo liegen die Herausforderungen für den Social Venture Capital-Investor?

Hutter: Wir bewerten derzeit nur, was wir messen können. Das ist der Kern des Problems. Dinge wie Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, sozialen Nutzen oder soziale Kosten wie Umweltzerstörung messen wir derzeit nicht. Wir haben einen Überkonsum an Dingen, bei denen wir die sozialen Kosten nicht hinein rechnen, und ein Unterangebot an den Dingen, wo wir den sozialen Nutzen nicht berücksichtigen – und das betrifft den gesamten Sozialsektor! Würde jemand dafür zahlen, Hunger, Aids und all diese Probleme auszurotten, wäre das ein Milliarden-Dollar Markt. Der Bedarf ist zwar da, aber es gibt niemanden, der dafür bezahlt, also keine Nachfrage und daher keinen Markt. Dadurch kommt es zu einer extremen Fehlallokation von Ressourcen durch die Märkte. Ich glaube, man spürt das. Es gibt eine große Frustration von den höchsten politischen Ebenen bis zu allen Teilen der Bevölkerung. Alle sagen, irgendetwas krankt an diesem System, und ich glaube, das ist der Kern dieser Krankheit.

Wie kann also ein Social Venture Capitalist den sozialen Impact seines Investments messen?

Hutter: Es gibt sehr viele Ansätze – z. B. den Social Return on Investment SROI – aber keiner hat sich durchgesetzt. Es wäre sehr wichtig, ist aber extrem schwierig! Der For Profit-Sektor ist so effizient, so stark gewachsen und so produktiv, weil es eine Kerngröße gibt, auf die man alles herunterbrechen kann: den Profit. Man kann eine Firma, die Gesundheitszentren in Indien betreibt, anhand des Profits mit einem Waffenhandel vergleichen, aber nicht den WWF mit der Caritas. Es gibt leider noch keine allgemein gültige Kenngröße für sozialen Nutzen. Würden wir eine Möglichkeit finden, soziale Kosten und sozialen Nutzen vernünftig einzupreisen, dann könnten wir den Marktmechanismus loslassen und hätten dann ein Ressourcenallokation, die funktionieren würde.

Danke für das Gespräch!

Nikolaus Hutter unterstützt Sozialunternehmen als Finanzexperte und Mentor, u. a. Ennovent, und unterrichtet Social Entrepreneurship an der WU Wien. Der Investment Manager ist bei der Venture Capital Firma 3TS Capital Partners beschäftigt.


© corporAID Magazin Nr. 28
Das Interview wurde geführt von Barbara Coudenhove

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